Georges Wilson und Véronique Billetdoux (Desdémone) in „Othello“.
+
Georges Wilson und Véronique Billetdoux (Desdémone) in „Othello“.

Literatur

An den Bruchstellen des Gemeinwesens

Zwischen Klischee und Kritik: Die Macht der Rasse unter Klassikern der Weltliteratur.

Von Jürgen Wertheimer

Die Welt war entsetzt. Demonstrierte, randalierte, wütete. Gegen die Polizei. Gegen Rassisten. Man stürzte Denkmäler oder diskutierte Artikel 3 des Grundgesetzes. Weg mit dem hässlichen Wort „Rasse“ – dafür Mahnwachen und ungezählte Betroffenheitskundgebungen. Seit der brutalen Tötung von George Floyd hängt vieles auf eine diffuse Art miteinander zusammen. Bei all dem tun wir so, als sei die Fratze des Rassismus eben jetzt vor unseren Fenstern aufgetaucht und wir wären von dem Phänomen vollständig überrascht worden. So als gäbe es keine lange Tradition kulturell geschulten Rassismus auch bei uns in Europa. Wie die Bachmannpreisträgerin Sharon Dodua Otoo zu Recht in ihrer Klagenfurter Rede betonte, ist Rassismus ein integraler, mit geradezu beiläufiger Selbstverständlichkeit praktizierter Bestandteil auch und gerade unserer Hochkultur, er ist Teil eines praktikablen Systems, das sich in der Literatur wie unter einem Brennglas spiegelt.

Beispiel „Medea“ – Der Argonautenheld Jason hat die schöne, barbarische Königstochter von der Schwarzmeerküste entführt und mit ihr eine Familie im humanen und mondänen Korinth gegründet. Ihre Bemühungen, sich in die kultivierte attische Gesellschaft zu integrieren, scheitern. Sie wird abgeschafft, als sich eine strategisch wertvollere Partnerin aus dem eigenen kulturellen Bereich bietet. Man weiß, ihre Rache ist vernichtend – die neue Braut, ihr Vater und ihre beiden eigenen Kinder werden ihr zum Opfer fallen. Dennoch verlässt die Protagonistin die Szene hoch erhobenen Hauptes als heimliche Siegerin, keineswegs als Geschlagene. Trotz ihrer kriminellen Racheattacken stellt sich Euripides hinter die Täterin, so als wollte er den verheerenden Anschlag auf das Gemeinwesen wenn nicht entschuldigen, so doch erklären.

Vom ältesten überlieferten Drama an, den „Persern“ des Aischylos, weist das antike griechische Theater auf fast provozierende Art auf die Sollbruchstellen des Gemeinwesens. Statt nach der gewonnenen Seeschlacht von Salamis über den Urfeind, die Perser, auch mental herzufallen und den Besiegten zu diffamieren, setzt Aischylos auf eine Art Selbstbespiegelung aus der Sicht des anderen. Es gibt keinen Sieg der überlegenem „Rasse“ – es gibt nur unendliches Leid.

Und auch in der „Ilias“, Homers epischen Bericht über die „Mutter der Schlachten“, kennt man kaum Triumphe nach großen Siegen. Die eigentliche Eroberung Trojas wird nahezu ausgeblendet – die Sieger ziehen sang- und klanglos ab. Erst in der Rückblende, mitten auf der Odyssee, werden die Geschehnisse rekapituliert.

Im Drama „Die Schutzflehenden“, ebenfalls von Aischylos, wird regelrecht vorgeführt, wie man als demokratisch organisiertes Staatswesen mit übers Mittelmeer geflohenen dunkelhäutigen Migrantinnen umzugehen hat. Die 50 Flüchtlingsmädchen aus Ägypten dürfen nach einer Volksabstimmung unter den Bürgern von Argos bleiben – selbst wenn der Polis daraus politische Nachteile erwachsen sollten. Es ist kein Zufall, dass Elfriede Jelinek dieses Drama als Grundlage und Ausgangsbasis für ihr Werk „Die Schutzbefohlenen“ verwendete: Derselbe plurikulturelle Raum des Mittelmeers, der jetzt als Außengrenze definiert wird, wurde seinerzeit als Teil eines „Mare nostrum“ gesehen.

