Ernst Barlach (1870 - 1938) in seinem Atelier, im Hintergrund der vollendete „Fries der Lauschenden“ (Foto um 1935).  
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Ernst Barlach (1870 - 1938) in seinem Atelier, im Hintergrund der vollendete „Fries der Lauschenden“ (Foto um 1935).  

Ernst Barlach

Briefe von Ernst Barlach: Ein Emigrant im Vaterland

  • vonCornelia Geißler
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Vor 150 Jahren wurde der Bildhauer und Dramatiker Ernst Barlach geboren – seine Briefe erscheinen jetzt in vier Bänden.

Oft gilt es, eine Person dem Vergessen zu entreißen, wenn ihre Briefe gesammelt veröffentlicht werden. Im Falle des Bildhauers, Zeichners und Dramatikers Ernst Barlach, der am 2. Januar vor 150 Jahren geboren wurde, scheint das auf den ersten Blick nicht recht einsichtig. Ist doch Barlachs Werk in den Museen und Kirchen in vielen Städten Deutschlands präsent. Oder ist nur sein Name geläufig? Als Bildhauer war er ein Solitär in der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts, es findet sich nichts Vergleichbares. Ernst Barlach schuf große Mahnmale, die ihre Betrachter emotional durchschütteln können. Er schuf Figuren, deren Mimik das Auge irritiert. So schwer greifbare Gefühle wie Einsamkeit, Angst, Trauer und Trotz haben durch seine Hände Gestalt bekommen. Deshalb geht es vermutlich vielen so, dass sie Barlach-Plastiken vielleicht selten einmal gesehen, aber dann nicht mehr vergessen haben.

Denn was weiß man schon wirklich? Ernst Barlach wird am 2. Januar 1870 in Wedel bei Hamburg als ältester Sohn eines Arztes und seiner Frau geboren, verliert den Vater früh und muss als Kind schon erleben, wie seine Mutter unter schweren psychischen Problemen leidet. Dass er zeichnen, modellieren, gestalten will, weiß er, aber seinen eigentlichen Ausdruck findet er erst, nachdem er 1906 einige Wochen seinen Bruder in Russland besuchte: Das einfache Leben, der Mensch in seiner Abhängigkeit von den ökonomischen, politischen, ja auch landschaftlichen Umständen wird sein Thema. Nach Jahren des Suchens lässt er sich im mecklenburgischen Güstrow nieder, denn in Berlin, wo er als Mitglied der Secession, später der Preußischen Akademie der Künste ein Atelier bekommen könnte, wird er nicht glücklich; ein Italien-Aufenthalt zeigte ihm, dass seine Landschaft auch nicht die des Südens war.

Seit den zwanziger Jahren hat Barlach mit seinen Theaterstücken wie „Der tote Tag“, „Die echten Sedemunds“ und „Der blaue Boll“ Erfolg, 1927 wird der „Güstrower Domengel“ als erstes von einer Reihe von Ehrenmalen in Kirchen enthüllt. In den dreißiger Jahren hat er große Einzelausstellungen, doch es mehren sich die Angriffe gegen ihn. Seit dem Machtantritt Hitlers gilt Ernst Barlachs Kunst als „ostisch“, „kulturbolschewistisch“, als „jüdisch“, auch wenn er seine Abstammung belegen kann. Er stirbt am 24. Oktober 1938.

Das ist der große Rahmen. Die vierbändige Neuausgabe sämtlicher Briefe Barlachs, initiiert von der Ernst-Barlach-Stiftung Güstrow und dem Ernst-Barlach-Haus Hamburg, erarbeitet an der Universität Rostock, unterfüttert dieses Gerüst jetzt mit den Worten des Künstlers. Es sind rund 2200 Briefe aus 90 Archiven, Museen und privaten Sammlungen; mehr als 500 werden hier erstmals veröffentlicht – nach Ausgaben bei Piper Ende der sechziger Jahre im Westen und bei Hinstorff Anfang der Siebziger im Osten.

Es mag teilweise mühsam sein, diese vier Bücher durchgehend zu lesen, denn natürlich finden sich neben Erörterungen seiner Gedanken, neben den Nachrichten zum Fortschreiten seiner Arbeit, neben den familiären Details (er war alleinerziehender Vater!) auch Mitteilungen, die eher belanglos sind. Doch der große Gewinn dieser Veröffentlichung besteht in ihrer Gesamtheit. Man kann Barlachs Entwicklung als Künstler folgen, als Mann, als Briefschreiber auch.

Der erste Band zeigt ihn, vor allem, wenn er sich an seinen Freund Friedrich Düsel richtet, als geradezu ehrgeizigen Briefschreiber. Der 18-, 19-, 20-jährige Barlach kennt die Kultur des Briefeschreibens gut, er möchte sich in ihr beweisen. „Norderney scheint mir jetzt wie ein schöner Traum, aber ich sehne mich unbeschreiblich nach rauschenden grünen Wäldern, nach klaren, plätschernden Bächen und stillen, dunklen Seen...“ Er erzählt von seinem Drang zu lernen, der Suche nach echtem Urteil. Hat er Erfolg, fragt er sich, ob er ihm trauen kann. 1924 ist er schon weiter, wenn er dem Regisseur Wolfgang Hoffmann-Harnisch schreibt, er habe sich nie befragt, ob er im Expressionismus „ein Bürgerrecht habe oder haben möchte“. „Einerlei – unsere Zeit, unser Volk braucht das Groteske, Spaßige, Humor, Lyrik und die gesamte Reihe aller leisen u. lauten Seelenzustände.“

Barlach unterhält enge Kontakte in der Familie, hat einige gute Freunde, verständigt sich vertrauensvoll mit seinem Verleger und seinem Kunsthändler – bis der Ton kippt. Seit 1933 hat man oft den Eindruck, er schreibt mit zurückgezogener Hand. Er weiß, dass seine Post geöffnet wird und will weder sich noch die Adressaten gefährden.

Der aufregendste Band ist der dritte, weil da am meisten passiert, die Themen am weitesten gefächert sind. Barlach bekommt große Aufträge, etwa für das Magdeburger Ehrenmal zum Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkrieges und erwehrt sich noch einigermaßen tapfer des Gegenwinds. An seinen Vetter Karl schreibt er im 1932: „Aus dem Auftrag für die Grabplatte, wovon wir gemeinsam den Gipsguß fertigten, ist nichts geworden. Grund: da die Söhne des Toten Nazis sind, ich als Jude gelte, so gehts natürlich nicht.“ Die Anmerkung gleich nach dem Brief ordnet ein; wie überhaupt hier die Erklärungen immer direkt folgen und man nicht hin- und herblättern muss.

Mit zunehmender Erschütterung liest man den letzten Band von 1935 bis 1938, da die Zerstörung der Werke Ernst Barlachs mit Hetzschriften in den Zeitungen, Misstrauen auf der Straße, finanzieller Not und körperlichen Gebrechen zusammenkommt. Barlach will nicht fliehen, er weiß nicht wohin. Er sieht sich als „Emigrant im Vaterland“. Wer anfängt, sich mit der Briefausgabe zu beschäftigen, erfährt viel, wird bewegt und angenehm belehrt und wird lange keine Ruhe finden.

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