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Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Max Frisch: „Es ist mir das Herz gebrochen“

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Von: Judith von Sternburg

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Das einzige bekannte Bild, das Frisch und Bachmann zeigt, aufgenommen 1962 in Rom. Max Frisch-Archiv, Zürich, Foto: Mario Dondero/SV
Das einzige bekannte Bild, das Frisch und Bachmann zeigt, aufgenommen 1962 in Rom. Max Frisch-Archiv, Zürich, Foto: Mario Dondero/SV © Max Frisch-Archiv, Zürich

Der große Briefroman von und über Ingeborg Bachmann und Max Frisch erzählt von Liebe, Verzweiflung und Literatur.

Nun mag die Veröffentlichung vieler privater Korrespondenzen eine Indiskretion darstellen, hier aber ist sie besonders offensichtlich, und besonders offensichtlich ist auch, auf was ohne die Indiskretion hätte verzichtet werden müssen. Auf einen großen Briefroman über die Liebe und die Verzweiflung, die ihr nachfolgen kann, zäher als die Liebe und völlig immun gegen gutes Zureden. Es ist eine spektakuläre Spiegelung, dass ausgerechnet zwei Menschen, die ihr Leben miteinander in ihrer Literatur so genutzt (ausgebeutet) haben, zugleich ihre Literatur in ihrem Leben miteinander so nutzen. Dies geschieht aber nicht, damit andere schon einmal oder später mitlesen können. Es liegt in der Natur der Sache, ihrer und seiner.

Die Liebe ist groß, wenn es Worte für sie gibt. Einen Mann, der einer Frau schreibt: „Du bist ein Meertier, das nur im Wasser seine Farben zeigt, Du bist schön, wenn man Dich liebt, und ich liebe Dich.“ Eine Frau, die einem Mann schreibt: „Liebesbestätigung. Hiermit wird bestätigt, dass sie ihn liebt.“ Er schreibt: „Ich bin todmüde, wenn Du nicht da bist.“ Sie schreibt: „Ich glaube, mein Herz tut mir weh.“ Er schreibt: „Ich liebe mit so zärtlichem Neid die Dichterin in Dir, Ingeborg Bachmann.“ Sie schreibt: „Auch im ,Stiller‘ habe ich wieder viel gelesen, ein bisschen auf der Suche nach Dir, auf einer unerlaubten, aber mit genug Verstand fürs Verwandelte natürlich“. Das ist übrigens auch deshalb ein sensationeller Satz, weil gerade ihr der „Verstand fürs Verwandelte“, des Transfers vom Leben in die Literatur, später mit Blick auf seinen aktuellen Roman („Mein Name sei Gantenbein“) ganz abhanden kommen wird. Noch ist es nicht so weit. In einer verliebten Briefszene stellt sie sich vor, wie sie ihn für jeden Beistrich umarmt und für jedes Komma küsst. Eine Liebe unter Menschen, die bei Satzzeichen nicht an die Schule denken, sondern an das Leben.

Das gehört zum schönen Teil dieses Briefromans, der schlimm enden wird. Alle Welt, die sich für Literatur interessiert, wusste schon lange vom schlimmen Ende und vom Weg dorthin. „Wir sind halt ein berühmtes Paar gewesen, leider, ohne unser Zutun“, schreibt Max Frisch an Ingeborg Bachmann, als nach der Trennung längst nicht alles vorbei ist. Aber so, wie es in dem Briefband „Wir haben es nicht gut gemacht“ nun steht, konnte es kaum einer wissen. Im Großen ist es komplizierter als gedacht, Max Frisch vor allem nicht so eindeutig der Schuft (nach Elfriede Jelinek: der „Normalitätsterrorist“ und „Schweizer Kracher“), der die kranke Ingeborg Bachmann dem Tod entgegentreibt. Im Kleinen zeigt sich etwa in den spannenden Szenen, in denen Bachmann das Manuskript von „Mein Name sei Gantenbein“ redigiert und sie betreffende Stellen streicht – teils flink, intelligent, routiniert, teils mit bittersten Vorwürfen –, und Max Frisch kommt ihr dabei vorbehaltlos entgegen, übernimmt alle Änderungswünsche, hält sie auf dem Laufenden. Der fertige Roman kann sie bei seinem Erscheinen also nicht in dem Maße überrascht und entsetzt haben, wie es (mit ihrem Zutun) in der Literaturschreibung gemeinhin angenommen wird. Das macht es nicht weniger tragisch, das stimmt, eher im Gegenteil.

