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Der georgische Schriftsteller Davit Gabunia.

Literatur

Die brutale Männlichkeit zerbricht in Georgien

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Der georgische Schriftsteller Davit Gabunia spricht über die die tiefen Wurzeln der Homophobie in Georgien ? und warum sein Roman über ein schwules Paar trotzdem eine begeisterte Leserschaft fand.

Davit Gabunia, Sie haben ein Stück für das Staatstheater Karlsruhe geschrieben. Es geht um Vergangenheitsbewältigung und spielt 1937, als der Große Terror Stalins seinen Höhepunkt erreicht hatte. Im Zentrum steht ein Dichter. Wer war das?
Sein Name ist Paolo Iashwili. Er hat sich 1937 im Haus der Schriftsteller in Tbilisi umgebracht. In der Presse wurde die Tat als eine Provokation dargestellt. Als einzigartiger Akt von Tapferkeit.

Aber er hat sich doch unter dem Druck der Stalinschen „Säuberungen“ umgebracht, oder?
Ja, aber er wollte mit dieser Tat etwas zeigen. Er hatte Briefe an seine Angehörigen geschrieben. Seinen Freunden hatte er gesagt: Ich werde euch zeigen, dass ich ein anständiger, ehrlicher Mensch bin. Ich werde etwas tun. Er hätte auch kollaborieren und sein Leben retten können, so prominent und charismatisch war er. Viele Schriftsteller haben auf diese Weise überlebt. Es war ein Akt der Tapferkeit, auch wenn er nicht viel verändert hat. 

Wie haben die Machthaber reagiert?
Sie taten alles, um Iashwilis Namen auszuradieren. Seine Bücher wurden verboten. 120 Schriftsteller sind in der Zeit verschwunden und wir wissen nicht, was mit ihnen passiert ist, ob sie in Tbilisi erschossen wurden oder ob man sie in Sibirien von einem Zug geworfen hat. Paolo Iashwili war vor der Sowjetzeit ein dekadenter Dichter, er war ein Symbolist, ging nach Paris, kopierte die Avantgarde. Als er sich erschoss, so sagt es die Legende, spritzte sein Blut auf die beiden ausgestopften Tiere, den Tiger und den Löwen, im Haus der Schriftsteller. Dieses Bild haben wir benutzt, auch wenn das Stück keinen dokumentarischen Charakter hat. Ein Dichter sollte auf poetische Weise sterben. Und das tat er. Sein Suizid war der letzte poetische Akt seines Lebens. 

Anfangs waren viele Intellektuelle auf Seiten der Bolschewiken.
Ja, und Paolo Iashwili war einer von ihnen. Sie waren froh, dass die Bolschewiken nach Georgien kamen und die drei Jahre währende Unabhängigkeit des Landes beendeten. Sie hatten große Hoffnungen in sie, wie andere auch. Es klang wie ein großartiges Projekt. Es war dann doch nicht großartig. Und das Ende war sehr traurig und tragisch.

Warum haben Sie einen Schriftsteller ins Zentrum gestellt?
In dem Stück geht es um das Schreiben, darum, wie wir schreiben, wie wir uns erinnern und wie wir vergessen. Es gibt eine Person in dem Stück, die die ganze Zeit über schweigt. Es ist die Putzfrau im Haus der Schriftsteller. Es gab sie wirklich, ihr Name war Anitschka. Sie war die erste, die den Pistolenschuss hörte, in den Raum kam und dann die Todesnachricht überbrachte. Im Stück bricht sie am Ende aus ihrer Rolle aus und hält einen langen Monolog, in dem sie darüber reflektiert, wie wir Geschichte verstehen und wie zweifelhaft und oft eindimensional dieses Verständnis ist. Wie das, was wir wahr nennen, eigentlich weit entfernt von Wahrheit ist. Es ist nur der Standpunkt, der für uns gerade am bequemsten ist. Über so etwas in Deutschland zu sprechen, war für mich besonders interessant, weil die Haltung der Deutschen gegenüber ihrer Vergangenheit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sich von der in Georgien völlig unterscheidet.

