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Ein Brötchen für Tanjuscha

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Von: Nadja Erb

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Schlange stehen für Lebensmittel in Moskau, 1915.
Schlange stehen für Lebensmittel in Moskau, 1915. © imago stock&people

Wiederentdeckung: Michail Ossorgin erzählt 1928 im Exil von Moskau. In Russland durfte der Roman erst 60 Jahre nach Fertigstellung erscheinen.

In der Unendlichkeit des Weltalls, im Sonnensystem, auf der Erde, in Russland, in Moskau, in einem Eckhaus der Straße Siwzew Wrashek saß in seinem Arbeitszimmer im Lehnstuhl der Ornithologe Iwan Alexandrowitsch.“ Mit diesem Satz beginnt der Roman „Eine Straße in Moskau“ des Russen Michail Ossorgin. Er offenbart den Kern dieses grandiosen Werkes.

Es beginnt im Jahr 1914, die Erde dreht sich, die alte Welt gerät aus den Fugen und mit ihr das Leben der Bewohner der kleinen Gasse im Moskauer Arbatviertel. Wie unter einer Lupe wird dieser Mikrokosmos Siwzew Wrashek betrachtet, der vom Strudel aus Krieg und Revolution, Bürgerkrieg und Terror durcheinandergewirbelt wird. Am Ende, nach dem Hungerwinter 1920, kehren die Schwalben wie jedes Jahr zurück in die Straße, doch die Menschen, die dort leben, sind andere geworden.

Da ist der betagte Ornithologe Iwan Alexandrowitsch, der kaum versteht, was um ihn herum geschieht, und nächtens, über seine Fachliteratur gebeugt, die Klassifikation der Turteltaube verfeinert, während draußen geschossen wird. Da ist seine Enkelin Tanjuscha, die vom unbeschwerten Mädchen aus bürgerlichem Haus zu einer jungen Frau reift, die allein die Verantwortung für den Haushalt und die Versorgung der Familie tragen muss. Da ist der Student Wassja, der entlegene Dörfer auf der Suche nach Essen für die Professorenfamilie durchstreift und mit Typhus nach Moskau zurückkehrt. Der befreundete Offizier Stolnikow, der als „Stumpf“, ohne Arme und Beine, von der Front heimkommt in ein alptraumhaftes Halbleben. Der Philosoph Astafjew, der als „Bourgeois“ schikaniert wird und sich seine Wohnung schließlich mit dem Mann teilen muss, der sein Henker sein wird. Der Bauernsohn Koltschagin, der erst Diener ist und dann Deserteur, bevor er unter den Bolschewiki zum mächtigen Funktionär wird.

Ihr aller Schicksal wird in kurzen Szenen erzählt, keineswegs immer chronologisch, durchsetzt von Traumsequenzen. Die Perspektive wechselt – so entsteht ein vielstimmiger Chor, ein Mosaik aus Bildern, die eine ungeheure expressionistische Wucht entfalten. Eben noch war die Leserin im Keller des berüchtigten Geheimdienstgefängnisses in der Lubjanka, in dem der Philosoph Astafjew seinem Mörder, der vor ein paar Wochen noch sein Zimmernachbar war, gegenübertritt. „Der zum Tode Verurteilte und der Vollstrecker blickten einander an. Sawalischin zitterte am ganzen Körper, der Revolver glitt ihm fast aus der Hand. Der zum Tode Verurteilte blickte ihn aufmerksam an und zeigte ein furchterregendes Lächeln.“

Ein paar Seiten später begleitet sie den alten Ornithologen auf dem Heimweg durch Moskau. Eben hat er von einer Schwarzmarkthändlerin ein Brötchen erstanden. Er „trippelte, so schnell seine alten Beine ihn trugen, nach Hause. Das Brötchen war für Tanjuscha, für die geliebte, um ihn so besorgte Enkelin – das erste weiße Brötchen. Wie ein Schneeglöckchen! Nicht für den Magen, sondern zur Freude: Hier ein richtiges weißes Brötchen, so wie es sie früher gab!“ Der Kontrast zur Banalität der Alltagsfreuden und -sorgen ist es, der das Grauen des Schützengrabens und die Gräuel des roten Terrors umso eindringlicher wirken lässt.

„Eine Straße in Moskau“ ist kein explizit politischer Roman, und doch wird in jeder Zeile die Enttäuschung des Sozialrevolutionärs Ossorgin deutlich, der für das Ende einer Diktatur kämpfte und sie schließlich nur durch eine neue ersetzt fand. Michail Ossorgin, 1878 in einer adeligen Familie in Perm geboren, trat schon 1904 der Partei der Sozialrevolutionäre bei, die sich für eine demokratische Republik und eine Sozialisierung des Landes einsetzten. Ossorgin wurde verhaftet und lebte danach lange im Exil, größtenteils in Italien.

In dieser Zeit wurde er zum anerkannten Journalisten und Korrespondenten für renommierte Zeitungen wie die „Russkie vedomosti“. 1916 kehrte er nach Russland zurück und war nach der Oktoberrevolution zunächst am Aufbau einer Schriftsteller- und Journalistenorganisation beteiligt sowie am berühmten „Buchladen der Schriftsteller“, einem Treffpunkt der „Intelligenzija“. Doch in dem Maße, in dem sich der Terror der Bolschewisten gegen die Intellektuellen richtete, geriet auch Ossorgin in den Fokus. Er wurde mehrfach verhaftet und mit dem Tode bedroht. 1922 wurde er des Landes verwiesen. In seinen Erinnerungen schreibt er über die Revolution von 1917 und ihre Folgen: „Dafür, dass die alte Knechtschaft gegen eine neue eingetauscht wurde, hätte niemand sein Leben lassen müssen.“

Ossorgin veröffentlicht seinen ersten Roman 1928 im Exil unter dem Originaltitel „Siwzew Wrashek“, einem Namen, der russische Literatur atmet. In dieser Straße lebten Lew Tolstoi und Marina Zwetajewa. Das Buch wird ein großer Erfolg. Es ist auch eine Hommage des Ausgestoßenen an Russland, an die Heimat Moskau. Tanjuscha lässt er an einer Stelle ausrufen: „Ach, trotz allem – wie schön, wie schön ist Moskau doch, geliebtes Moskau! Es ist ganz wie früher, unverändert. Die Menschen verändern sich, aber Moskau bleibt immer es selbst.“

In Russland durfte der Roman erst 60 Jahre nach Fertigstellung erscheinen, in Deutschland geriet er in Vergessenheit. Die Andere Bibliothek macht nun die Wiederentdeckung möglich, in einer wunderbar klaren Übersetzung Ursula Kellers, die damit für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Es ist ein versöhnlicher Gedanke, dass das Werk Bestand hat, „ewig und für die Ewigkeit“, wie der alte Ornithologe über die Klassifizierung der Turteltaube sagt. Ebenso versöhnlich wie das Romanende, an dem die Rückkehr der Schwalben zu sagen scheint, dass alle Schrecken menschlicher Gewalt und alles Elend vergessen werden kann angesichts des ewigen Kreislaufs der Natur.

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