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Politische Manifestationen in Prag am 28. März 1969, nach dem zweiten Spiel, dem 4:3 der CSSR.

CSSR und UdSSR

Brutaler „Bruderkampf“

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Im März 1969 triumphierte die CSSR bei der Eishockey-WM über die UdSSR. Das Land feierte die Siege als Revanche für die Okkupation.

Sport gilt vielen als eine Art Ersatzkrieg, 1969 löste ein Nationalspiel zwischen Honduras und El Salvador bei den WM-Qualifikationsspielen einen echten „Fußballkrieg“ aus. Immer wieder sind Sportereignisse zur Arena politischen Protests geworden, man denkt an die erhobenen Fäuste der afro-amerikanischen Medaillensieger Tommie Smith (Gold) und John Carlos (Bronze) im 200 Meter-Lauf bei der Olympiade in Mexiko. Die wurde auch zur Kulisse für Studentenproteste, um die Weltöffentlichkeit auf die Repression am Austragungsort hinzuweisen, wie zehn Jahre später bei der Fußball-WM in Argentinien auf die Foltergeneräle.

Ende März 1969 kamen alle drei Elemente zusammen. Zweimal traten bei der Eishockey-WM in Schweden die Teams der CSSR und der UdSSR gegeneinander an, zweimal gewannen die Tschechoslowaken das ausgesprochen körperbetonte, ja brutale Duell mit 2:0 und 4:3. In der Eishalle wie in der Heimat wurde der Ausgang mit äußerster Genugtuung gefeiert, als Revanche für die Okkupation der sowjetisch geführten „Brudernationen“, die am 21. August 1968 den „Prager Frühling“ und das Experiment eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ mit militärischer Gewalt beendet hatten.

Als Sympathisant dieses Experiments erinnere ich mich, wie auch mich vor dem Fernseher ein kaltes Rachegefühl durchflutete, doch noch mehr Bitterkeit über die baldige Absetzung des unglücklichen KP-Chefs Alexander Dubcek, die bleierne Jahre der „Normalisierung“ und 20 weitere Jahre grauen Realsozialismus einleitete.

Dieser Ersatzkrieg kam nicht von ungefähr. Die tschechoslowakische Equipe, darunter die legendären Dzurilla, Golonka, Suchý, Augusta und Holík-Brüder, hatte vor dem Spiel die roten Sterne auf dem Trikot überklebt, mit höhnischen Worten und ohne sportlichen Handschlag gingen sie vom Eis. In Prag und an Garnisonsorten der Besatzungstruppen kam es nach dem zweiten Spiel zu heftigen Ausschreitungen, die Büros von Aeroflot und Intourist gingen in Flammen auf, das sowjetische Ehrenmal wurde zerstört. Auch tschechische Soldaten beteiligten sich an den Attacken. Diese „konterrevolutionären“ Akte hätten leicht zur militärischen Konfrontation führen können, doch das Politbüro im Moskau löste die Krise mit Hilfe der Kollaborateure, die sich in Prag zur Verfügung gestellt hatten, und der Westen nahm die „Beruhigung“ dankbar zur Kenntnis.

Den WM-Titel holte die CSSR übrigens nicht, sondern die russische Mannschaft. Während der Siegerehrung fiel in Prag der Strom aus.

Die Vorgeschichte des Duells, die der Sporthistoriker Michael Prozumenscikov erforscht hat, waren eine ganze Serie von Showdowns zwischen den beiden Nationen seit den 1950er Jahren, bei denen es ebenso wenig „brüderlich“ zugegangen war. Auch die Zuschauer hatten bei Sportveranstaltungen die Gelegenheit, zwei ansonsten verbotene Dinge zu tun: sich massenhaft zu versammeln und einen verhassten Gegner niederzubrüllen. Die Geschichte der Sportbeziehungen zwischen der CSSR und der Sowjetunion liest sich wie eine Dauerkrise. Sporttribünen dienten auch in anderen Volksrepubliken der Demonstration populärer Dissidenz, die sonst kein Ventil fand. Sowjetische Sportler mussten sich auch in anderen Disziplinen regelmäßig beschimpfen, ausgepfiffen und anbrüllen lassen, einige wurden auch körperlich angegangen.

Zehn Jahre später fand die Eishockey-WM in Prag statt. Wieder saß ich vorm Fernseher und erwartete, das CSSR-Team, das dreimal hintereinander den Titel gewinnen hatte, würde den Sieg davontragen. Doch das Match ging 1:3 verloren, die CSSR verlor den Titel. Ein wenig Hoffnung machte uns die Petition, die Vaclav Havel und andere unter den Namen Charta 77 in Umlauf brachten. Bis heute liegt eine Spannung über Eishockey-Begegnungen zwischen den beiden Ländern, die übrigens eines verbindet: Dort haben die beiden einzig nennenswerten kommunistischen Parteien im ehemaligen Ostblock überdauert. In Prag regiert sie sogar indirekt mit.

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