Die Verzweiflung kann ohne die Liebe sein, die Liebe nicht lange ohne die Verzweiflung. Obwohl man sich daran freut, zwei Liebende vor sich zu haben, registriert man betroffen, wie er es ein paar Jahre später gerne wieder etwas normaler hätte (er hat sich auch erneut verliebt), während es für sie eine Normalität gar nicht gibt (Jelineks Verdikt ist ja nicht aus der Luft gegriffen).

Ein Büchnerpreisträger (1958) und eine Büchnerpreisträgerin (1964), das ist auch nicht die Regel. Sie ist schneller, brillanter und klüger als er, man merkt es auch im Briefwechsel, er merkt es in allen Belangen. Trudy, seine erste Frau, von der er bereits getrennt lebt, als er Bachmann kennenlernt, sei ihm intellektuell unterlegen gewesen, schreibt er, nun sei es umgekehrt. Das sind Kategorien, die Bachmann weniger interessieren, die seine Texte offenherzig lobt (man kann sich leicht vorstellen, wie es sein muss, von Ingeborg Bachmann gelobt zu werden, es muss fantastisch sein). Sie schreibt dafür früh: „Mir ist nur sehr elend zumute, weil mir darüber einfällt, wie Du mich im ganzen bezweifelst, wie Du weniger fürchtest, mich zu verlieren, als wünschst, mich zu verlieren und die Gründe dafür zu haben.“

Die Indiskretion springt auch deshalb ins Auge, weil sie in der Korrespondenz bereits Thema ist, Dauerthema. Erstens schwirren Vorwürfe der Indiskretion durch die späteren Briefe, auch wenn Frisch abfedernd schreibt: „Derlei kann vorkommen, ich habe auch schon zwei oder drei Briefe, die nicht für mich bestimmt waren, gefunden und gelesen und mich danach geschämt.“ Zweitens sehen sich beide mit Gerüchten konfrontiert, auch die Literaturwelt sehnt sich nach Spektakel, und diese Liebesgeschichte macht es ihr von vornherein leicht. Drittens hatten Bachmann und Frisch keineswegs eine Veröffentlichung ihrer Korrespondenz im Sinn. Bachmann forderte ihre Briefe (vergeblich) zurück und verlangte zumindest, dass Frisch sie verbrenne, „damit nie ein fremdes Auge sie trübt“ und „niemand ein Schauspiel hat eines Tages“. Ihrerseits hob sie wenige der Frisch-Briefe auf, die sich dadurch fast ausschließlich in seinen Durchschlägen erhielten – aber auch so sind von knapp 300 erhaltenen Briefen lediglich 88 von ihm. Die Lücken sind also groß, das Missverhältnis ist auffällig. Der Herausgeberkreis um Barbara Wiedemann hebt hervor, dass das bei anderen persönlichen Bachmann-Korrespondenzen (etwa mit Paul Celan und Hans Werner Henze) anders sei.

Fast 50 Jahre nach ihrem Tod 1973 stimmten Ingeborg Bachmanns Geschwister der Veröffentlichung zu, Frisch, der 1991 starb, hatte sich seinerseits spät entschlossen, eine Veröffentlichung nach 20 Jahren zu erlauben. Eine Indiskretion muss sich legitimieren, im Band wird mit Bedacht dafür gesorgt, wobei die beste Legitimation das Ergebnis ist. „Wir haben es nicht gut gemacht“ (eine Frisch-Formulierung) ist Literatur, an der zunächst am meisten erstaunt, wie nichts daran gestrig erscheint, obwohl zum Beginn der Korrespondenz, Ende der 50er, die gesellschaftliche Zeitenwende kaum in Sicht ist. Bei einer Frisch-Lesung in München ist dunkler Anzug erwünscht, Ingeborg Bachmann registriert es mit amüsiertem Respekt.

