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Joseph Roth Ukraine

Es braucht Lehrer und Lesebücher

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Der Schriftsteller Joseph Roth reiste einst nach Osteuropa und schrieb kühl und klug über die Ukraine und Russland

Als der Schriftsteller Joseph Roth Ende der 20er Jahre verschiedene Länder des europäischen Ostens im Auftrag der „Frankfurter Zeitung“ bereiste, befand sich die Russische Revolution in ihrer Abklingphase. Für den in Ostgalizien geboren Roth waren die Reportagen zugleich auch Erkundungsfahrten in die Region seiner Herkunft, die er gewaltigen politischen Umbrüchen ausgesetzt sah. „Die Ukrainer“, schrieb Roth, „die in Russland, in Polen, in der Tschechoslowakei, in Rumänien vorhanden sind, verdienten gewiss einen eigenen Staat, wie jedes ihrer Wirtsvölker. Aber sie kommen in den Lehrbüchern, aus denen die Weltaufteiler ihre Kenntnisse beziehen, weniger ausführlich vor als in der Natur – und das ist ihr Verhängnis.“

Ein knappes Jahrhundert später hat sich so manches verändert, aber gewiss nicht der Charakter der Weltaufteiler. Einmal mehr wird die Weltpolitik von Ermächtigungsfantasien dirigiert, und so kann man nicht umhin, Joseph Roths wunderbare Reiseberichte im Modus des permanenten Vergleichens zu lesen. Der Mann, der mit seinem großen Roman „Radetzkymarsch“ der untergegangenen Welt der K.u.k.-Monarchie ein literarisches Denkmal setzte, blickte scharfsichtig auch auf das, was sich in Russland und anderswo anbahnte.

Ein neugierig Hoffender

Er war als neugierig Hoffender aufgebrochen und schrieb als ernüchterter Chronist, was Walther Benjamin zu dem Satz verleitete, Roth sei „als (beinah) überzeugter Bolschewik nach Russland gekommen“ und kehre als Royalist in den Westen zurück.

Zumindest in stilistischer Hinsicht hat sich die Desillusionierung nicht negativ ausgewirkt. Mit kühlem Blick beobachtet Roth die gesellschaftlichen Umwälzungen. Nach dem Verlöschen der Brandfackeln der Revolution vermisst er vor allem die kleinen Lichter stetiger Modernisierung. „Dieses Russland hat keine Genies nötig und schon gar nicht Literaten. Es braucht Volksschullehrer dringender als kühne Theoretiker, es braucht eher Ingenieure als Erfinder, (...) es braucht für die breiten Massen eine populäre körperliche Hygiene und eine geistige, die man Aufklärung nennt, es braucht Lesebücher und keine Werke.“

Als Bewohner einer alten Welt weiß Roth eben auch von der Erschöpfung, die die Schaffung einer neuen hervorruft. „Man ist niemals ganz Privatmensch. Man ist immer ein sehr bewegender Bestandteil der Gesellschaft. (...) Noch steht niemand frei und souverän auf der Erde.“ Das gilt für die von Roth bereiste Region leider noch immer.

Joseph Roth: Reisen in die Ukraine und nach Russland. C.H. Beck 2014. 136 S., 14,94 Euro.

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