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Brigitte Reimann: „Die Denunziantin“ – Leichter küssen in Berlin

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Von: Cornelia Geißler

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Brigitte Reimann um 1951 mit dem Schulfreund Peter Saalfeld.
Brigitte Reimann um 1951 mit dem Schulfreund Peter Saalfeld. Foto: privat © privat

Brigitte Reimann erzählt in ihrem frühen Roman „Die Denunziantin“ zutiefst lebhaft vom Jungsein in der DDR.

Eva und Klaus benehmen sich zu Hause „sehr brav und tugendhaft“, wie sich das für junge Leute in der Kleinstadt gehört. Woanders holen sie Versäumtes nach. „Am schönsten war es in dieser Beziehung in Berlin“, schreibt Brigitte Reimann. „Man hätte sich hier in der S-Bahn direkt beinahe einen Kuss geben können, denn die Lampen an der Decke wurden manchmal ganz trübe, und die wenigen Leute, die auf den hellen Bänken saßen, pennten auch halb, weil es schon so spät in der Nacht war.“ Und als später, nach dem Ausflug in die „Weltstadt, die in diesen Jahren wieder das wurde, was sie früher gewesen war“, ein Mitschüler Eva nach der Reise fragt, antwortet sie ihm kühl. „Sie konnte den schleimigen Burschen nicht ausstehen, der in schmutzigster Weise jedem Mädchen nachstellte und dann, wenn er, was gewöhnlich der Fall war, abgeblitzt wurde, von diesem Mädchen eine entsprechend verbrämte gemeine Geschichte erzählte, die er irgendwie herausgeschnüffelt hatte – wandelnde chronique scandaleuse der Schule.“

So lebhaft klingt es im Roman „Die Denunziantin“ von Brigitte Reimann. Das Buch fehlte bisher in den Bibliotheken, in den Regalen der unzähligen Leserinnen und Leser, die die 1973 gestorbene Autorin bis heute für ihre Tagebücher und für „Franziska Linkerhand“ verehren. Das im kurzen Leben der Brigitte Reimann entstandene Werk schien bis in alle Ecken ausgeleuchtet. Aus dem Nachlass sind mehrere Briefwechsel veröffentlicht worden. Und das 2003 erschienene Buch „Das Mädchen auf der Lotosblume“ enthielt laut Untertitel gar „zwei unvollendete Romane“. Im Nachwort erklärte Withold Bonner damals, bei dem einen Text, der mit der Überschrift zum 7. Kapitel abbrach, handele es sich um die vierte Fassung eines Manuskripts namens „Die Denunziantin“. Er ging davon aus, dass vom Beginn der Arbeit nur die ersten beiden Kapitel erhalten seien.

Die komplette Urfassung in neun Kapiteln samt einem „Ausklang“ aber gibt jetzt Kristina Stella heraus. Sollte es eine Steigerungsform des Adjektivs „unveröffentlicht“ geben, hier wäre sie angebracht. Stella, die schon lange zu Reimann und deren zweitem Ehemann Siegfried Pitschmann forscht, fand das Typoskript im Brigitte-Reimann-Archiv des Literaturzentrums Neubrandenburg. Und es zeigt sich: Die Unterschiede sind gravierend. Sie betreffen Handlung, Figurenauswahl und die Erzählperspektive.

Es ist ein Ereignis für alle, die immer noch mehr über diese Autorin erfahren wollen. Denn es war zwar bekannt, dass Brigitte Reimann vom Sozialismus träumte (wie Carolin Würfel in einem Dreier-Porträtbuch erzählt), aber aus den Tagebüchern geht auch hervor, wie früh sie enttäuscht wurde, etwa durch die lasche Auseinandersetzung mit dem Stalinismus in der DDR. Und vorher war da der Umgang mit ihrem Manuskript.