Das ist Literatur, und den beiden, die es geschrieben haben, kann das nicht entgangen sein. Mag sein, dass Bachmann verschwenderischer damit umgehen kann, es jedenfalls tut, wenn sie später etwa erklärt, sie habe einen Geburtstagsbrief Frischs noch vor dem Durchlesen in den Papierkorb fallen lassen. Beide formulieren auf den Punkt, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie sich dafür nicht Zeit nehmen mussten und wollten. „Wir wären ein Unheil für einander“, vermutet Frisch früh, und Bachmann seziert das sogleich: „Dass wir ein Unheil füreinander wären, das mag ich natürlich nicht glauben, wieso auch, wieso sollten wir keine große Chance haben, das weißt Du doch auch, ich meine, wir haben schon vorher allerlei Unheil gehabt und wir werden mit andren ziemlich sicher Unheil haben in Zukunft, und wir wissen, jeder auf seine Weise, ziemlich genau, warum. Nur das Unheil, das wir füreinander sein könnten, ist weniger genau vorzustellen. Vielleicht meinst Du, dass Du Dir diesmal nicht vorstellen kannst, wie das Unheil aussehen soll und fürchtest darum mehr. Oder irr ich mich?“

Das Buch:

Ingeborg Bachmann/Max Frisch: „Wir haben es nicht gut gemacht“. Der Briefwechsel. Hg. v. Barbara Wiedemann u.a.. Suhrkamp/Piper. 1039 S., 40 Euro.

Denn klar ist, dass sich ein Beziehungsdrama entspinnt, gegen das „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ recht oberflächlich wirkt. „Woher, glaubst Du, soll ich Vertrauen zu mir nehmen und zu meinen Möglichkeiten“, schreibt Bachmann, „wenn nicht aus der nächsten Nähe. Ich kann schlecht ertragen, dass Du so haderst mit mir; im Selbsthader, der wahrscheinlich weiter geht, wünsche ich mir doch, angenommen zu werden. Du, andrerseits, fühlst kein Vertrauen in Deine Möglichkeiten, weil Du nicht willst (nicht meines zu Dir)… .“ Sie kanzelt ihn und seine Unsicherheit ab, oder? „Ich fühlte mich geliebt, nie geachtet“, schreibt Frisch später, „ich schämte mich dann meiner Eitelkeit, dass ich geachtet sein wollte, wo ich über meine Grenzen doch selbst Bescheid weiß. Ich zerknüllte den Brief an Celan, weil ich eine stumme Geringschätzung spürte von Euch beiden, den Eingeweihten.“

Ihr Ton hat eine andere Schärfe als seiner, sie lebt riskanter, „in keinem Zusammenhang“ und mit einer aufreibenden „Ortlosigkeit“. „Ich kann nur mehr arbeiten“, heißt es nun in klassischer Virginia-Woolf-Tradition, „wenn mir ein Tisch sicher ist, ein Raum, den mir niemand mehr wegnehmen kann, ein Ort, von dem mich niemand wegschicken kann“ – während er von einer Beziehung zur nächsten wechselt (und zu immer jüngeren Frauen). „Ich bin auf Brücken angewiesen“, schreibt er, „Du wahrscheinlich nicht.“ Dann wieder kommt es doch zu Edward-Albee-Szenen. Sie wirft ihm vor, bei einem Besuch des Verlegers Siegfried Unseld aus dem Zimmer geworfen worden zu sein. Er erklärt: „Wir hatten beide keine Nerven mehr, Du gingst plötzlich in die Küche, Du musstest nicht, ich habe die Ingeborg Bachmann nicht in die Küche geschickt, das ist eine Anekdote für den SPIEGEL.“

