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Brit Bennett.
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Brit Bennett.

Rassismus

Kein Ort zwischen Schwarz und Weiß

  • vonKatharina Granzin
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Hautfarbe als soziales Konstrukt: Der neue Roman „Die verschwindende Hälfte“ der grandiosen Erzählerin Brit Bennett handelt von Zwillingen, die sich für entgegengesetzte Seiten einer rassistischen Gesellschaft entscheiden.

Schon bei Brit Bennetts Debütroman „Die Mütter“ war es fast nicht zu glauben, wie jung, nämlich erst 26, die Autorin noch war, als sie ihn schrieb. Inzwischen ist Bennett dreißig und hat ihren zweiten Roman fertig. Und bei der Lektüre stellt sich wieder dasselbe Gefühl ein: Wie kann sie das alles wissen? Schwarz, weiß, jung, alt, mittelalt, Frau oder Mann, reich oder arm – Bennetts Romanfiguren haben bei aller Verschiedenheit eines gemeinsam: Sie sind ungemein lebendig, auf sehr eigene Art wirklich.

Gleichzeitig sind Bennetts Romane, alle beide, in ihrer Grundkonstruktion eigentlich so etwas wie abstrakte Versuchsanordnungen: gedankliche Modelle des menschlichen Zusammenlebens, in denen die Figuren sich beweisen müssen. Aber eben dies tun sie auf eine Weise, die das „Konstruierte“ des Romans fast völlig dahinter verschwinden lässt.

Was bedeutet es, in den USA „schwarz“ zu sein, und was ist „weiß“? In den fünfziger Jahren, zu jener Zeit, da die Handlung einsetzt, scheint die Sache klar: „Schwarz“ ist, wer nachweisbar irgendwo in der Ahnenlinie der letzten Generationen afroamerikanische Vorfahren hat. Das gilt auch für die hellhäutigen Einwohnerinnen und Einwohner der kleinen Stadt Mallard in Louisiana, die einige Generationen zuvor von dem freigelassenen Sohn einer schwarzen Sklavin und eines weißen Sklavenhalters gegründet wurde: Als Ort für genau solche wie ihn, hellhäutige „Negroes“, die dann über Generationen hinweg nur mit anderen Hellhäutigen Nachkommen zeugen.

In Mallard wachsen die Zwillinge Desiree und Stella bei ihrer Mutter auf. Äußerlich sehr ähnlich, sind die Schwestern als Persönlichkeiten sehr verschieden: Die lebhafte, willensstarke Desiree spricht in der Öffentlichkeit häufig für beide, denn Stella ist scheu und zurückhaltend, dabei aber der klügere Kopf von beiden. Vor allem Stella leidet, als die Mädchen frühzeitig die Schule verlassen müssen, um Geld zu verdienen. Noch Teenager, beschließen sie eines Tages, Mallard zu verlassen und in New Orleans ihr Glück zu versuchen. Auf welche Weise genau sich dort ihre Wege endgültig trennen, bleibt auch später im Roman eher unklar – es ist einer der Punkte, an denen seine Konstruktion doch durchscheint –, auf jeden Fall tun sie es mit denkbar extremem Resultat. Desiree, die als Fingerabdruckexpertin bei der Polizei anfängt, heiratet einen sehr dunkelhäutigen Mann und bringt ein ebenso dunkelhäutiges Kind zur Welt, während Stella sich erfolgreich auf eine Stelle in der Werbeabteilung eines Kaufhauses bewirbt, wo alle sie für eine Weiße halten. Sie zieht mit ihrem Chef in eine andere Stadt, heiratet ihn, bricht den Kontakt zu Schwester und Mutter ab und bekommt eine blonde Tochter. Ihre „schwarzen“ Ursprünge verleugnet sie sogar vor ihrem Mann.

Das Buch

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte. Roman. A. d. Engl. v. Isabel Bogdan u. Robin Detje. Rowohlt, Hamburg 2020. 416 S., 22 Euro.

Wäre dieser Roman ein Drama, dann wäre dies der erste Akt gewesen. Der zweite Akt handelt davon, wie Desiree nach Mallard zurückkehrt, weil sie vor ihrem gewalttätigen Ehemann flüchten muss, und wie schwer es ihre Tochter dort als einziges dunkelhäutiges Kind in der Schule hat. Im dritten Akt sehen wir eben diese Tochter, Jude, Anfang der Achtziger in Los Angeles, wo sie aufs College geht, sich in einen Mann verliebt, der einmal eine Frau war, und eine blonde junge Frau kennenlernt, die, wie sich herausstellen wird, ihre Cousine ist.

Manches könnte man als konzeptionell überfrachtet empfinden. Der optische Kontrast zwischen den Töchtern der Zwillingsschwestern – Tiefschwarz versus Blond – ist maximal ausgereizt. Dass die Autorin außerdem noch das binäre Geschlechterkonzept ins Wanken bringen will und die Mannwerdung von Judes Freund Reese als Nebenschauplatz einbringt, hebt das Thema auf die Ebene eines Meta-Diskurses: Jeder Aspekt der menschlichen Identität ist vor allem eine Frage der Definition – der sozialen wie der individuellen.

Ein fast perfekter Erzählsog

Diese Ebene wird allerdings nur ansatzweise wirklich ausgeführt – die psychische Belastung, die es für Reese bedeuten muss, dass seine soziale Identität nicht mit seiner körperlichen übereinstimmt, streift der Roman nur am Rande, während Stellas ambivalentes Verhältnis zu sich selbst und ihr quälendes Versteckspiel im Schwarz-Weiß-Kosmos der rassistischen sozialen Wirklichkeit ausführlich Platz erhält. Auch wenn Stella natürlich eine der Hauptfiguren ist, bedeutet das eine gewisse Unwucht im Romangefüge.

Solche kleinen, hin und wieder durchblitzenden Konstruktionsmarker können dem durchweg fesselnden Roman insgesamt aber nichts anhaben. Vielleicht tun sie ihm in der Rezeption sogar gut. Brit Bennett ist eine großartige Erzählerin, die schreibend Menschen erschaffen kann, wie es nur wenigen gelingt. Womöglich wäre es allzu leicht, sich unreflektiert dem Erzählsog hinzugeben, wenn nicht zwischendurch die intellektuelle Absicht der Autorin durchschiene. Immerhin geht es um nicht weniger als um die soziale Verfasstheit einer ganzen Gesellschaft.

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