+

Literatur

Es braucht unbedingt Magie

  • schließen

Das im Gerstenberg Verlag erschienene Buch "In einem alten Haus in Moskau" von Alexandra Litwina und Anna Desnitzkaya macht Russlands Geschichte des 20. Jahrhunderts auf charmante Weise erlebbar. Ein Buch für alle Generationen.

In ihrem Kinderbuch „In einem alten Haus in Moskau – ein Streifzug durch 100 Jahre russische Geschichte“ erzählen die Autorin Alexandra Litwina und die Illustratorin Anna Desnitskaya die Geschichte einer Moskauer Familie und ihrer Wohnung, die von der Zarenzeit über die Tage der Revolution und die sowjetische Geschichte bis zur heutigen russischen Gegenwart reicht. Kriege, Frieden, Revolutionen, gesellschaftliche und technische Entwicklungen finden durch die detailreichen Illustrationen im Mikrokosmos der Familie Muromzew und aus Sicht der Kinder der jeweiligen Generation ihren Platz. Einige Gegenstände begleiten den*die Leser*in bis zum Ende, andere gehen im Trubel der Jahrzehnte verloren. Das Buch lädt zum Forschen, Grübeln und Zuhören ein und öffnet so eine Tür für einen unverstellten Blick auf die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts, die zugleich Weltgeschichte ist. Ihr Buch ist für den Kinder- und Jugendliteratur Preis 2018 nominiert.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, die Geschichte Ihres Landes in einem Kinderbuch unterzubringen?

Alexandra Litwina: Es gibt mehrere Antworten auf diese Frage. Die erste wäre, dass ein gutes Kinderbuch nicht nur an Kinder adressiert sein sollte, sondern für alle Altersgruppen gedacht ist. Und zum zweiten ist Kinderliteratur unser Betätigungsfeld. Ich schreibe Kinderbücher, Anna illustriert Kinderbücher, deswegen kennen wir uns da aus, wissen wie das funktioniert. Mit Illustrationen zu arbeiten ist außerdem in der Erwachsenenbuchbranche in Russland nicht besonders populär. Die vielleicht wichtigste Antwort ist jedoch, dass wir mit der ganzen Familie ins Gespräch kommen wollten. Am einfachsten ist das, wenn man mit den Kindern anfängt. Meistens sind sie es, die Fragen stellen, die ganz viel wissen wollen, die uns zum Nachdenken zwingen, die fragen wollen: Warum muss man sterben? Was bedeutet es zu leben? Wie war das früher als ihr klein wart? Kinder können solche Gespräche anstoßen, auch Gespräche zu Themen, die schmerzhaft sind. Wir haben überlegt, dass unser Buch einen Gesprächsanlass bieten könnte. Eigentlich erzählen wir die Geschichte von Menschen, das ist ganz klar, aber wir haben Gegenstände mit in unsere Geschichte integriert, um einen Schutzraum zu bieten. Wenn man mit den Gegenständen anfängt und nicht mit den Menschen, die diese Geschichte erlebt haben, ist es einfacher, in den Dialog einzusteigen.

Die russische Geschichte hat eine Fülle an wichtigen Ereignissen vorzuweisen. Nach welchem Prinzip haben Sie sich für oder gegen die Erwähnung eines Ereignisses entschieden?

Alexandra Litwina: Erstmal haben wir alle wichtigen Daten aufgeschrieben und dann eine Münze geworfen (lacht). Nein, so war es natürlich nicht. Es war ein bisschen schwierig, einen Einstieg in das Buch zu finden. Wir wollten nicht mit 1900 anfangen und sagen, das Jahrhundert fängt an, also ist das unser erstes erwähntes Jahr im Buch. Wir wollten auch nicht 1905, das Jahr der ersten russischen Revolution, nehmen. Wir brauchten ein bisschen Stabilität, um in dieses Buch reinzukommen. Deswegen haben wir nicht gleich mit einem krisenhaften Ereignis angefangen, sondern etwas dazwischen gewählt – das Jahr 1902. Ein paar Mal haben wir knapp an markanten Ereignissen vorbeierzählt. Aber es gab auch bestimmte Daten, die auf jeden Fall erwähnt werden mussten, wie 1917 oder die Kriegsjahre. Fixpunkte, an denen man wirklich nicht vorbeikommt.

Anna Desnitskaya: Die Nullerjahre sind auch eine sehr spannende Zeit, die wir sogar selbst erlebt und noch in Erinnerung haben. Die haben wir aber leider nicht mehr unterbringen können.

Ist die Großfamilie in Ihrem Buch tatsächlich an Ihre Familien angelehnt?

Alexandra Litwina: Es ist nicht ganz Annas Familie, es ist nicht ganz meine Familie. Es gibt schon Parallelen, aber wir haben aus ganz verschiedenen Quellen geschöpft, um dieses Familienbuch zu entwerfen.

