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Die Schriftstellerin Christa Wolf 2003.

Sarah Kirsch / Christa Wolf

Christa Wolf und Sarah Kirsch: Offenherziger Briefwechsel

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„Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“: Der Briefwechsel zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf. 

Es ist schwer auszuhalten“, schreibt Sarah Kirsch am 14. Juni 1990 in einem Brief an Gerhard Wolf. Schwer auszuhalten sei, was seine Ehefrau Christa Wolf in den Medien sage: „Dieser Kinderglaube, dass in der BRD die Barbaren sitzen – und ich habe mich dem Markt angepasst und schreibe nun harte Pornos.“ Als ob „die Grenzen nicht ganz anders“ verliefen. Dann ruft sich Sarah Kirsch, die 1977 aus der DDR in die Bundesrepublik gewechselt ist, gleichsam zur Ordnung: „Aber ich höre schon auf.“

Mit der deutschen Wende, das ist gewiss, gelangte die über Jahrzehnte währende Freundschaft zwischen den beiden Schriftstellerinnen an ihr Ende – zwischen der „herzlieben Christa“ und der „viellieben Sarah“ (auch mal „Sahara“). Das lässt sich nun lesend nachvollziehen in dem umfänglichen Briefwechsel „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“.

Christa Wolf: Außerordentliche Briefschreiberin

Christa Wolf war eine außerordentlich emsige Briefschreiberin. Schwer vorstellbar, dass es zeitgenössische Kollegen gibt, deren Briefe häufiger zu Büchern wurden als die der Trägerin des Georg-Büchner-Preises (1980) und des Nationalpreises 1. Klasse der DDR (1987). Früh schon erschienen die Korrespondenzen mit Anna Seghers, Brigitte Reimann, Franz Fühmann, Charlotte Wolff. Zuletzt brachte der Steidl-Verlag den Briefwechsel mit Lew Kopelew heraus: „Sehnsucht nach Menschlichkeit“ (2017).

Den Überblick über die Bandbreite der Adressaten ermöglichte Sabine Wolf mit ihrer Auswahl der Briefe zwischen 1952 bis 2011 im Suhrkamp-Verlag: „Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten“ (2016). Nun konzentriert sich die stellvertretende Direktorin des Archivs der Berliner Akademie der Künste, die nicht verwandt ist mit der Autorin, auf den literarisch, politisch und persönlich aufschlussreichen Briefkontakt zwischen Christa Wolf (1929-2011) und Sarah Kirsch (1935-2013). Darin spielt auch Gerhard Wolf (1928 geboren) als Ratgeber in vielen Lyrik-Fragen eine erhebliche Rolle; hingegen kommt Rainer Kirsch (1934-2015), eine Weile verheiratet mit Sarah Kirsch, nur bis zur Scheidung im Jahre 1968 zu Wort.

Briefwechsel mit Christa Wolf spiegelt Sarah Kirschs Schwierigkeiten

Im Nachwort dieses mit hilfreichen Anmerkungen versehenen Bandes heißt es nun, dass da zwei sehr unterschiedliche Temperamente aufeinander gestoßen seien: „Eine Haltung äußersten Rigorismus bei Kirsch trifft auf den Wunsch nach Abwägen, Verständnis, Ausgleich bei Wolf.“ Die auseinanderklaffende Beurteilung der DDR und ihrer Protagonisten habe dann nach der Zäsur 1989/1990 „das bereits dünne Band“ der Freundschaft zerrissen.

Der Briefwechsel setzt zu Beginn der 60er Jahre ein und spiegelt zunächst Sarah Kirschs Schwierigkeiten, ihre Lyrik an die Öffentlichkeit zu bringen. Schon im Jahre 1963 beklagt sie, dass man ihrem Gedicht „Quergestreiftes“ mit Unterstellungen den Sinn verdrehe. Ein anderes Mal schreibt sie an Gerhard Wolf: „Kennst Du den Witz, wo sich zwei auf dem Straußberger Platz treffen und der eine von ihnen sagt, haben Sie schon gehört, der Schriftsteller S. hat sich aus dem Fenster gestürzt? Da überlegt der andere nämlich eine Weile und sagt dann bedächtig najaaa, wenn er sich verbessern konnte!“ Der professionelle, aber auch der private Stress zeigen allmählich Wirkung. Sarah Kirsch bekennt 1967 gegenüber Christa Wolf, dass „das dicke Fell irgendwie abgewetzt“ sei.