Schärfe zeigt sich früh, auch Unglück zeigt sich früh. Im Juli 1958 entflammt die Liebe jäh, Frisch beendet das zunächst rasch, aber im Oktober nimmt sich das Paar eine erste gemeinsame Wohnung. Beide gehen viele Wege für sich, eine offene Partnerschaft ist verabredet. Frisch ist empfindlich, Bachmann auch (erst recht? Nein, zunächst nicht unbedingt). Schwer leidet sie unter einer Operation, bei der es sich nicht – wie oft vermutet – um eine Abtreibung handelt, sondern um die Entfernung der Gebärmutter. Sie hat den Eingriff so gelegt, dass Frisch nicht da sein kann, was sie ihm wiederum vorwirft.

Ihr Tablettenkonsum nimmt – eine biografisch ebenfalls wesentliche Neuigkeit – nicht erst mit ihrer Krise nach der Trennung überhand. Er scheint im Gegenteil eher zur Krisenstimmung beizutragen. „Deine Lethargie. Ich wusste nicht nur darum, ich habe darunter gelitten. Ich habe vielerlei versucht, aber ohne Glück. Dein Nichtaufwachenwollen, dein Hindösen, seit wir diese Wohnung haben, deine Flucht in Narkotika, es war beängstigend“, schreibt Frisch 1962, als der Streit heftig wird, das Ende sich hinzieht und Frisch doch schon dauerhaft mit Marianne Oellers liiert ist, die er später heiraten wird. „Du schreibst, Du wolltest bei uns sein. Ach Ingeborg! Man umarmt sich nicht zu Dritt“, schreibt Frisch, der jetzt wirklich in den Beendigungsmodus kommt. „Die Zeit mit Dir, Ingeborg, wird die große Zeit für mich gewesen sein“, schreibt er, ein beinharter Abschlusssatz eines Menschen, der sich neuen Ufern zuwenden will, aber auch Angst um die hat, die er dabei zurücklässt.

„Du bist nicht allein“, schreibt er beschwörend, und der Satz klingt bei ihm nicht so läppisch, wie sonst (obwohl man selbst jetzt vielleicht doch bei Ingeborg Bachmann geblieben ist und denkt: wieso ist sie nicht allein, wer ist denn da noch). „Ich wollte nur ... nicht ausgelöscht sein, nicht fallengelassen werden“, schreibt sie, „spüren, dass ich auch noch da bin.“ Er habe sie nicht fallengelassen, schreibt er. „Es ist mir das Herz gebrochen“, schreibt sie, und bei ihr klingt ein solcher Satz erst recht nicht läppisch.

Die Auflösung der Wohnungen ist ein Gefetze, Frisch sieht sich schließlich in einer „Notwehr“-Situation, wendet sich an Henze (der sich kühl außen vor hält), auch an Unseld (der mit Unseldscher Diplomatie versucht, Bachmann zu beruhigen, großartig, dass solche Briefe eingefügt wurden, die wie aus einem anderen Kosmos stammen). Als wäre diese Korrespondenz als Buch durchkomponiert, folgen penible Inventarlisten wie kaltes Löschwasser. Und schließlich ein paar Gedichte Bachmanns, die er fast zehn Jahre später für eine Anthologie erbittet. Sie schickt unter anderem „Alle Tage“ („Der Krieg wird nicht mehr erklärt, / sondern fortgesetzt“) und „Böhmen liegt am Meer“.

Unter den Fotografien im Band auch das einzige (auch noch nicht lange) bekannte Bild, das beide zusammen zeigt. Er in der Mitte, sie halbiert am Rand. In dem italienischen Zeitungsartikel, für den es entstand, sei es eben um Frisch gegangen, heißt es dazu wohlweislich. Natürlich wird auch dieser gigantische – und mit einem fairen, ausführlichen Stellenkommentar versehene – Band niemanden daran hindern können, sich seinen eigenen Reim zu machen. So ist das, wenn es Literatur ist.

Ingeborg Bachmann mit Schreibwerkzeug.
Ingeborg Bachmann mit Schreibwerkzeug. © © epd-bild / Keystone

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