Brennbare Welt

Lavinia Greenlaws Gedichte

Von SIBYLLE CRAMER

Ein in seinen darstellerischen und gedanklichen Mitteln bahnbrechender Gedichtband. Die 1962 in Großbritannien geborene Dichterin Lavinia Greenlaw durchmisst als Wandererfigur ihrer Geschichte die Räume ihres Lebens. Aber der narrative Faden ist durchschnitten. Nicht die Zeit, sondern Orte stiften die Abfolge der rund fünfzig Gedichte des Bandes, Räume des eigenen Lebens.

Die Ortskunde der Autorin folgt methodischem Kalkül. Sie kündigt die mimetische Grammatik der nachromantischen Poesie, die auf das Wesen der Dinge zielt, wie es sich in der Erscheinung äußert, und namentlich den Naturschauplatz zum Ort kognitiver Sprengungen macht, wo sich dem sonst zerlegenden Geistesmenschen die Welt in ihrer umfassenden Erfahrbarkeit erschließt. Die vier Dreizeiler des Gedichts "Kieselerde" richten sich gegen die Dinglichkeit der Erscheinung im Naturgedicht: "Dieser Strand ist ein Sims aus pulverisiertem Licht,/Die Asche von jemandem, der überhaupt kaum/da war: eine Erscheinung".

Im Kajütenbett des Kindes

Die Küste der Lofoten löst im Licht eines Sehens, das mit dem Wissen im Bund ist, in eine Lichterscheinung auf. Das Gedicht "Vaerøy" zeigt nebeneinander einen Mann, der eine Karte der Lofoten filmt, und die Reisende, die eine Segeltour um die Inseln macht. Das Sichtbare wird um das auf Sehgrenzen nicht beschränkte Wissen der Schreibenden erweitert. Die Erinnerungsarbeit ist fragmentarisch und stark melancholisch gefärbt. Die Eingangsgedichte zeigen das Kind im Glück paradiesischen Einheitserlebens, aber auch als einsame, missverstehende, in eine eigensinnige Dingwelt eingewobene Figur in einer von den Erwachsenen geschiedenen Welt. Es sind Orte magisch-animistischen Erlebens wie das heimische Treppenhaus oder das Kajütenbett des Kindes, in denen sich Innen und Außen in mimetischer Verschmelzung durchdringen. Oder der Sektionssaal, dessen funktionale Ordnung sich in die Bühne eines blutigen Beschwörungsrituals verwandelt, mit den Eltern als Zauberpriestern.

Den in reiner Gegenwart sich dehnenden Bilder einer Kindheit um 1970 stehen die zeitlich bemessenen Lebensräume der Halbwüchsigen und Erwachsenen gegenüber, die mal breit hingelagerten Landschaftsprospekten gleichen, mal als gestaltloser, im Keim verglühender Augenblick erscheinen oder sich zum Ankunftsbild der Lebensreisenden zusammenziehen, deren Spuren aus der Tiefe der Zeit ins Hier und Jetzt heraufführen. Im dritten und letzten Kapitel, das Bilder einer Reise in den Norden Norwegens zeigt, erstarrt die Zeit zum "leeren Maßband" eines gefrorenen Flusses. Das letzte Gedicht über die Heimkehr von den Lofoten ist eine Absage an das Sinnpostulat der Heimatdichtung und eine Hommage an Edgar Allen Poe, der die Lofoten zum Schauplatz einer seiner Erzählungen über die dämonische Gewalt der Natur gemacht hat.

In den Raumbildern versteckt sich die Frage nach Erfahrungs- und Erlebensformen von Zeit. Sie erschließt biographische Zustände des Leerlaufs, der Wiederholungen, der Not, des Verlustes, der Panik, in denen die Erlebende aus der Welt zu fallen meint. Zu dem aber, wie Geschichte erlebt wird, als Gegeneinander von Leben und Welt, gehört als Vorgeschichte die kindheitlich-paradiesische Erfahrung ihrer Einheit, wenn Ort und Zeit zueinander finden.

In dem auf Texttreue bedachten Übersetzer Raphael Urweider hat die Autorin einen geistigen Verbündeten.

Lavinia Greenlaw: "Minsk." Gedichte in zwei Sprachen. Aus dem Englischen übertragen von Raphael Urweider. DuMont Verlag, Köln 2006, 129 Seiten, 19, 90 Euro.

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