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„Briefe aus der DDR 1989-1990“ – „Was für Wochen, Tage, Stunden, bei Tag und Nacht!“

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Von: Cornelia Geißler

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9.November 1989, Grenzübergang Bornholmer Straße.
9.November 1989, Grenzübergang Bornholmer Straße. © epd

Als Ingrun Spazier die Briefe aus der DDR, die sie 1989/90 in Hamburg erreichten, Verlagen anbot, erkannte zunächst keiner ihren Wert. Jetzt endlich gibt es das Buch.

Als Alice am 9. November 1989 an ihre ehemalige Kollegin Ingrun schreibt, weiß sie noch nicht, was am Abend passieren wird. Wie auch? Das Land, in dem sie lebte, die DDR, veränderte sich zwar gerade, aber dass sie und die Adressatin ihres Briefs sich bald wiedersehen können, war nicht auszudenken. Sie ist zu der Zeit, zeigt das Register des Buches „Briefe aus der DDR 1989-1990“, 63 Jahre alt, arbeitet an der Bibliothek der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte. Die Freundin Ingrun Spazier, geboren 1944 in Frankfurt an der Oder, war im Oktober 1988 mit ihrer Tochter zu ihrem Ehemann nach Hamburg übergesiedelt, der bereits volljährige Sohn hatte in der DDR bleiben müssen.

Von einem Besuch im Deutschen Theater berichtet Alice, und sie nimmt auch Bezug auf die große Demonstration am 4. November auf dem Alexanderplatz. Die war organisiert von Theaterleuten; Schriftstellerinnen und Schriftsteller, darunter Christa Wolf und Stefan Heym, beförderten die Rufe der Menschen nach Demokratie. „Über Nacht wurden wir in der DDR mündig“, schreibt Alice, „und einen positiven Beitrag dazu liefern die Intellektuellen, bisher als 2. Garnitur im Arbeiter- und Bauernstaat behandelt, eine Schicht in der Klassengesellschaft, die immer hinter den Arbeitern und Bauern rangierte. Aber die uns oft vorgezogenen Arbeiter und Bauern verlassen freiwillig ihr Paradies, pfeifen auf ihre Privilegien, geblendet vom Glanz und Flitter des Kapitalismus.“ Die grübelnde Briefschreiberin wird zwei Wochen später vom Umbruch schwärmen: „Schade, daß Du nur als Zaungast unsere Zeit miterleben kannst.“

Das ist nur eine Stimme von acht in diesem Buch. Die Briefe entstanden zwischen dem 21. Mai 1989 und dem 9. November 1990 als Botschaften aus Familie und Freundeskreis an die Ausgereiste. Mit der zunehmenden Dramatik der Ereignisse – erst der Fluchtbewegung, dann den Demonstrationen, schließlich dem, was wir heute Wende nennen – werden die Briefe mehr und mehr zu einer Chronik. Der Empfängerin wurde das im Sommer 1990 bewusst, als die Vereinigung absehbar wurde. Sie fragte, ob sie ein Buch daraus machen darf, die Zustimmung klingt hier und da kurz an.

Das Buch trägt zwei Vorworte. Eines ist vom Dezember 1990, als Ingrun Spazier das Manuskript fertigstellte. Die Veränderungen spiegeln sich darin, schreibt sie, aber auch, dass die DDR sich nicht nur auf Stasi und SED-Herrschaft verkürzen lasse: „Es war auch viel Raum für freundschaftliche Nähe und Wärme und Solidarität, für Verinnerlichung und Sensibilität. Der Konsum hatte noch nicht alle Empfindungen zugeschüttet. Und wir waren weiß Gott keine verängstigten Duckmäuser (was uns bis heute gern zugeschrieben wird).“

Diese Briefe belegen das, wenn die Autorinnen und Autoren über ihr Arbeitsumfeld berichten, über Ausflüge in marode Städte und immer wieder ausführlich von beglückenden Lese-, Theater- und Kinoerlebnissen schreiben. Der 3. Oktober 1990 ließ die DDR zu einer Etappe in der Geschichte werden, doch, so Ingrun Spazier, „die 16 Millionen Menschen in diesem ausgelöschten Staatsgebilde sind dieselben geblieben mit ihren Hoffnungen, Wünschen, Ängsten und Forderungen. Denn niemand wird ein anderer, weil er im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht Bürger eines anderen Staates wurde, zumal die vertraute Umgebung, Freunde, Nachbarn, das eigene Heim nicht verlassen wurden.“

Das zweite Vorwort geht nur über sechs Zeilen, es stammt vom August 2022. Die Herausgeberin erklärt, dass ihre Bemühungen in den Jahren 1991 und 2006, einen Verlag für die Briefe zu finden, scheiterten. Sie bedankt sich bei Peter Graf und seinem Verlag Das kulturelle Gedächtnis für das Wagnis.

