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Brot aus der Brieftasche gezogen

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Ein Regenschirm am Handgelenk für alle Fälle: Wilhelm Genazino.
Ein Regenschirm am Handgelenk für alle Fälle: Wilhelm Genazino. © dpa

Der neue Roman erzählt trefflich vom "Glück in glücksfernen Zeiten". Von Martin Lüdke

Von MARTIN LÜDKE

Der Mann leidet, nach eigener Auskunft, "an einer verlarvten Depression mit einer akuten Schamproblematik". Diese Diagnose, die sogar den Therapeuten verblüfft, könnte stimmen. Scham freilich wäre dann theologisch zu deuten, als eine jener Empfindungen, die den Menschen von allem Anbeginn an auf seinem Weg durch das irdische Jammertal begleiten, so als wäre er tatsächlich rittlings über dem Grab geboren. Fast alle der Figuren Kafkas bezeugen dieses Gefühl. Und Genazino erweist sich hier wieder einmal als legitimer Erbe seines Prager Vorgängers.

Sein verlarvt depressiver Held ließe sich aber in keinem Fall, wie ein böhmischer Leidensgefährte mit der Auskunft abspeisen: "Gibs auf, gibs auf". Nein, Genazinos Gestalten entziehen sich zwar auch dem Druck der Verhältnisse, aber durch eine fast aggressive Passivität. Sie möchten lieber nicht. Es ist ein "Beiseitetreten vor der Selbsteintrübung der Welt". Sie beziehen einen Beobachterposten, eine leicht erhobene, etwas elitäre Position. Dort deuten sie, was sie sehen. Um sie weht stets ein Hauch der guten alten Kulturkritik.

Um es genauer zu sagen: Sie wandeln im stetigen Bewusstsein ihrer inneren Verletzlichkeit zwischen Melancholie und Misanthropie, aber immer am Rand des Abgrunds, auf einem schmalen Grat, nicht breiter als die Kruste einer Scheibe Brot. In seinem letzten Roman "Mittelmäßiges Heimweh" hatte Genazino noch sichtbar Schwierigkeiten, diese minimale Differenz zwischen dem alltäglichen Wahnsinn und dem Absturz angemessen zu beschreiben. Jetzt ist er einen großen Schritt weiter gekommen.

Gerhard Warlich, ein promovierter Philosoph, lebt seit zehn Jahren mit Traudel, Leiterin einer Sparkassenfiliale im Frankfurter Umland, zusammen. Die Beziehung der beiden verläuft nicht ohne Eigentümlichkeiten, ist dabei aber in solider Ordnung. Ihre sexuellen Gewohnheiten sind schon stubenrein, obwohl das Verhältnis, das der Einundvierzigjährige zum Busen seiner Gefährtin entwickelt und über die Jahre aufrecht hält, durchaus drollige Züge zeigt.

Dafür empfindet Warlich an Kleinigkeiten nicht selten übergroße Freude. Oft könnte er "aufjauchzen vor stiller Komik und universalem Lebenseinverständnis". Dann sieht er "die Formkraft der Glückserwartung" wirken. Überhaupt hat sich der Mann mit den Gegebenheiten abgefunden, ist vom Aushilfsfahrer zum Geschäftsführer einer Großwäscherei aufgestiegen. Dennoch zählt er wieder zu jenem Typus der Genazino-Helden, die sich gerade aufgrund ihrer vorrangig kontemplativen Aktivitäten als (lebens-)untaugliche Mitbürger erweisen.

Warlich bleibt ein Streuner. Er ist mit einem physiognomischen Blick begabt, der hinter die Dinge sieht, er beobachtet genau und deutet scharfsinnig. Er präsentiert sich aber zugleich, nicht ohne Selbstironie, oft als "Bildungsangeber", mit einer Neigung zum pointierten Ausdruck, in manchmal glanzvollen, dann aber auch nur glitzernd aphoristischen Formulierungen. So wirken die von der Arbeit kommenden "ausgepumpten" Menschen auf ihn "wie die endlich zur Betrachtung freigegebenen feierabendlichen Goldränder unserer Leistungsgesellschaft". Den Lärm von Fußballfans deutet er als "das Geschrei von Eingesperrten", die "den Widerhall ihrer Gefangenschaft hören wollen".