Das müssen Sie erklären.
In Deutschland ist die Geschichte genau untersucht und dokumentiert. Und jedes Jahr kommen neue Bücher darüber heraus. In Georgien ziehen wir es vor, uns an manche Dinge nicht zu erinnern. Diese Schriftsteller, die unter Stalin ermordet wurden, sind Opfer des Regimes. Aber gleichzeitig hat die Mehrzahl von ihnen mit diesem Regime kollaboriert, um zu überleben. Es hat nichts genützt, denn dieses Regime war so grausam. „Vergiss und erinnere dich dabei“, sagt die Putzfrau immer wieder. Und auch: „Ich weiß nicht, wie ich das machen soll.“ Ich mag es nicht, wenn ein Stück moralisch ist, das ist so von gestern. Ich denke, wir sollten verwirrend sein für das Publikum, in einem guten Sinn verwirrend.

In Tbilisi gibt es das Okkupationsmuseum, das diesen Teil der georgischen Geschichte als große Anklage erzählt. Kein Wort zur Kollaboration.
Das ist genau das Thema. Die baltischen Staaten können von Okkupation sprechen, aber was Georgien angeht, ist es wesentlich komplizierter. Wir gehörten zum Russischen Reich, die Russen haben uns einst geholfen, uns gegenüber den muslimischen Ländern zu verteidigen. Damals haben wir unsere Unabhängigkeit verloren. Wir wurden gerettet, aber zahlten einen hohen Preis. Es gab jahrzehntelang eine Beziehung aus Hass und Liebe. Und man kann nicht einfach sagen, dass die Rote Armee in Georgien einmarschiert ist und keine Georgier dabei waren. Diese Armee wurde von einem Georgier angeführt. Und viele Georgier begrüßten die Invasion. Es gab auch Widerstand in der jungen unabhängigen Republik, die, nebenbei bemerkt, von Deutschland unterstützt wurde. Ich schätze das Museum, weil früher gar nicht über diese Zeit geredet wurde, aber es ist so eindimensional. Dabei ist es ein komplexes Thema.

Ist diese Periode unter Stalin ein wichtiges Thema in Romanen oder Theaterstücken?
In den 80ern gab es diesen berühmten Film „Reue“ von Tengiz Abuladze.

Eine Abrechnung mit dem Stalinismus...
Ja, und sehr gewagt, auch wenn wir uns in der Perestroika-Zeit befanden. Es gab auch ein paar literarische Versuche, aber es war nie ein großes Thema in der Öffentlichkeit. Das passiert erst jetzt, weil Wissenschaftler sich in die Archive begeben. Leider sind viele Archive nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zerstört worden. Es ist auch nie ein Gesetz erlassen worden, damit all diese Informationen öffentlich gemacht werden. Etwa darüber, wer mit dem KGB zusammengearbeitet hat. Deshalb wollten wir auch kein Theaterstück machen, das einfach die Geschichte darstellt. Es ist eher unser Bekenntnis, dass wir nicht wissen, wie wir über die Geschichte sprechen sollen. Wir haben es nie gelernt.

In Ihrem ersten Roman, auf Deutsch, „Farben der Nacht“, spielt Geschichte fast keine Rolle.
Ich wollte etwas schreiben, das sich ganz leicht liest. Nicht kompliziert, intellektuell. 

Trotzdem gibt es einen politischen Hintergrund. 2012 erschütterte ein Folterskandal das Land. Fernsehsender zeigten Videos, in denen zu sehen war, wie Wärter auf am Boden liegende, vor Schmerz brüllende Häftlinge eintraten.
Es ist nichts dabei herausgekommen. Heute schert sich niemand mehr darum, was aus diesen Gefangenen wurde. Wir wissen auch nicht, was derzeit in den Gefängnissen passiert. Und es ist uns auch egal, wenigstens der großen Mehrheit. Hier kommt wieder dieses „Vergiss und erinnere dich“ ins Spiel. Ich bin gegen Verallgemeinerungen, aber vielleicht ist das eine nationale Eigenschaft. Wir Georgier sind neurotisch, sehr emotional, werden schnell wütend, die Situation eskaliert, und plötzlich ist dann alles vergessen. Damals gingen die Menschen in Massen auf die Straße, auch meine drei Protagonisten. Aber sie nehmen nur wahr, was in ihnen selbst vorgeht, nichts anderes.

