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Franz Fühmann bei einem Vortrag 1977.
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Franz Fühmann bei einem Vortrag 1977.

Franz Fühmann & Christa Wolf

Briefwechsel Franz Fühmann/Christa Wolf: Im Satzgebirge und in finsteren Zeiten

  • VonCornelia Geißler
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Zum 100. Geburtstag von Franz Fühmann: Die erweiterte Ausgabe des Briefwechsels mit Christa Wolf erzählt von einer besonderen Freundschaft und wichtigen Kapiteln der DDR-Geschichte.

Viele Adressaten und Adressatinnen aus der Literaturszene finden sich in den Brief-Bänden, die bereits von Christa Wolf (bei Suhrkamp) und Franz Fühmann (bei Hinstorff) erschienen sind. Die beiden, in der DDR vom Lesepublikum geliebt, pflegten Kontakte und Freundschaften, tauschten sich über literarische Fragen aus. Schält man aus den jeweiligen Konvoluten den direkten Austausch Wolf–Fühmann heraus, bemerkt man schnell dessen besonderen Charakter. Sie waren sich so nah in den Fragen, die sie ans eigene Werk und an die Gesellschaft stellten. Sie waren eng beieinander im Kampf gegen Dogmatismus.

Zum 100. Geburtstag von Franz Fühmann, der am 15. Januar 1922 im Riesengebirge geboren wurde und 1984 in Ost-Berlin starb, kommt der bereits 1998 erschienene Briefwechsel mit Christa Wolf in einer erweiterten Ausgabe heraus. Bei der Erstfassung lebte die Autorin von „Kindheitsmuster“ und „Kein Ort. Nirgends“ noch, sie schrieb selbst das Nachwort, zum Beispiel mit diesem Satz: „Die Unkenntnis über die konkreten Umstände, unter denen in der DDR Literatur entstand und Schriftsteller miteinander umgingen, ist ein Grund für mich, diese authentischen Zeugnisse zur Verfügung zu stellen, auch wenn ich nicht annehmen kann, dass schon die Zeit dafür ist, sie ruhig wahrzunehmen.“

Was danach kam, deutet auf ihre schlechten Erfahrungen: „Zu tief haben sich Vorurteile – genauer Nach-Urteile – über die Rolle derjenigen Schriftsteller eingefressen, die in der DDR geblieben sind, zu sehr werden diese Vorurteile noch gebraucht und beeinträchtigen das Vermögen zu differenzieren.“ Christa Wolf starb am 1. Dezember 2011, sie hatte noch erlebt, wie der „Literaturstreit“ im vereinigten Deutschland in mehreren Etappen auch Teile ihres Werks in Frage stellte. Fühmann war das erspart geblieben.

Der Band „Monsieur, wir finden uns wieder“ ist heute noch besser geeignet, von dieser besonderen Freundschaft zu erzählen, von zweien, die sich stützten und manchmal zu bremsen versuchten. Umfangreiche Anmerkungen zu fast jedem Brief durch die Herausgeberin Angela Drescher (Christa Wolfs langjährige Lektorin) ordnen Zeit und Gegenstände ein. Sie kannten sich schon eine Weile, bevor sie Briefe und Karten schrieben, manchmal rutscht auch eine Botschaft von Gerhard Wolf dazwischen, wenn er einen Text von Fühmann erbittet oder seine Lektüre-Erfahrung mitteilt.

Schon im zweiten Brief im November erwähnt Christa Wolf „schlechte Zeiten für die Nerven“ und spielt auf die Niederschlagung des Prager Frühlings und die folgenden Repressionen an. Schlechte Zeiten kommen von da an immer wieder, die finstersten beginnen, als Wolf Biermann ausgebürgert wird und beide zu den Erstunterzeichnern des Protests gehörten. Drei Jahre später wenden sie sich gegen den Ausschluss von neun Autoren wie Stefan Heym, Klaus Schlesinger und Adolf Endler aus dem Schriftstellerverband der DDR. Sie schicken sich ihre Briefe an die Verbandsleitung, an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, an den Kulturminister im Durchschlag – wie eine Vergewisserung, nicht alleine zu sein.