Es will einem während der Lektüre so gar nicht wie ein Wagnis vorkommen. Das Buch fängt die Zeit auf so natürliche, lebendige Weise ein, dass denjenigen, die dabei gewesen sind, so einige Schauer über den Rücken laufen. Für die Generation, die ohne Mauer aufwuchs, entsteht ein Bild, das sich von den Überblicksdarstellungen und Filmdokumentationen unterscheidet, weil man momentweise den einzelnen Figuren ganz nahe kommt. In einem Brief, aus dem Tag heraus verfasst, mit frischen Eindrücken vor Auge und dem Bild des Empfängers im Kopf, wählt man die Worte zwar mit Bedacht, aber ohne Gedanken über deren Haltbarkeit.

Das Buch

Ingrun Spazier (Hrsg.): Briefe aus der DDR 1989-1990. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2022. 240 S., 22 Euro.

Die Gestaltung des Buches mit farbigem Einband, Lesebändchen, gesetzt in sattblauer Schrift und mit Zwischenblättern für die Chronologie steigert den guten Eindruck.

Der Irrsinn der Teilung, an die man sich so gewöhnt hatte, wird auf den frühen Seiten deutlich. Eine Briefschreiberin bedauert im August 1989, dass der alte Gesprächsfaden abgerissen ist, freut sich aber an der Post, weil sie dadurch „ab und zu wie durch einen schmalen Spalt schauen können, um von unseren Gedanken und Gefühlen einiges zu erspähen“. Die Ungewissheit der Herbsttage, als nicht klar war, ob die Montagsdemonstrationen im Chaos enden, als die Polizei massenhaft Leute in die Zentrale in der Keibelstraße brachte, scheint kurz auf.

Und dann nehmen die Ereignisse an Tempo auf. Im Brief der 1906 geborenen Mutter Ingrun Spaziers vom 10. November 1989 überschlägt sich die Begeisterung: „Was für Wochen, Tage, Stunden, bei Tag und Nacht! ... Daß ich das alles noch erleben kann!!“ Man kann ihre Gefühle sehen: Ein Teil dieses Briefs ist als Faksimile abgebildet. Bald wird über den Westen gestaunt, den die meisten nur aus dem Fernsehen kannten, auch Ernüchterung stellt sich ein.

Sicher war den Verlagen im Jahr 1991 noch nicht bewusst, wie diese Dokumente ihre Zeit überdauern. Damals landete die Produktion von DDR-Verlagen auf der Müllhalde. Die Menschen im einstigen Leseland hatten andere Bedürfnisse zu befriedigen als die nach Büchern. Ein Paar resümiert im Juli 1990: „Wir Älteren hier werden damit zu leben haben, Zweite-Klasse-Bürger im geeinten Deutschland zu sein. Für die Jungen wird das Jahr 1990 in fünf oder zehn Jahren Geschichte sein.“ Das betraf auch den Sohn der Empfängerin, der seinen Wehrdienst bei der NVA eher beenden und dann studieren konnte, für den alles neu begann.

Und dann steht da: „Wirklich hart getroffen sind die Mittvierziger und darüber. Sie zahlen diesmal den Preis.“ Es ist jene Generation, deren Betriebe geschlossen oder mit West-Firmen fusioniert wurden, in deren Instituten jede Stelle überprüft wurde. Viele verloren ihre Arbeit und galten als zu alt für neue Jobs.

Christoph Hein geht in seinem Nachwort auf diese Begleitumstände ein, was seine Kritik am politischen und wirtschaftlichen System der DDR nicht mindert. Eine Vereinigung war nicht möglich wegen der Schwäche des einen der beiden Kandidaten. „Und so blieb nur der Beitritt, wobei der arme Verwandte gebeten wurde, nichts von seinem früheren Daheim in das nun gemeinsame Haus mitzubringen, nichts von seinen Gesetzen, seiner Wirtschaft, seinen Betrieben, denn die seien alle insgesamt ineffektiv, nutzlos und undemokratisch.“

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