Immerhin führten die Demonstrationen damals zu einem Regierungswechsel. Der damalige Präsident Micheil Saakaschwili wurde entmachtet.
Der Skandal fand kurz vor den Wahlen statt, wie praktisch. Und Bidsina Iwanischwili mit seinem Parteienbündnis „Georgischer Traum“ gewann dann. Und obwohl er jetzt keine politische Position mehr hat, ist er immer noch informeller Chef des Landes. Aber es wurde unter ihm nichts besser, es war nur ein Machtspiel. Und die Foltervideos waren manipuliert. Das ist traurig.

Im Mittelpunkt Ihres Buchs steht eine Liebesbeziehung zwischen zwei Männern. Das hat mich überrascht. Gibt es in der georgischen Gesellschaft nicht starke homophobe Strömungen? 
Ja, die gibt es. Auch die Hauptfigur ist homophob. 

Aber nicht von der extremen Sorte. 
Das stimmt. Ich bin selber schwul, aber aus meiner Perspektive zu schreiben, ist für mich nicht interessant. Deshalb wollte ich, dass dies ein Mann ist, kein gehörnter Teufel oder ein Vampir mit blutigen Zähnen, sondern ein ganz normaler Mann, der eigentlich nichts Böses tut. Es gibt nur diese Dosis Homophobie. 

Was liegt der Homophobie in Georgien zugrunde?
Für mich ist sie Ausdruck einer Männlichkeitskrise. Und wenn wir tiefer graben, führt das zu einer allgemeinen Misogynie, einem Hass auf Frauen. Das Land befindet sich seit den 90ern in einer Übergangszeit, auch wenn man jetzt aufgehört hat, von Übergang zu sprechen, denn wie lange kann man sich im Übergang befinden? Und das große Ding für mich ist das Aufbrechen von Geschlechterrollen. Die Männlichkeit fühlt sich dadurch bedroht. Ich meine die Männlichkeit in einem patriarchalen Sinn, diese traditionelle, brutale, machohafte Männlichkeit, die besagt, dass der Mann der Kopf und der Ernährer der Familie ist. Diese Art von männlicher Identität zerbricht gerade. Und das wollte ich zeigen, nicht als Katastrophe, sondern indem ganz normale Leute etwas Außergewöhnliches tun. So wie bei Fassbinder, den ich anbete.

Was hat sich in Georgiens Gesellschaft verändert, dass die von Ihnen beschriebene Männlichkeit einen schweren Stand hat?
Es hat in den 90ern angefangen, als die Sowjetunion zusammenbrach. Das Patriarchat war damals noch stärker als heute, die Rollen in der Familie waren ganz klar definiert. Auch heute noch ist Kindererziehung Frauensache. Darüber gibt es keine Diskussion. Nach dem Zusammenbruch aber hörte einfach alles auf zu funktionieren. Es gab nichts zu essen, keinen Strom, kein Wasser, keine Arbeit. Einfach nichts. Frauen mussten sich was einfallen lassen, sich wirtschaftlich betätigen, indem sie irgendwas herstellten und verkauften. Auch wenn sie es gar nicht wollten. Und Ende der 90er begann dann die Arbeitsmigration. Und es waren und sind vor allem Frauen, die ins Ausland gehen, um zu arbeiten. Dadurch haben sich Frauen ermächtigt gefühlt. Man muss sich nur den Bereich der Literatur ansehen, da gibt es einen Autorinnenboom. Davor gab es nur männliche Autoren, die ernst genommen wurden. 

Das ist doch gut.
Aber die Mentalität ändert sich nicht, das patriarchalische System ist tief in der Gesellschaft verwurzelt. Nachdem die Homosexuellen und andere Minderheiten in den vergangenen Jahren ihren Mund aufmachten, gab es eine enorme Gegenreaktion. Ich habe viele Jahre für Frauen-NGOs gearbeitet und dann aufgehört, weil ich frustriert war, müde. Man steckt da so viel Arbeit rein und sieht kein Ergebnis. Das ist schmerzhaft. Und so bin ich zum Theater geflüchtet. Ich bin nicht so naiv oder so jung, dass ich denke, man kann mit Hilfe des Theaters etwas verändern. Aber bei zehn Leuten vielleicht doch. Oder vielleicht hundert.

