René Descartes erklärt Christina von Sweden die Welt.
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René Descartes erklärt Christina von Sweden die Welt.

Rezension

Brüderchen und Schwesterchen

Durs Grünbeins großer Versuch über Descartes und die Geburt der Moderne sind ein lustvolles Exerzitium in genauem Lesen und Denken. Ein schöneres Geschenk kann man sich kaum machen.

Von xxawi

Nur 142 Seiten hat das Büchlein. Wer am Weihnachtsmorgen anfängt, hat es in der Nacht ausgelesen. Ein schöneres Geschenk kann man sich kaum machen. Durs Grünbeins drei Meditationen über Descartes sind ein lustvolles Exerzitium in genauem Lesen und Denken. Wer Spaß daran hat, einer Argumentation zu folgen, gleichzeitig aber hellhörig zu bleiben für die Neben- und Untertöne, der wird dieses Buch genießen. Es ist klar und deutlich, clare et distincte, wie Descartes das von der Reflexion forderte. Gleichzeitig aber ist es anspielungsreich, wunderbar mehrtönig.

Der Leser folgt zum Beispiel gleich am Anfang interessiert Grünbeins Erwägungen über Descartes "Lebensgeister" und freut sich daran, wie der Dichter und Essayist diesem uns so meilenweit überholt vorkommenden Konzept durch den kleinen Nachsatz "die Vorhut der heutigen Botenstoffe" ihre frühneuzeitliche Naivität nimmt und sie dem heutigen Leser plausibel macht.

Der folgt ihm gerne und nun schon fast verzaubert, wenn Grünbein ihm vorspinnt, man könne auf einem Bilde von David Teniers d. J. in einem kaum sichtbaren Manne, der sich, seine Kopfbedeckung am Weidenzaun hinterlassend, abwendet von der Gesellschaft, der Narrengesellschaft, in der wir alle leben und allein hinauszieht in die flache Polderlandschaft, einen Genossen René Descartes oder gar diesen selbst entdecken, wie er dem Hofleben, dem Militär, der gelehrten Welt, der Geselligkeit überhaupt überdrüssig, sich endlich abwendet, um allein zu sein mit seinem Ich, diesem Rätsel, das Ursprung und Ende zugleich ist aller Philosophie.

Mehr als einhundert Seiten hat der Leser an dieser Stelle hinter sich gelassen. Er weiß inzwischen, was der titelgebende cartesische Taucher ist, er hat das cogito des Philosophen verstehen gelernt und ist der von Grünbein ausgelegten Spur nachgegangen, die nahelegt, einen zwingenden Zusammenhang zwischen dem denkenden und dem poetischen Ich zu sehen. Bei Descartes, so versucht Grünbein plausibel zu machen, sind Dichter und Denker nicht zu trennen. Das lyrische und das reflektierende Ich sind eins. Sie haben sich gemeinsam aus dem Korsett der Konvention gelöst. Anders als diese möchte, widersprechen sie einander nicht. Sie bestärken einander.

Nur zusammen vermochten sie der Rigidität der überkommenen Urteil zu entkommen. Sie waren nicht von Anfang die hochfahrenden Sieger einer sich selbst feiernden Moderne. Sie begannen ihre Karriere als Brüderchen und Schwesterchen auf der Flucht. Hier bei Descartes halten sie noch zusammen. Später gingen lyrisches und reflektierendes Ich auseinander, stellten sich gegen, bekämpften einander. Das hat beiden geschadet. Die Poesie wurde nur noch gemütlich und die Wissenschaft vertrocknete.

Wissenschaft und Poesie gehören zusammen

Der Leser folgt Durs Grünbein von Seite zu Seite, denn der spricht fast immer zugleich die grauen Zellen des Lesers und seine Lust an der schönen Formulierung, am überwältigenden Bild an. Man liest das Buch und fühlt sich erfrischt. Jeder Muskel wird angesprochen und bewegt. Wenn Grünbein Descartes' Erwägungen "Über den Schnee, den Regen und den Hagel", eine gedanklich-experimentelle, empirische Reise durch die Verwandlungen der Materie, assoziiert mit einem kleinen Rembrandt-Blatt "Mann im Hagelsturm", dann lächelt der Leser. Er findet die Parallele ein wenig forciert, setzt sein skeptisches Gesicht auf. Zugleich aber fasziniert ihn, wie Grünbein die entferntesten Dinge zueinanderrückt, sodass ihre verwandtschaftliche Ähnlichkeit deutlich wird.

Durs Grünbein argumentiert und suggeriert. Vielleicht nicht das richtige für ein Seminar, aber die schönste Art zu philosophieren ist es doch. Durs Grünbein erzählt von René Descartes und der Entdeckung des Ich. Er zeigt uns die Moderne in einem Augenblick, als sie noch nur ein Küstenstreifen war und kaum jemand ahnte, und niemand wusste, dass der nichts als der Rand einer neuen gänzlich unbekannten Welt war.

Wissenschaft und Poesie, das zeigt Durs Grünbein seit seinen ersten Veröffentlichungen, gehören zusammen. Beide brauchen Analyse und Enthusiasmus. Beide gehen ein, wenn sie nicht beides haben. Grünbeins Descartes-Buch argumentiert nicht für diesen Zusammenhang. Es führt ihn an seinem Gegenstand vor. Vor allem aber ist es selbst Wissenschaft und Poesie in einem. Grünbein mischt und verschmilzt "Poesie und Prosa, Genialität und Kritik." Der cartesische Taucher ist ein Stück nicht romantischer, sondern post-postmoderner progressiver Universalpoesie. Niemand hat es gemerkt, aber es ist wahr: Durs Grünbein hat seinen ersten Roman geschrieben.

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