Seine "innere Überempfindlichkeit" beschäftigt ihn ausgiebig. Als er eines Tages wagt, Traudel auf ihre Wünsche anzusprechen, kommt es nicht nur zu einem witzigen Dialog, sondern auch zu einer nachhaltigen Irritation. Es geht zunächst ums Heiraten. Ihre Mutter möchte es, sie nicht unbedingt. Dann sagt Traudel: "ich will ein Kind." Und er: "Obwohl ich es geahnt habe, fällt mir jetzt nichts ein."

Nach solchen Gesprächen spürt der arme Mann sofort seine "innere melancholische Verwilderung" und glaubt im Taumelflug einer Wespe "ein vorweggenommenes Bild" seiner Zukunft zu sehen. Er erinnert sich an das stille Unglück seiner Eltern. Und bald sieht er die prekäre Balance seines Lebens akut gefährdet. Nur wenig später kommt es zu seiner Entlassung. Eines Tages wird Warlich dabei erwischt, wie er, statt zu arbeiten, über Stunden eine Demonstration beobachtet hat. Der Rausschmiss als solcher trifft ihn nicht sehr. Trotzdem ergreift ihn eine "Grundsorge". Bald fürchtet er weiter, heimlich, also unbemerkt "verrückt geworden" zu sein.

Wie bei dem sprichwörtlichen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, folgt jetzt tatsächlich eine Grenzüberschreitung. Die Differenz ist minimal. Die Idee, der Brieftasche eine Scheibe Brot zu entnehmen und dem (verblüfften) Gegenüber überraschend in die Hand zu drücken, verankert das erkennbar surreale Motiv allerdings in einer realistisch gezeichneten Situation. Anders als in "Mittelmäßiges Heimweh". Dort betrat der Held, von seinem Gang durch die Stadt müde geworden, eine der offenen Kneipen, und schon passiert es: "Plötzlich sehe ich unter einem der vorderen Tische ein Ohr von mir liegen. Es muss mir im Gebrüll unbemerkt abgefallen sein." Im ersten Schrecken unfähig, eine Entscheidung zu fällen, lässt der Erzähler sein Ohr liegen, zahlt, geht. Das ist es. Der Surrealismus dieser Szene sprengt ihren realistischen Rahmen. In dem neuen Roman drückt Warlich tatsächlich einer ehemaligen Freundin zum Abschied völlig überraschend eine Scheibe trockenes Brot in die Hand. "Annette ist befremdet, fast erstarrt, senkt den Kopf und sieht, dass ich ihr die Brotscheibe in die Hand geschoben habe." Sie will etwas sagen oder fragen, bleibt aber stumm. "Der Sohn ist noch stärker irritiert als seine Mutter."

Der Schock, das surrealistische Grundmotiv, wirkt hier zurück auf seinen Urheber. Warlich beginnt plötzlich und hemmungslos zu schluchzen. Der Rest des Romans spielt, weiterhin nicht ohne Komik, in einer psychiatrischen Klinik. Besser als jeder Arzt kennt Warlich seinen Zustand. Er weiß auch, dass nicht alles verloren ist. Im Gegenteil, seine Chancen, auch in Zukunft zu wählen, wie er leben will, sind gut. Doch ist ihm endgültig klar geworden, dass er "jahrzehntelang auf ein besseres Leben vorbereitet war, das aber nie eintrat".

Ein komisches Buch. Doch wer lacht, sollte sich schämen. Ein kluges und weises Buch, das die Tragik gegenwärtigen Lebens in heiterer Form präsentiert, ohne sie abzumildern. Eben: ein Alterswerk. Das Beste, was Genazino bisher geschrieben hat.

Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten. Roman. Hanser Verlag, München 2009, 158 Seiten, 17,90 Euro.

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