Anna Desnitzkaya: Es gab auch Hybride, also vermischte Figuren. Eine Figur in dem Buch, Friedrich Stein, ein Dissident, der in die USA auswandert, ist angelehnt an einen Vorfahren von mir, meinen Großvater zweiten Grades. Das Äußere aber ist von einem anderen Großvater übernommen. Die Optik der Figur und ihr tatsächlicher Lebenslauf stammen also von zwei verschiedenen Menschen, die ineinander fließen. So haben wir das öfter gemacht.

Was bedeutet es für Kinder zu zeichnen?

Anna Desnitzkaya: Ich stelle mir vor, was ich mir als Kind gerne angeschaut hätte und versuche, diese Vorstellungen in meine Zeichnungen zu übertragen,  einen kindlichen Blick auf die Dinge zu entwickeln, etwas Vertrautes, Heimisches, Gemütliches, Anheimelndes in den Gegenständen wahrzunehmen. Ich hoffe, dass das dann auch in meinen Zeichnungen sichtbar wird.

Und was bedeutet es, für Kinder zu schreiben?

Alexandra Litwina: Wenn man für Kinder schreibt, egal zu welchem Thema, muss das Geschriebene eine Tür aufstoßen in eine magische Welt. Es braucht immer diese Magie. Man muss versuchen, die Dinge zu beschreiben, als sehe man sie zum ersten Mal. Es ist egal, ob man über das Verkehrswesen oder die Wasserversorgung der Stadt schreibt, der Text muss immer diese Magie haben, sonst wird es nicht funktionieren. Manchmal kann das auch sehr schrecklich sein. Auch in unserem Buch gibt es viel Grausames. Ich persönlich habe große Schwierigkeiten mit Autoren, vor allem von Kinderbüchern, die belehren wollen und bei denen das in den Texten sehr deutlich wird. Wenn man Tolstoi liest, weiß man schon: der hat seine Botschaft und bringt diese sehr deutlich zum Ausdruck. Sowas bei Kindern zu machen, ist ganz schwierig, man sollte versuchen, nicht zu viele Fragen zu beantworten, sondern die Kinder eher anregen, auf weitere Fragen zu kommen und als Autorin selbst offen zu bleiben.

Wie kam Ihr Buch auf dem russischen Buchmarkt an?

Anna Desnitzkaya: Als wir an dem Buch gearbeitet haben, hatten wir das Gefühl, das ist nur für uns beide oder höchstens noch für unseren engsten Freundeskreis, sonst wird das niemanden interessieren. Für mich war es eine große Überraschung, wie gut unser Buch ankommt. Die französische Übersetzung ist schon erschienen und die Rechte sind an chinesische, polnische und amerikanische Verlage verkauft. Offensichtlich haben wir einen Nerv getroffen und etwas in den Menschen berührt. Ich glaube, dass viele ihre eigene Geschichte oder bestimmte Gegenstände, die es in allen Familien gab, in unserem Buch gefunden haben.

Alexandra Litwina: Das Buch verkauft sich gut in Russland. Es hat mehrere Preise bekommen. In Russland und der Slowakei einen Preis für die Illustrationen. Es gab aber auch Kritik. Zum Beispiel, dass wir einiges zu negativ zeichnen würden, es gäbe doch große Errungenschaften, die gar nicht auftauchen würden. Auch was den Krieg anginge, zeigten wir nicht die wirklichen Helden. Offensichtlich gibt es in der russischen Gesellschaft noch keinen Konsens darüber, was die Geschichte des 20. Jahrhunderts für uns bedeutet. Kann auch ein Held sein, wer als Arzt Menschenleben  gerettet hat oder nur der Kriegsheld? Das ist für uns interessant, aber auch schmerzlich zu beobachten. Obwohl es erstmal so unscheinbar daher kam, haben mit unserem Buch etwas in Gang gebracht.

Sind Sie bewusst Botschafterinnen für die russische Kultur oder war das keine Absicht?

Anna Desnitzkaya : Wir empfinden uns in keiner Weise als Botschafterinnen. Aber es ist für uns natürlich sehr angenehm zu sehen oder zu hören, dass unser Buch nun auch deutschen Leser*innen eine Möglichkeit bietet, sich über unser Land zu informieren und vielleicht dadurch ein anderes Verständnis oder neue Einblicke zu bekommen. Vielleicht wird dadurch eine neue Tür aufgestoßen.

Gibt es etwas, was Sie Ihren deutschen Leser*innen noch sagen wollen?

Alexandra Litwina: Ich muss noch James Krüss erwähnen. Das ist einer meiner Lieblingsschriftsteller aus Deutschland. Er hat für Kinder geschrieben und ist auch ins Russische übersetzt. Es gibt das Buch „Mein Großvater, die Helden und ich“. Wir haben versucht, seine Arbeit auf eine ganz andere Weise fortzuführen. Über die eigene Familie, über Vergangenheit zu erzählen, über Heldentum und Heimat. James Krüss kommt immer zu kurz, deswegen möchte ich gerne diesen Dank loswerden.

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion