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Er hat's schon begriffen: Der Street-Art-Künstler El Bocho aus Berlin malt an Mangas angelehnte Frauenportraits.
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Er hat's schon begriffen: Der Street-Art-Künstler El Bocho aus Berlin malt an Mangas angelehnte Frauenportraits.

Comics für Frauen

Brüste statt Kulleraugen

Lange Zeit galten Comics als typische Jungs-Lektüre. Das soll sich jetzt ändern: Eine „Special for Ladies“-Edition soll Frauen das Comiclesen schmackhaft machen. Im Mittelpunkt: Großstadtmütter, It-Girls, Magersüchtige - und immer der weibliche Körper.

Von Katja Lüthge

Mädchen lesen lieber und signifikant besser als ihre männlichen Altersgenossen. Eine Gegebenheit, die mit einer Neigung zu Redundanz in jeder der derzeit zuhauf verfertigten Bildungsstudien bestätigt wird. Ein Medium konnte allerdings bislang nur bedingt von dieser weiblichen Überlegenheit profitieren: der Comic. Weder Mädchen noch (junge) Frauen schienen sich lange Zeit für die gezeichneten Geschichten in Heftchen und Alben zu interessieren. Auch in Deutschland galt der Schrift-Bild-Hybrid lange Zeit als Domäne pubertierender Jungs oder irgendwie suspekter erwachsener Männer. Wer noch vor wenigen Jahren etwa Comic-Messen besuchte, sah sich dort auch tatsächlich mit zahlreichen Männern mittleren Alters konfrontiert, deren äußere Erscheinung man sich in dem denkbar krassesten Kontrast zu den muskulösen Superhelden und den prallbusigen Heroinen auf den Comic-Covern vorzustellen hat.

Manga macht Comics für Mädchen interessant

Umso bemerkenswerter sind die vielen Mädchen – gern in Verkleidung – die heutzutage auf derartigen Veranstaltungen zu sehen sind. Dem Manga sei Dank! Die stark nach Alter, Geschlecht und Interessen ausdifferenzierten japanischen Serien haben geschafft, was amerikanische und europäische Comics in Deutschland bisher nicht vermochten: eine treue Leserinnenschaft zu formieren. Von (erster) Liebe, Schmerz und erstaunlich oft von der homoerotischen Begegnungen zwischen jungen Männern ist dort zu lesen, während die Bilder in filmischer Rasanz durch die Geschichte führen. Legionen kulleräugiger Mädchen haben seit „Sailor Moon“ mit expressiver Körpersprache junge Leserinnen beim Erwachsenwerden begleitet. Es sollte doch möglich sein, muss sich der Carlsen-Verlag gedacht haben, mit zielgruppenspezifischer Ansprache Comics auch an ein erwachsenes weibliches Lesepublikum zu verkaufen. Nun ist eine zunächst dreibändige „Special for Ladies Edition“ erschienen. Genauer gesagt Graphic Novels, so wenigstens ist es auf die mit ihren Gummizügen an Taschenkalender erinnernden flexiblen Cover gestempelt.

Im Mittelpunkt: der weibliche Körper

Graphic Novel for Ladies also. Wie ist das zusammenzudenken? Klingt Graphic Novel nach anspruchsvoller Unterhaltung, weist das „for Ladies“ doch eher auf „Sex and the City“, Jungesellinnenpartys mit Männerstriptease und Model-Castingshows hin. Immerhin ist ein gemeinsames Thema der drei Bände auszumachen: der weibliche Körper. Heiter-Banales aus ihrem Alltag präsentiert die Bloggerin und Illustratorin Margaux Motin in ihrem episodenhaften „Ich wär so gerne Ethnologin…“ Die gut aussehende Schuhfetischistin und Mutter einer kleinen Tochter sinniert dort etwa über die Größe ihrer Brüste, die Folgen übermäßigen Alkoholkonsums, die Zumutung der wöchentlichen Beinhaarepilation und immer wieder über High Heels. Insgesamt entspricht Motin wohl dem Frauenbild, das der US-Serie „Sex and the City“ zugrunde liegt: Sie ist eine ideale Konsumentin, selbstironische Mutter und sexy Ehefrau, die beschwingt und hysterisch durchs Leben tanzt. Das Ganze ist recht drollig umgesetzt, Motins farbige Figuren kommen fast ohne Hintergründe aus, die vom Mädchen-Manga inspirierte Dynamik wirkt fast niedlich. Romanhaft ist daran natürlich nichts, dafür scheinen die kleinen Karikaturen umso geeigneter für den Abdruck in Frauenzeitschriften. Gewissermaßen in guter Frauenzeitschriftentradition ist das pinkfarben eingeschlagene „Paris“ von einem Mann, Maarten Vande Wiele, gezeichnet. Ungleich boshafter als Motin setzt er dem weiblichen Körper zu. Für drei junge Frauen – ein Model, ein Society Girl und eine Sängerin – ist ihr Körper der Weg in die Konsumgesellschaft. Auf dem Weg nach oben taumeln sie Drogen konsumierend von einer Party zur nächsten und lassen sich von jedem vögeln, der nützlich sein könnte. Sie werden schrecklich scheitern – aber das gut angezogen! Der Zeichner, offensichtlich ein Fan von dem Film „Der Teufel trägt Prada“, verweist in Anmerkungen auf die Namen der Designer. Abgesehen von den erstaunlich hingebungsvoll umgesetzten Gruppensexszenen mangelt es dem mit starken Schwarzweiß-Kontrasten arbeitenden, trashigen „Paris“ aber an erzählerischer Originalität und comicspezifischer Könnerschaft.

Schlanksein bis zum Hungertod

Zur „Ladies-Night“ lädt der Verlag im Zuge der Veröffentlichung in ausgewählten Städten gemeinsam mit einer großen Buchkette, „Lifestyle zum Anfassen und Fantasieren“ soll dort geboten werden. Das mutet auch angesichts des dritten Titels der Editon, nämlich „Luft und Liebe“ von Hubert und Marie Caillou doch recht sonderbar an. Der eindeutig gelungenste Band der Serie thematisiert die Magersucht einer jungen Frau und eines jungen Mannes unaufgeregt in grafisch strengen, pastelligen Bildern. Angesichts des in den drei Bänden propagierten „Lifestyles“, nämlich dem Schlanksein auch bis zum Hungertod, überkommen uns doch erhebliche Zweifel an der „Special for Ladies Edition“. So gewinnt man naturgegeben keine dauerhaften Leserinnen.

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