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Braunschweig, quasi übermorgen

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Von: Thomas Stillbauer

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Juli Zeh liest im Frankfurter Schauspielhaus erstaunlich vergnügt aus ihrer Schreckensvision „Leere Herzen“.

Juli Zeh ist keine Überraschung, aber andererseits: doch. Keine Überraschung ist, wie sie am Donnerstagabend im ausverkauften Saal des Frankfurter Schauspiels nicht nur über ihren jüngsten Roman „Leere Herzen“ spricht, sondern über sich und uns, über alle, auf eine Art, die politisch ist und empathisch, offen, klug, aber nie altklug. So kennt man die 44-jährige Autorin und Juristin, die von den Randbereichen des Rechtmäßigen schreibt und auch ansonsten die Stimme erhebt, wo immer es nottut. Völlig aus den Schuhen haut einen hingegen, wie sie Abschnitte aus dem Buch vorträgt.

Wer „Leere Herzen“ nämlich gelesen hat, die Dystopie über unsere Gesellschaft in gar nicht ferner Zeit, 2025, „quasi übermorgen“, wie Juli Zeh im Gespräch mit dem HR-Moderator Alf Mentzer sagt; wer beklommen verfolgt hat, wie sie in kühlem, nüchternem Stil erzählt, dass die Regierungspartei namens Besorgte-Bürger-Bewegung die Demokratie schrittweise abschafft, was alle irgendwie falsch finden, aber für den Einzelnen am Ende auch wieder gar nicht so schlecht – wer das alles durchlitten hat, und da ist viel Schauerliches: der hört verblüfft den Singsang, in dem die Frau das nun vorliest. Ja, stellenweise biegt sich der Saal vor Lachen. Und dann sagt Juli Zeh auch noch, es sei „eine Farce, das Buch, und auch irgendwie Satire“. So gesehen …

Die Farce spielt in Braunschweig. Weil ihr das Thema in Braunschweig einfiel, „einem der Bielefelds dieser Welt“, und alle anderen Stoffe verdrängte: einen bereits begonnenen Roman ebenso wie eine etwaige Fortsetzung von „Unterleuten“, dem Vorgänger. „Leere Herzen“ sei ihr zugestoßen, sagt Juli Zeh, imperativ zugestoßen, und dann habe sie das Buch eben „misserfreut“ geschrieben, das eigene Unbehagen ausgelagert. In tiefste Keller der eigenen Persönlichkeit sei sie hinabgestiegen. Sie habe sich selbst der grausamen Foltermethode Waterboarding unterziehen wollen, um zu verstehen, wie ein Mensch sich dabei fühlt. Aber dann doch nicht getraut.

Und dann liest Juli Zeh also mit ironischem Unterton, in Lederjacke und Jeansrock, vor, wie die Hauptfigur Britta Söldner eine Agentur gründet, die Suizidattentäter für Terroranschläge rekrutiert. Es ist tatsächlich ein vergnüglicher Abend über eine beklemmend plausible Entwicklung. Dass die Menschen einander fremd werden und vereinzeln, dass ihnen die Politik und die Demokratie langsam egal sind, dass selbst der Terror zum staatlich geduldeten Geschäft wird: plötzlich denkbar. Nach dem 11. September 2001 sei sie aus einem Traum erwacht, sagt Juli Zeh: „Ich dachte, wir hätten uns auf feste Grundsätze geeinigt.“ Die Entwicklung künde vom Gegenteil. Das Grundgesetz scheine für manche Politiker gar keine Rolle mehr zu spielen. „Der Rückzug der Demokratie hinterlässt die Menschen mindestens unbehaglich, wenn nicht zerstört.“

Warum lachen wir dann? Weil Juli Zeh schon längst bewiesen hat, dass immer noch angehört wird, wer kämpft, und dass sie im Handumdrehen 700 Leute ins Theater holen kann, die dabei sein wollen. Wir sollten uns endlich zusammensetzen und besprechen, wie unsere Zukunft aussehen soll, rät die Autorin auf Mentzers Frage, was nun. Dabei bemerken, dass wir gar nicht so verschieden sind, sondern „Spielarten des Ähnlichen“. Das ausgesprochen kurze Vorwort in ihrem Buch, sagt Juli Zeh, sei nämlich eine infame Behauptung. Es lautet: „Da. So seid ihr.“

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