Damals arbeitete man sich an den Problemzonen ab, statt sie auszublenden. Und dies obwohl Griechenland schon auf Expansionskurs war. Wie 1500 Jahre später ganz Europa. Doch mittlerweile ging die Reise weit über die Säulen des Herkules hinaus. Und es waren andere Passagiere an Bord: Weiße, Überlegene, Dominantere. Es ist sinnlos, die Augen davor zu verschließen: der wissenschaftlich fundierte Rassismus ist Produkt der Moderne, der frühen Neuzeit, nicht Überbleibsel archaischer Zeiten. Er ist ein direktes Kind des Kolonialismus als Ausdruck einer fast rabiaten Neuvermessung der Welt . Intern wie extern.

Shakespeares „Sturm“ (1611) stellt das Geschehen, unser perfides „framing“, wie unter einem Vergrößerungsglas dar. Es gelingt „uns“, die Entdeckung fremder Länder und Kontinente als eine Art Schöpfungsakt zu kommunizieren. Ganz so, als wären Las Americas erst durch die Ankunft der Weißen aus ihrer Geschichtslosigkeit „erlöst“ worden. In Shakespeares Stück strandet halb Europa auf den Bermudas und übernimmt, ohne zu zögern, das Kommando. Man trifft dort auf einen einzigen schwarzen Bewohner – der für alles steht, was fremd und anders, anders und minderwertig ist: Caliban. Caliban- Canibal: 200 Jahre Unterwerfungskultur in einem Namen. Mondkalb, Hexenbalg, Monster. „Monster taming“ wird zum übermütigen Zeitvertreib des europäischen Mobs, der die Insel in Beschlag nimmt.

All dies geschieht mit Billigung durch Prospero, den weisen Prospero, den Herrn der Bücher. Eine Figur, die wie keine zweite für die soft power des europäischen Herrschaftssystems steht. Plünderung im Gewand der Belehrung, der Aufklärung und Ordnung. Unter dem Begriffsgestöber der Weißen hat Caliban keine Chance. Gewalt, Vergewaltigung, die Drohung, die Insel mit lauter kleinen „Caliban“ zu bevölkern, bleibt seine einzige Waffe. Er wird kalt gestellt. Kurz darauf ziehen die Weißen ab. Ziehen weiter.

Horizonte öffnen sich – Feindbilder zerfließen. Tun sie das wirklich? Othello bringt es in venezianischen Diensten bis zum General. Ein Idol – bis zu dem Moment, als er und die Venezianerin Desdemona zu heiraten drohen. Wohlgemerkt: keine Vergewaltigung, keine Entführung – eine Ehe. Die Gesellschaft gerät in Aufruhr. Weshalb? Es drohen „Mestizen“, „Bastarde“, „schwarz-weiß“ gesprenkelte Teufel. In wüsten Bildern wird Stimmung gemacht – das reine Blut der Serenissima ist im Begriff, geschändet zu werden.

Dem Intimfreund und Intimverräter Jago ist die Angelegenheit ebenso wie den Mitbürgern ein Dorn im Auge und er spinnt eine potentiell durchschaubare Intrige, die Othello punktgenau an seiner schwachen Stelle trifft. Wie soll man es nennen? Trotz aller Erfolge das latente Gefühl, doch nicht angekommen zu sein. Außenseiter geblieben zu sein. Teil einer perfekten Integrations-Soap-Opera mit vielen Falltüren und doppelten Wänden?

Shakespeare macht uns nichts vor. Er zeichnet Othello weder als naives Opfer noch als reinen Triebtäter, sondern zeigt beide Seiten seiner fragilen Existenz als glorreicher Paria. Auch wie wir im weiteren mit diesem Drama umgegangen sind, ist mehr als verräterisch. Die Schauspieler schmierten sich bis vor kurzem schwarze Schuhcreme ins Gesicht. Vorstellung zu Ende – der Weiße tritt wieder hinter der Mohrenhaut hervor. Es war nur ein Spiel.