19 Jahre alt war Brigitte Reimann, als sie anlässlich eines von der Schriftstellerin Anna Seghers ausgeschriebenen Liebesgeschichten-Wettbewerbs um eine ehrliche Beurteilung ihrer Arbeit bat. „Zum Schreiben gehört eine gewisse Kühnheit wie zu allen wichtigen Unternehmen. Schreiben Sie nur kein Sonntagsdeutsch, schreiben Sie nur, was Sie wirklich denken und erleben. Schreiben Sie nur keinen falschen Pathos und keine gedichteten Artikel“, antwortete die ihr. Das bewog die junge Autorin, ihr literarisches Projekt im Schulumfeld anzusiedeln. Im Oktober 1952 gab sie die ersten beiden Kapitel beim Aufbau-Verlag ab.

In den Nachworten zu „Das Mädchen auf der Lotosblume“ (Bonner) und „Die Denunziantin“ (Stella) lassen sich unterschiedlich detailliert die Arbeitsstufen verfolgen. Vor allem wird sichtbar, wie immer neue und anders orientierte Leute am Stoff und der Sprache der Autorin zerrten. Kristina Stella führt einige Beispiele auf, wie aus der „Penne“ die „Schule“, aus dem Verb „gondeln“ das einfachere „fahren“ und aus „hundemüde“ bloß „sehr müde“ wurden. Die spannende, in ihrer Rigorosität auch befremdliche Geschichte, wie Eva in der Urfassung einen Lehrer wegen seines Standpunkts anschwärzt, geht nach und nach verloren, während völlig neu ein jüdischer Mitschüler auftaucht. Das Berlin-Kapitel, einschließlich eines Spaziergangs über den Kurfürstendamm im noch nicht ummauerten Westen der Stadt, ist in den späteren Varianten nicht mehr enthalten.

Das Buch

Brigitte Reimann: Die Denunziantin. Hrsg. v. Kristina Stella. Aisthesis, Bielefeld 2022. 384 S., 24 Euro.

Das Vergleichen von Fassungen oder Arbeitsstufen ist Sache der Germanistik. Aber auch für alle anderen findet sich in dem neuen Buch eine Menge. Zuallererst ein Zeitbild. Brigitte Reimann erzählt auf mehr als 200 Buchseiten von Konflikten in der DDR, schildert etwa einen Streit darum, ob der Widerstand einzelner gegen den Nationalsozialismus gefeiert oder besser ein Schlussstrich gezogen werden sollte. Ihre zentrale Figur Eva wechselt zwischen Ausgelassenheit und Übereifer als FDJlerin, „150%ig“ sei sie. Der Vater ihres Freundes Klaus scheint gut als Schmuggler zu verdienen. Neulehrer und alte Kräfte konkurrieren um die Köpfe der Schülerinnen und Schüler. Das liest sich hier wie direkt aus dem Tag gegriffen.

Auffällig ist das Bestreben der jungen Autorin, originell zu schreiben. Über die Klasse heißt es nach einem Konflikt, sie war „mürbe, marode, seelisch pleite, erledigt, völlig erledigt“. Ein Lehrer macht eine „Karpfenschnute“, ein Schulinspekteur ist Eva „widerlich wegen der frechen Blicke, mit denen er jedes gutgewachsene Mädchen verfolgte“. Dazwischen stehen ungelenke Wendungen, Gefühle sind hin und wieder zu blumig oder zu drastisch ausgemalt: Diese erste Fassung war kein Geniestreich, aber ein Versprechen auf mehr.

In Brigitte Reimanns Tagebuch ist unter dem 25. September 1957 zu lesen: „Von meinen ersten beiden Büchern bin ich abgerückt; ich hab sie verstoßen wie missratene Kinder. Zwei weitere sind mir abgelehnt: ,Die Denunziantin‘ war konterrevolutionär ... und unterstützte angeblich – ich habe es mir schriftlich geben lassen – die Tendenzen der Leute, die die kapitalistische Ordnung bei uns wiederaufrichten wollen.“ Ein halbes Jahr später erst wurde der Verlagsvertrag für dieses Manuskript aufgelöst. Glücklicherweise hat sich Brigitte Reimann davon nicht entmutigen lassen.

Kristina Stella stellt das Buch am 10. November, 19.30 Uhr, in der Kronberger Bücherstube vor, Friedrich- Ebert-Str. 5, Kronberg im Taunus.

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