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Auch dem Menschen ist ein so intensiver und zugleich unverwandter Blick gegeben. Hier aber schaut ein Tölpel im Zoo von Bremerhaven in die Kamera.

Brigitte Kronauer

Sollen sie doch grinsen, die Vögel

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„Das Schöne, Schäbige, Schwankende“: Brigitte Kronauer hat nach ihrem Gusto „Romangeschichten“ geschrieben.

Brigitte Kronauers nun postum erschienene „Romangeschichten“ unter dem typischen, nämlich zugleich leicht aufgekratzten und Abstand nehmenden, zugleich offensiven und rätselhaften Kronauer-Titel „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ sind ein gewaltiges, federleichtes Vermächtnis. Ihre Leserinnen und Leser bekommen noch einmal etwas an die Hand, das ein langfristiges Weiterlesen möglich, geradezu zwingend macht. Auch flattert man aufgeregt herum in diesem geräumigen, jedoch vollgefüllten Ding, gelockt und gelegentlich geprellt.

Andererseits: Warum sollte es uns besser ergehen als der Schriftstellerin Charlotte, die sich in das Haus von weltreisenden Bekannten zurückgezogen hatte, um an ihrem Roman „Glamouröse Handlungen“ zu arbeiten, und gleich auf den ersten Seiten doppelt scheitert. Nicht auf den ersten Seiten von „Glamouröse Handlungen“ scheitert, denn diese entstehen nicht, sondern auf den ersten Seiten von „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“.

Vögel sind ähnlich wie alte Bekannte

Schon stehen die Bekannten nämlich wieder vor der Haustür, in der Welt da draußen sind sie aufs Übelste malträtiert worden. Während sich das Romanprojekt Charlotte restlos entzieht, drängen sich im und um den Ornithologenhaushalt herum Vögel auf und vermengen sich im Halbschlaf mit einem Traum, in dem ältere Leute im Café schnattern, wie es eben so ist: „Keiner hörte dem anderen zu. Darauf kam es nicht an, nur auf die jauchzende Meldung am Leben zu sein. So war es auch in dem Haus des Vogelkundlers.“ Der vom Stocken der „Glamourösen Handlungen“ gebeutelten Autorin drängen sich die Vögel nun in ihrer Ähnlichkeit „mit Personen auf, mit Freunden, flüchtigen und alten Bekannten. Schließlich waren es nicht mehr die Geflügelten, die über mich regierten, es waren die Menschen, die durch sie hindurchstarrten und die sich jetzt unbedingt entfalten wollten“.

Brigitte Kronauer (1940-2019), hier im Jahr 2015.

So kommt es. Die Schriftstellerin entwickelt flugs ein Konzept für „neununddreißig Porträts“, je dreizehn für die drei Kategorien „das Schöne, das Schäbige, das Schwankende“. Sie ist schon wieder beflügelt. „Mag sein, dass die Vögel grinsten. Es half ihnen nichts. Ich hatte, wie es sich gehört, sie und die Personen in meiner Gewalt.“

„Glamouröse Handlungen“? Am Anfang steht ein entspanntes poetologisches Bekenntnis seitens Charlottens, einem Kronauer-Alter-ego sympathischster Art. Dieser Titel nämlich sei, so die Schriftstellerin, „ein bisschen aggressiv gemeint, denn solange ich veröffentliche, hat man mir vorgeworfen, mal grob, mal mit sanftem Kopfschütteln, vom sogenannten Plot nichts zu verstehen. Im Klartext heißt das, man unterstellt mir narrative Impotenz. Weiß ich etwa nicht, dass die Welt von sogenannten Handlungen und Ereignissen zwischen Mikro- und Makrokosmos geradezu birst und Heerscharen von Autoren ihnen nachhetzen auf Teufel komm raus? Ich hoffte, diesmal den Stier nach meinem Gusto bei den Hörnern packen zu können. Irgendwelche Leute sollten sich schwer wundern.“

