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Von Brecht betroffen

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Brecht weist den Weg, hier bei „Mutter Courage“-Proben, Berliner Ensemble 1952. Links ist Erwin Geschonneck zu erkennen.
Brecht weist den Weg, hier bei „Mutter Courage“-Proben, Berliner Ensemble 1952. Links ist Erwin Geschonneck zu erkennen. © epd / akg-images

Uwe Kolbe rechnet mit dem Autor und seinen Nachbetern ab, die ihn "im kleinen Handgepäck mit sich führen".

Von Christian Eger

Hätte es die DDR ohne Brecht gegeben? Selbstverständlich. Aber hätte es die DDR ohne Brecht auch so lange gegeben? Das ist eine andere Frage. Es ist die Frage, die Uwe Kolbe stellt.

Keine Frage von ungefähr. Der 1957, also ein Jahr nach dem Tod des Dichterkollegen Brecht in Ostberlin geborene Schriftsteller hat 2014 den Roman „Die Lüge“ veröffentlicht. Ein Buch aus jenem künstlerisch-intellektuellen DDR-Milieu, das bestens von den staatlichen Verhältnissen lebte, die es zwar halblaut kritisierte, aber nie grundsätzlich in Frage stellte. Womit hatte man es damals zu tun? Mit welcher Art von Rollenspiel? Während seiner Lesereisen zu „Die Lüge“ geschah es Kolbe immer wieder, dass er zur Erklärung einiger Verhaltensweisen von DDR-Intellektuellen nur einen Namen nennen musste und alle wussten Bescheid: Brecht.

Dass so etwas möglich ist, weist einerseits auf eine breite soziale Prägung, andererseits auf die Tiefenwirkung eines Werkes hin, das Kolbe zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts zählt. Noch wer kein einziges von Brechts Bühnenwerken gesehen hat, kennt den Autor. Hat man irgendwann gehört: Dass das Fressen vor der Moral kommt. Der Regen von oben nach unten fällt. Das Einfache schwer zu machen ist – der Kommunismus.

Brecht, schreibt Kolbe, „ist so sehr bei jedem, der ihm einmal begegnet ist, dass er ihn mehr oder minder bewusst ein Leben lang im kleinen Handgepäck mit sich führen wird.“

Uwe Kolbe sichtet nun dieses Handgepäck. Er schaut sich näher an, was ihm da in der DDR buchstäblich angehängt wurde. Wie er das macht, geschieht anregend, trotz einiger Wiederholungen und einem etwas hilflos angehefteten Anhang.

Das ist überfällig

Dass er das macht, ist überfällig. Eben weil an Brecht-kritischen Büchern zwar kein Mangel herrscht. Aber doch an Streitschriften aus der Mitte der von Brecht unmittelbar Betroffenen, aus jener DDR-Gesellschaft, die aufgezogen wurde mit der volkspädagogischen Denkungsart des Schriftstellers, der kein Parteikommunist war, sich aber so verhielt. Der, 1948 heimgekehrt aus dem Exil, sich ein Theater schenken ließ in einem Staat, der auf die Gefolgschaft einer vielfach privilegierten Künstler-Elite angewiesen war. Ohne diese Folgsamen wäre der SED-Machterhalt nicht so einfach möglich gewesen. Man hatte ja nicht viel mehr zu bieten als Worte, Worte, Worte.

Kolbe, der keine akademische Studie, sondern den Essay eines „von Brecht Betroffenen“ liefert, geht erst den Worten, dann den Rollenspielen des politischen Dichters nach. Er zeigt, wie sich Brecht bei der Sprache Luthers und des Volkes bediente, wie er das Einfach-Sagen zur Perfektion trieb, das Ineinander von Ohrwurm-Poesie und Trivialphilosophie. Brechts Lyrik ist eingängig wie ein Schlager (der Refrain ist wichtig) oder feierlich wie ein Psalm. Das ist die Tonspur, die eine Vertrautheit herstellt, die sich für den Leser auf die politischen Inhalte übertrug, die gar nicht vertraut – und keinesfalls selbstverständlich waren. Letzteres laut Kolbe auch nicht für Brecht, der den Kommunismus getragen haben soll wie eine Maske: Letzthin verantwortungslos und je nach Effekt.

Schon vor seinem 30. Lebensjahr, schreibt Kolbe, habe Brecht die von ihm geformte altneue Dichtersprache den Zwecken der Partei neuen Typs ausgeliefert. Dabei ließ der Autor, der gern im Gestus des kritischen Weisen einherschritt, den eigenen kritischen Verstand zuverlässig vor den Trägern der kommunistischen Doktrin verstummen. Er schwieg bis zuletzt zu den Morden im Zuge des Großen Terrors. Er schwieg zu den Gulag-Opfern unter den Kollegen, deren Tod bis heute als eine Art lässlicher Kollateralschaden der Weltläufte hingenommen wird. Die Kritik des Kritiker-Darstellers Brecht an den tatsächlichen Verhältnissen war nie tiefgreifend, öffentlich schon gar nicht. Was störte, abstrahierte er weg.

Das festzustellen ist nicht im Einzelnen, aber aufs Ganze gesehen neu. Das Ganze ist die DDR und deren psychosoziales Nachwirken. Kolbe entdeckt im Brechtschen Wegreden eine Haltung, die sich nicht zuletzt in der DDR-Literatur voll entfaltete, diesem „in seinen gesellschaftlichen Absichten und deren Nutzen vergeblichen Zweig der deutschen Literatur“.

Der großen DDR-Kohorte der Brecht-Schüler attestiert Kolbe den Gestus der „aufbegehrenden Unterwerfung“, die willkürlich und privatistisch mit Fakten umspringt. Eine scheinrebellische, scheinkritische Haltung. Kolbe belegt das mit Proben aus dem Werk von Kollegen wie Wolf Biermann, Volker Braun und Heiner Müller. Mit Zitaten, die das jeweils Kritikwürdige umständlich unsichtbar machen. Dass das gelang, stützte den Staat. „Dieses Parteiergreifen für die DDR hing mit Brecht zusammen“, wird Heiner Müller zitiert. „Brecht war die Legitimation, warum man für die DDR sein konnte. Das war ganz wichtig. Weil Brecht da war, musste man dableiben. Damit gab es einen Grund, das System grundsätzlich zu akzeptieren.“

Was damit einherging – das Verächtlichmachen einer demokratischen und liberalen Kultur im Osten Deutschlands nach 1945 – begreift Kolbe als ein Verhängnis. Auch deshalb: „Es gab nach dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands und seiner Verbündeten nichts, gar nichts, was totalitäre Herrschaft noch irgendwo legitimierte.“ So klare Sätze liest man selten. Sie machen dieses Buch zu einem Ereignis.

Uwe Kolbe: Brecht. Rollenmodell eines Dichters. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016. 175 Seiten, 18,99 Euro.

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