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Manche lieben?s altmodisch. Zu den verschwindenden Dingen von 'Cosmopolis' gehört die schöne alte Telefonzelle, irgendwo in New York City, dem Schauplatz jenes Tages im April 2000, an dessen Ende Don DeLillos Held Eric Packer tot ist.
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Manche lieben?s altmodisch. Zu den verschwindenden Dingen von 'Cosmopolis' gehört die schöne alte Telefonzelle, irgendwo in New York City, dem Schauplatz jenes Tages im April 2000, an dessen Ende Don DeLillos Held Eric Packer tot ist.

Brevier der verschwindenden Dinge

  • VonChristoph Schröder
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Don DeLillos neuer Roman "Cosmopolis" erscheint diese Woche auf Deutsch

Es ist früher Morgen in Manhattan. Eric Packer geht durch seine 48-Zimmer-Wohnung, vorbei am Schwimm- und Haifischbecken, am Barsoi-Zwinger, durch den Spielsalon und den Fitnessraum. Eric Packer ist 28 Jahre alt, Milliarden schwerer Währungsspekulant, schlafloser Leser von Gedichten, Besitzer eines ausrangierten strategischen Militärbombers aus russischen Beständen, verheiratet mit einer Millionenerbin, die zudem Lyrik schreibt, die er "scheiße" findet.

An diesem Tag - irgendeiner im April des Jahres 2000 - wird Eric Packer in seine mit allen technischen Finessen ausgestattete Stretch-Limousine steigen und die Stadt von Osten nach Westen durchqueren, um sich die Haare schneiden zu lassen. Er wird währenddessen mit seinem Technologie-Chef die Sicherheitslage seines Computersystems analysieren, dreimal mehr oder weniger zufällig seiner Frau begegnen, Sex mit seiner Geliebten und dann mit seiner Leibwächterin haben und sich von dieser anschließend einen 100 000-Volt-Stromstoß verpassen lassen.

Er wird seinen Währungsanalysten empfangen, seine Finanzchefin, seinen Arzt und seine Chef-Theoretikerin. Er wird in eine Demonstration gewalttätiger Globalisierungsgegner geraten, in einen Beerdigungszug für einen Sufi-Rapper, in die Dreharbeiten zu einem Film. Er wird kalkuliert sein eigenes Vermögen verspekulieren und das seiner Frau noch dazu, so lange sinnlose Investitionen tätigen, bis die Märkte ins Wanken geraten. Er wird den letzten Techno-Rave besuchen, seinen Sicherheitschef mit dessen Pistole erschießen, eine Torte ins Gesicht geklatscht bekommen und sich schließlich tatsächlich vom Friseur seiner Kindheit einen halb fertigen Haarschnitt verpassen lassen. Am Ende dieses langen Tages wird Eric Packer erschossen am Boden liegen, während sein Mörder neben seiner Leiche Tagebuch führt.

Die beiden amerikanischen Shootingstars, die Schriftsteller Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides, erklärten kürzlich den literarischen Ansatz eines Thomas Pynchon oder Don DeLillo zu einer Modeerscheinung, die an ihre Grenzen gekommen sei und postulierten stattdessen die Rückkehr zu den (ironisch gebrochenen) Erzählformen des 19. Jahrhunderts. Diese Woche nun ist Cosmopolis, Don DeLillos neues Buch, in einer gut lesbaren deutschen Übersetzung erschienen; ein schmaler, gut 200 Seiten starker Roman und doch kein Nebenwerk: ein kalter Schnitt in die Ära des frei flottierenden Kapitals (Don DeLillo: Cosmopolis. Roman. Aus dem Amerikanischen Englisch von Frank Heibert. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, 204 Seiten, 16,90 Euro).

Charaktere wird man hier nicht finden, kaum unmittelbare Psychologie, stattdessen den charakteristisch kühlen Sound DeLillos und seine gegenwartsanalytische Schärfe, mit der er seine Figur, die beileibe kein Antiheld ist, durch ein paradigmatisches Stationendrama führt. Denn es ist nicht ausschließlich die lustvolle Selbstzerstörung eines die Mechanismen des Marktes spielerisch beherrschenden Global Players, die Cosmopolis zelebriert. Es ist vielmehr der Abschied von einer Ära, die vielen noch immer als Zukunft erscheint.