Es gibt kleine Psychokrimis und Gesellschaftspossen

Nicht so schlimm und äußerst ereignisreich erscheint das Scheitern am „Glamourösen“-Plan, ein Scheitern, von dem man überhaupt nur ausgehen kann, weil die Autorin es behauptet. Zunächst also die angekündigten „Porträts“, 39 Stück, aber mit den ohnehin eigenwilligen Kategorien (schön, schäbig, schwankend) ist es nicht weit her. Schreibpläne zu sortieren und zu kategorisieren, sind eine beruhigende Maßnahme für Schreibende und sollten nicht überbewertet werden. Gerade Charlotte gibt sich an dieser Stelle möglicherweise mehr als Herrin des Verfahrens, als sie es ist (Kronauer hingegen ist es ganz und gar).

Wie angekündigt taucht die Schriftstellerin auch in den Geschichten gelegentlich auf, als mal leicht gereizte, mal neugierige Zuhörerin und Beobachterin. Im Café an der Nordsee nimmt ihr gleich zu Beginn eine aufgebretzelte Frau – „bei ihr musste man die einzelnen Geschmacklosigkeiten anders verstehen“ – die Sicht, als sie gerade eine Karte an ihren Mann Paul schreiben will. Ihr Mann Paul ist eine freundliche Gestalt im Hintergrund, von Charlotte geliebt wie keiner sonst. Von der eklatanten Frau wird sie in eine Geschichte verwickelt, die auf eine ausgesprochen gemeine kleine Pointe hinausläuft, wobei auch das eine Parabel vom Erzählen und Erzählt-Bekommen ist.

Oder: Im Einkaufszentrum – einem wichtigen Kronauer-Ort-der-Handlung – lernt Charlotte beim Päuschen auf der Sitzbank einen jungen Mann mit einer Liebesgeschichte kennen. „Haps, haps, ging es bei ihm und bei mir“, er ein Fischbrötchen, sie eine Laugenstange, so schreibt Brigitte Kronauer übermütig, und jedes Wort sitzt, wo unsereiner sich blamieren würde. Dabei spielen Blamagen, Verlegenheiten, Kränkungen wie immer bei Brigitte Kronauer eine wesentliche Rolle. Dumme Sätze können den Ruf für immer ruinieren.

Charlotte selbst ist eine gutmütige Frau, meistens. Fabelhaft charakterisiert sie ihre märtyrerhafte Schwester Andrea. „Nicht die gute Tat, aber die gesellige Manierlichkeit ... lag ihr fern.“ Alte Bekannte tauchen wieder auf, „muntere Spatzenmännchen“ und Frauen, „die sexuelle Überforderung für eine Nacht suchen“. Es gibt kleine Psychokrimis und Gesellschaftspossen, Mord und Betrug, Rührung und Liebe. Beiläufig bekommen Literaturkritikerinnen (und Literaturkritiker dürfen sich ebenfalls angesprochen fühlen) ihr Fett ab, wenn Standardwendungen aufgespießt werden. „Wer in Deutschland wäre dazu sonst in der Lage“ oder „ein hingeseufztes ,Endlich‘“, spottet Charlotte.

Brigitte Kronauer: Das Schöne, Schäbige, Schwankende. Romangeschichten. Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 596 S., 26 Euro.

Mitleid und gutes Benehmen („gesellige Manierlichkeit“!) sind wichtig. An solchen Stellen umgibt Charlotte eine besonders starke Kronauer-Aura und etwas Bürgerliches, das fern ist von allem Kleinen oder Spießigen, indem es lediglich glasklar den Menschen als geselliges, Zusammenhänge erkennendes Wesen zeigt. Wenn Figuren Nachnamen haben, dann sind es solche wie Bingelklein, Schlupf, Stocht, Rugenbark, Schwill. Natürlich schwirren Vogelmetaphern durch die Seiten, eher spaßeshalber. Auch dieser Übermut sollte über die Schärfe der Beobachtungen in der virtuos gestalteten Novellensammlung nicht täuschen. Bloßgelegt wird das Freundliche wie das Schaurige so genau und pointiert, als hätte eben doch nicht ein Vogel sie herausgepickt, sondern ein begabter Chirurg sie herausoperiert aus dem Gewimmel.