Das Buch:

Christa Wolf, Franz Fühmann: Monsieur – wir finden uns wieder. Briefwechsel 1968–1984. Aufbau, Berlin 2022. 224 S., 24 Euro.

Und gleichwohl schreiben sie sich noch gegenseitig von ihrer Arbeit, wenig Privates, dafür viele genaue Sätze zu Themenwahl und Schreibweise. Wer das Werk von Christa Wolf, wer die „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“ – Fühmanns großes Buch der Selbstsuche in Geschichte und Literatur – kennt, wird hier vieles entdecken.

So schreibt sie an ihn im Januar 1971: „Ich glaube eine Art Überdruck zu spüren, unter dem Du beim Schreiben stehst, oder unter dem Du immer stehst, weshalb Du schreiben mußt. Schon diese Satzgebirge scheinen mir das anzudeuten, man wird ja atemlos beim Lesen, und das soll man wohl. Die Unbedingtheit und Kompromißlosigkeit, mit der Du schon immer geschrieben hast, steigert sich eher noch, und nun passieren die tollsten Dramen in Bruchteilen von Sekunden, die tollsten Gefühlsumschwünge in Augenblicken.“

Irgendwann wird ihnen klar, dass sie unter Beobachtung stehen, und Fühmann notiert über einen Brief 1977 an Christa und Gerhard Wolf „Erich Mielke besten Gruß“, also an den Minister für Staatssicherheit. Und er wird grundsätzlich in einem Brief an den für die Literatur zuständigen stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke im August 1977, nachdem mehrere wichtige Autoren die DDR verlassen haben: „Das Zentralproblem dabei ist meiner Meinung nach das der fehlenden Öffentlichkeit.“ Eine öffentliche Auseinandersetzung fand in der DDR nicht statt.

Christa Wolf wendet sich an den Schriftstellerverband, als ihr zu Ohren kommt, wie anlässlich der Ausreise der Dichterin Sarah Kirsch auch noch schlecht über sie geredet wird: „Kein Vertreter einer Leitung des Schriftstellerverbandes, in dessen Vorstand Sarah Kirsch war, hat es für nötig gehalten, sich bei ihr nach den Gründen für ihren Entschluß zu erkundigen. – Selbstverständlich bin ich dafür, daß Ausreisewillige ausreisen dürfen. Dem Schriftstellerverband und seinen leitenden Organen aber stünde es wohl an, sich über ihre Mitverantwortung an dieser katastrophalen Entwicklung Rechenschaft zu geben“.

Das Buch enthält auch die Trauerrede, die Christa Wolf für Franz Fühmann sprach, nachdem er nach kurzer, qualvoller Krankheit gestorben war. Sie erzählte davon, wie ernst er seinen Beruf nahm, und auch davon, wie er junge Poeten suchte und unterstützte. Die Namen fallen in der Rede nicht; es waren zum Beispiel Uwe Kolbe, Wolfgang Hilbig, Frank-Wolf Matthies. „Ob in diesem Land Dichter nachwuchsen; ob es eine Literatur geben wird, die diesen Namen verdient – das war seine ureigene Sorge und Bekümmernis.“

Dieser Briefwechsel bietet Einblick in entscheidende Jahre der Literaturgeschichte der DDR, mit all den Namen von Kollegen und Kolleginnen, für die sich beide einsetzten – und auch jener, gegen die sie sich wandten.

Ihre Freundschaft mussten sie nicht preisen, derer waren sie sich sicher. Den Briefen kann man entnehmen, dass sie sich gerne öfter getroffen hätten, doch zwischen Märkisch Buchholz (Fühmann) und Neu Meteln (Wolf) war manches Mal der Weg zu weit, oder sie verpassten sich in Berlin. 1982, nach neuerlichen Scherereien mit der Politik, wandte sie sich so an ihn: „Lieber Franz. Vorausgesetzt, daß Europa nicht in den nächsten Jahren in die Luft fliegt: Das wichtigste ist doch, was wir schreiben, gelle.“ Und ihr Werk ist es, das bleibt.

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