Sarah Kirsch: Umzug vom Osten in den Westen

So offenherzig äußert sich Christa Wolf kaum einmal. Ihre Briefe wirken selbst dann noch kontrolliert, wenn sie leicht erscheinen (wollen). Gleichwohl taucht auch bei ihr der DDR-Alltag mit seinen Einschränkungen auf, ebenso mit seinen Verpflichtungen, in die die prominente Autorin eingebunden ist. Als sechs Jahre ältere Freundin neigt sie zuweilen zu mütterlichem Rat: „Später, denke ich (und vielleicht ist dieses Später schon jetzt, bei mir hat es angefangen) bereut man bitter jeden Tag, den man nicht gelebt hat, jeden Frühling zum Beispiel, den man einfach nicht gesehen hat. Und so weiter. Jedes Gedicht, das nicht geschrieben wurde – Dir gesagt, Sarahleben.“

Sarah Kirschs Umzug vom Osten in den Westen wird in dieser Korrespondenz nicht unmittelbar diskutiert. Das ist offenbar kein Thema für dieses Forum. Aber dass es Kirsch danach so schlecht nicht geht, wird deutlich in einem Brief von 1978 aus Rom, wo sie Stipendiatin der Villa Massimo ist: „Liebe Wölfe, ich bin jeden Tag stundenlang glücklich, alles, alles ist richtig.“ Derweil beschwört Christa Wolf des Öfteren die Gefahr, dass sie einander verlieren könnten: „Man treibt auseinander, wird getrieben, will es gar nicht.“

Christa Wolf sendet Grüße, Sarah Kirsch antwortet 

Dafür sorgt dann die Öffnung der Grenzübergänge. Ende 1989 sendet Wolf „einen kleinen Jahres-End-Gruß aus finsterer werdenden Zeiten“. Gleich schreibt Kirsch zurück: „Liebe Christa, die Post geht jetzt viel schneller, das ist doch auch was.“ Ob Wolf darüber hat lachen können? Fünf Monate später beklagt sie, „nun dringt das Leichengift, das von der Zersetzung dieser Gesellschaft kommt, überall ein und zerstört den Rest“. Als Differenzen über die Vertrauenswürdigkeit eines gemeinsamen Bekannten aufkommen, schickt Kirsch „1000 gespaltene Grüße“ nach Berlin-Ost.

Christa Wolf bittet ihre langjährige Freundin dann noch um eines: „Gut wär, Du würdest nicht alles glauben, was jetzt über mich gesagt oder geschrieben wird.“ Was das „alles“ war, lässt sich nun noch einmal nachlesen in einem langen Interview mit ihr (und wieder mit Gerhard Wolf) aus dem Jahre 2008, das ebenfalls zum Jahrestag des Mauerfalls in einem Suhrkamp-Band erscheint. Thomas Grimm fragt darin unter anderem nach der öffentlichen Debatte um den Aktenfund, demzufolge Christa Wolf zwischen 1959 und 1962 als Informelle Mitarbeiterin der Stasi geführt worden sei. Die Schriftstellerin, die später selbst von der Stasi überwacht worden ist, sagt dazu: „Die Stasi-Geschichte war das Letzte, was ich erwartet hatte, weil ich mich eben völlig anders sah, meine Entwicklung, mein Leben, alles. Das galt plötzlich gar nichts mehr. Das war eine schwierige Zeit, das muss ich schon sagen.“

Einen Frieden hat Christa Wolf mit der Wiedervereinigung nicht schließen können. Ihr wäre eine Alternative, für die sie auch öffentlich warb, auf ostdeutschem Territorium lieber gewesen. Aber dass der November vor 30 Jahren ein glücklicher war, weiß auch sie: „Da war ich nachträglich froh, in der DDR geblieben zu sein. Mitzuerleben, wie hunderttausende Menschen plötzlich im Verlauf weniger Tage und Wochen zu selbstbestimmten Bürgern reiften und eine couragierte Haltung gegenüber den herrschenden Verhältnissen an den Tag legten, die man nicht für möglich gehalten hätte.“

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