Alle Moral, jedwede Moral wird ersetzt durch Leben

Den 39 Porträts folgen wie eine logische, aber doch zwanglose Fortsetzung drei längere Erzählungen, „Romangeschichten“ auch dies, ein nützlicher Gattungsbegriff. „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ ist mittlerweile gut vorangekommen, während Charlotte auf Seite 356 berichtet: „Selbst befand ich mich nicht in der besten Verfassung. Mit dem Roman ,Glamouröse Handlungen‘ war ich noch keinen Schritt vorangekommen ... .“ Und es steht noch ärger: „Nicht, dass ich nicht weiterkam mit dem Roman, war der Grund für meine schlechte Laune. Das hätte ich mit nur zu gern eingebildet, wusste es aber besser. Ich machte keine Fortschritte bei meinem Vorhaben, weil ich mich zum ersten Mal im Leben fragte: Wozu, ganz grundsätzlich, all die unvernünftige Mühe der Schreiberei.“

Was aber glücklicherweise erneut folgenlos bleibt, da die Geschichten sich gemütlich und ungemütlich, je nachdem, weiterentwickeln. Nur sind sie jetzt breiter in der Anlage. Drei Leben, drei Lebensentwürfe in ihrer vielreichen Fragilität: Die etwas anstrengende, ziemlich einsame Franziska, die wie viele Figuren von Brigitte Kronauer der Erzählerin eine Spur auf die Nerven geht. Wie der Tod eines Menschen Franziska die Existenzmöglichkeit in Form einer bezahlbaren Wohnung rettet, ist nicht zuletzt effektvoll erzählt, als würde Charlotte doch den „Glamourösen Handlungen“ nachhängen, die uns hier – je nachdem wie man die schöne Wendung interpretiert – wirklich auf Schritt und Tritt begegnen.

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Auch in der Geschichte der lebhaften Verwandten, die im Clinch mit der bürgerlichen Familie ihren Weg geht, um als junge Frau und Mutter, überglücklich und nach Unbill und Schrecken da angekommen, wo die Dinge erfrischend normal werden können, krank wird und stirbt. Erst die dritte Geschichte – Paul mischt sich ein und will es so – ist angeblich selbst ausgedacht. Ein Greis und wahrer Kenner des Isenheimer Altars lernt eine junge Mutter mit kleinem Kind in prekärer Lage kennen und nimmt die beiden bei sich auf. Neben der erneut souveränen Mischung aus Feinsinn und Salopperie in der Sprache – gewiss ist das auch eine Routine, aber eine weiterhin unerschöpfte – liegt etwas Einfaches, Grundsätzliches über den Geschichten, die noch mehr für sie einnehmen. Sie sind wie Modellgeschichten ohne Belehrung. Alle Moral, jedwede Moral – die den Figuren nicht fremd ist, weder ihre An- noch ihre Abwesenheit – wird ersetzt durch Leben und Menschlichkeit.

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Im letzten Satz, im allerletzten Satz dieses fast 600-seitigen Buches wendet sich eine seit geraumer Zeit erwartete Katastrophe so milde weg ins Alltägliche, Befriedete, sogar ins Banale, wie es nur einer Meisterin gelingen kann. Und der Kunst. Auch ist man jetzt gut darauf vorbereitet, „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ wieder von vorne zu lesen. Ein großes Geschenk zu einem verhassten Abschied, und es wird noch größer dadurch, dass es ausgerechnet ein verhasster Abschied ist, dem Brigitte Kronauer eine so optimistische Volte gibt. Auch auf großer Distanz kann man sich nah bleiben.

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