Im „Kaufmann von Venedig“ ist es kein Spiel mehr. Oder doch? Wenn man sich an die Interpretation Fritz Kortners aus den 60er Jahren erinnert, gerät man unweigerlich ins Schlingern. Aus dem Exil zurückgekehrt, spielt ein Jude dem deutschen Nachkriegspublikum einen Juden vor – irrwitzig forciert, die Ressentiments reproduzierend, auch die der antisemitischen Hetzblätter. Und lässt dieses Klischeebild eines Juden dann und eben deshalb in Wortwelten eintauchen, die zu Tränen rühren, obwohl sie den Hass schüren und die Wunde des Rassismus vorsätzlich aufreißen und zum Bluten bringen: Rache ist der Begriff, der das Denken Shylocks bestimmt.

In all diesen Momenten bricht das versiegelte Erbe unseres gemeinen Rassismus auf. Versiegelt deshalb, weil sich das Phänomen des Rassismus nicht nur in Form von propagandistischen Hetzschriften und primitiven Feindbildern manifestiert, sondern auch eingebettet in einen Strom diskreter, unauffälliger Marker einschleicht. Gelegentlich auch unter sprachlicher Verkleidung.

In Verdis überaus populärer Oper wird „Macht des Schicksals“ genannt, was purer Rassismus ist: Am Anfang der fatalen Kettenreaktion, an dessen Ende viele Tote stehen werden, planen zwei romantisch Liebende die Flucht aus dem strengen väterlichen Haus. Statt wie in „Othello“ ein Schwarzer tritt nun ein „Mestize“ in Aktion. Ein „Indianer“ und das reine „spanische Blut“ – in den Augen des Vaters und später des rachsüchtigen Bruders ist diese drohende Vermischung ein Frevel gegen die Natur, gegen den man aktiv vorgehen muss.

Auch in Heinrich von Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ (1811) ist mangelndes Vertrauen zwischen Ethnien letztlich die Ursache, die zur Katastrophe führt. Der junge, idealistische, in das 15-jährige „Mischlings“-Mädchen Toni leidenschaftlich verliebte Schweizer glaubt sich im entscheidenden Moment von der „Mulattin“ getäuscht und schlägt zurück. Er erschießt sie, danach sich selbst.

Ein ähnliches Schicksal ist Therese Raquin, der Protagonistin eines Erfolgsromans von Emile Zola beschieden. Auch sie ein von uns sogenannter „Mischling“, diesmal französisch-nordafrikanischer Herkunft. Ihre Beziehung zu einem labilen Franzosen endet drastisch in Mord und Wahnsinn – ihr „Blut“, ihr böses exotisches Blut, so heißt es mehrfach, treibe sie in den Exzess, determiniere ihr Verhalten. Rassismus und Determinismus gehen einen unheiligen und extrem gefährlichen Pakt ein. Rassismus wird im Verlauf des 19. Jahrhunderts zur wissenschaftlichen Disziplin.

Wenige Beispiele einer beliebig erweiterbaren Liste, die in Zeiten des offenen und unterschlagenen Rassismus und des zum inflationären Automatismus gewordenen Lobes der Buntheit und Vielfalt von bestürzender Aktualität ist. Dabei ist das plakativste Segment, die Angst vor jüdisch-deutscher Vermischung, hier bewusst ausgespart. Doch bereits die genannten klassischen Beispiele irritieren und lassen zumindest zögern.

Denn wer diese Diskussion in Angriff nimmt, begibt sich in ein argumentatives Minenfeld – zwischen Biologismusverdacht und dem Verstoß gegen das inhärente Gebot der so genannten „political correctness“. Wenn man über die Jahrhunderte hinweg beobachten kann, dass gerade in literarisch hochwertigen Texten wieder und wieder auf diesen gleichermaßen verhaltensbiologisch wie gruppensoziologisch kritischen Punkt aufmerksam gemacht wird, sollte man sich dieser Problematik stellen und sehr viel vehementer in den Weg stellen als bisher.

Falls die Texte nicht nur entlarvende Entgleisungen protokollieren, sondern darüber hinaus Aussagekraft über ein Zentrum unseres kollektiven Verhaltens haben, wäre dies ein Alarmzeichen und ein Grund auf der Hut zu sein – vor uns selbst.

Der Autor  ist Professor für Literaturwissenschaft in Tübingen. Kürzlich veröffentlichte er im Penguin-Verlag: „Europa – eine Geschichte seiner Kulturen“. (Von Jürgen Wertheimer)

Kommentare