Das Geld führt Selbstgespräche

Dafür bedarf es zweier Schlüsselbegriffe: "Zeit" und "Asymmetrie", denen die Konstruktion des in vier Kapitel unterteilten Romans Rechnung trägt, indem sie die Chronologie der Tagebucheinträge Bruno Levins in Unordnung bringt, jenes Mannes, der Eric ermordet, vormals einer seiner Angestellten und mithin im selben System tätig. Etwas ist aus dem Gleichgewicht geraten in dieser Welt; die Ereignisse, die das Dasein bestimmen, stellen sich nicht mehr dar. Das, was sich darstellt, als benennbarer und physisch erfahrbarer Akt, erweist sich im Zeitalter der ständig fließenden und sich in Septillonstelsekunden verändernden Datenströme als bloßer Anachronismus. Man könnte anhand dieses Romans ein Brevier der "degenerierten Strukturen", der verschwindenden Dinge erstellen, deren Verwendung sogar als bloße Wörter das Cyberage ad absurdum geführt hat: Wolkenkratzer, Handfeuerwaffe, Geldautomat, Dollar, Telefonzelle, Walkie-Talkie.

Die Asymmetrie springt Eric auch in seiner Limousine entgegen - nicht nur seine Prostata, so erfahren wir, ist asymmetrisch (was immer das auch bedeuten mag, wahrscheinlich gar nichts), auch die technisch erzeugten Bilder auf den Kontrollbildschirmen in seinem Wagen scheinen urplötzlich aus den Parametern des vermeintlich Rationalen auszubrechen: "Er bemerkte, dass er, wie eigentümlich, gerade den Daumen auf seine Kinnlinie gelegt hatte, ein oder zwei Sekunden, nachdem er es auf dem Bildschirm gesehen hatte."

Was in früheren Zeiten noch als ein quasireligiöses Heilsversprechen erschien, ist nun in sich zusammengebrochen. "Geld", sagt Vija Kinski, Erics Chef-Theoretikerin, "hat seine narrativen Qualitäten verloren, wie einst die Malerei. Geld führt nur noch Selbstgespräche." Und zwar Selbstgespräche, die sich eines Vokabulars bedienen, das niemand kennt. Sich aus dem Yen-Geschäft, das Eric in den Ruin treiben wird, zurückzuziehen, wäre die Simulation von Vernunft in einer in Wahrheit ohnehin bereits entfesselten Welt. Dem unkontrollierbaren Rauschen der Zahlen und der unaufhaltsamen Beschleunigung der Zeit sind nur durch anachronistische Akte Einhalt zu gebieten. Sich erschießen lassen zum Beispiel.

Insofern sind Bruno Levin und Eric Packer keine Gegenspieler; auch die protestierenden Globalisierungsgegner sind notwendige Bestandteile, die das System "am Laufen" halten und lediglich immer wieder neue Subsysteme produzieren; bloßer Zufall, wer nun gerade oben ist und wer unten. "Aber ungeachtet der Tatsachen", schreibt der herunter gekommene Outlaw Levin in sein Tagebuch, "so, wie es um Ihr Innenleben bestellt ist, unterscheide ich mich nicht von Ihnen, wenn man bedenkt, dass wir alle unkontrollierbar sind".

So sitzen sie sich schließlich gegenüber, ein Mörder und ein Opfer, das keines ist. Und wieder, letztmalig, verschieben sich die Zeitebenen, sieht Eric im Monitor seiner Armbanduhr seinen eigenen Tod. Dann ist die Zukunft am Ende und er mit ihr. Cosmopolis, schwindelerregend intelligent geschrieben, ist ein irritierendes Buch von großer diagnostischer Qualität - ein historischer Roman aus dem Cyberspace. Die radikal-technoide Ästhetik des heute 66-jährigen Don DeLillo hat sich noch lange nicht erledigt.

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