In Georgien sind in den vergangenen Jahren Antidiskriminierungsgesetze erlassen worden, aber das scheint nicht das zu repräsentieren, was in der Gesellschaft vor sich geht, oder?
Wir wollen uns an die westlichen Länder anpassen, darum geht es. Und sie tun das nicht gern. Ich kann mich an Anhörungen im Parlament erinnern, da ging es um ein Gesetz gegen häusliche Gewalt. Eine NGO hatte es initiiert, eine Abgeordnete unterstützte es. Ein Abgeordneter meinte: Ist es jetzt etwa häusliche Gewalt, wenn ich meiner Frau auf den Hintern haue? Alles lachte. Als es um Gesetze gegen Belästigung von Frauen ging, passierte es wieder. „Wenn ich einer Frau hinterherschaue wegen ihrer schönen Beine, ist das etwa ein Problem? Dann werden wir alle aussterben“, hieß es. Das würde jetzt nicht mehr passieren. Sie haben gelernt, dass das nicht geht.

„Farben der Nacht“ ist in Georgien ein Bestseller, trotz zweier schwuler Protagonisten.
Ich hätte auch einen Essay schreiben können zum Thema Homophobie, und meine Freunde hätten ihn sicher gelesen. Aber sie brauchen das nicht. Ich hoffte, andere zu erreichen. Deshalb ist mein Buch absichtlich nicht anspruchsvoll, es ist ein halber Thriller. Vielleicht wird sich jemand fragen, was diese verinnerlichte Homophobie bedeutet. Und vielleicht wird jemand zum letzten Kapitel vordringen, das das wichtigste für mich ist. Der junge Schwule sagt darin: Ich werde meine Vorhänge nicht schließen. Jeder soll mich sehen.

Es scheint wenigstens in Tbilisi Orte zu geben, an denen Homosexuelle sich frei fühlen können. Die Clubs dort etwa, allen voran der auch im Westen bekannte Bassiani.
Das ist eine ziemlich neue Entwicklung. Und es gibt auch hier eine Gegenreaktion. Ich bin 36 und beobachte, dass die jüngere Generation, die Leute unter 30, vollkommen anders sind. Es ist leichter für sie, sie haben das Internet, sie leiden nicht so. Aber gleichzeitig ist es auch riskanter. Wie der junge Schwule in meinem Buch leben sie völlig offen schwul, obwohl das gefährlich ist. Sie sagen: Fuck you! Wir sind sichtbar. Das ist sehr tapfer.

Als im Mai der Bassiani geschlossen wurde, gingen Zehntausende auf die Straße, um dagegen zu protestieren.
Und es hieß sofort: Das sind alles Schwuchteln, das sind keine Georgier, die stehen unter westlichem Einfluss. Dabei ist der Bassiani nicht einmal ein queerer Club. Sie machen nur manchmal queere Veranstaltungen.

In Georgien wird andererseits dieser westliche Einfluss geradezu ersehnt, wäre man lieber heute als morgen Teil der EU.
Und Sie glauben nicht, was die Visafreiheit in Bezug auf die Schengenstaaten für Möglichkeiten für junge Menschen eröffnet hat. Es gibt Billigflieger, die bringen einen für 40 Euro nach Berlin und wieder zurück. Oder nach Prag, Budapest, Paris oder Barcelona. Und viele junge Georgier mögen diese Offenheit. Vielen von uns erscheint Berlin wie ein Paradies, und nicht nur, weil man leicht an Drogen herankommt oder Clubbing gehen kann. Es ist noch viel mehr.

Gehen Sie in Clubs, wenn Sie in Berlin sind?
Ich war noch nie in einem Berliner Club, weil ich hier jeden Abend ins Theater gehe. Man kann hier einfach ein Stück von Robert Wilson sehen oder eines von Marthaler oder von Katie Mitchell. Das schien vor einigen Jahren noch wie SciFi. Es weitet den Horizont. Aber ein Protagonist in meinem nächsten Buch geht Clubbing, also muss ich recherchieren.

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