Wer braucht hier einen Sprachkurs?

Imran Ayatas jedenfalls nicht: Sein Debüt "Hürriyet Love Express" ist federleicht und ohne Attitüde

Von DIRK FUHRIG

Imran Ayatas "Storys" spielen im Rotlichtmilieu des Frankfurter Bahnhofsviertels, in den bevorzugten Wohnvierteln der Neu-Berliner Jeunesse dorée ebenso wie im traditionellen Kreuzberg-Kiez, im Ruhpoldinger Hallenbad und im Tübinger Studentenmilieu, also auch tief in der süddeutschen Provinz. Und - mitunter tatsächlich sogar - in der Türkei, wo sich die jungen "Deutschländer" vornehmlich im Urlaub sonnen und von der mitteleuropäischen Winter- oder Party-Depression erholen.

Weit weg von Traditionen

Geschichten mitten aus Deutschland. Aus einem Milieu gebildeter, aufstiegsorientierter junger Menschen, die zwar einen so genannten "Migrationshintergrund" haben, mit derlei PC-Gerede aber wenig zu tun haben wollen. Ayatas Figuren sind Leute zwischen 20 und Mitte 30, mit türkischen Eltern, in Deutschland aufgewachsen, mehr deutsch als türkisch sozialisiert. Nicht ganz in der Mehrheitsgesellschaft angekommen, aber auch schon weit weg von den Traditionen der Altvorderen - auch sprachlich.

"Ich brauche einen Deutschkurs. Meine Eltern nicht", schreibt der Ich-Erzähler, der sich in einem Anglo-germano-turko-Kauderwelsch wiederfindet, während seine Eltern konsequent den absoluten Minimal-Wortschatz kultivieren, mit Minimal-Kontakt zum Deutschen zufrieden sind und trotzdem gut zurecht kommen. "Integration meets Assimilation" - aber das ist auch schon einer der wenigen Sätze in diesem Buch, in dem tatsächlich und direkt gesellschaftliche Fragen angesprochen werden.

Ansonsten sind die oft komischen, manchmal auch tragischen Erzählungen jenseits der analytischen Ebene angesiedelt. Ayata berichtet nicht - oder wenn: dann höchst humoristisch - vom schweren Los der "Gastarbeiter", sondern von lässigen, selbstbewussten Hipstern, die sich die Nächte um die Ohren schlagen, auf der Suche nach Liebe, Sex und sonstigen Zerstreuungen. Nachdenkliche junge Leute mit gelegentlichem Hang zu Melancholie und Weltverlorenheit. Zwischendurch auch herbere Typen, die sich wie die Helden eines Schelmenromans durch den deutschen Alltag schlagen. Ayata hantiert unverkrampft mit den Klischees. Scheinehen zwecks Aufenthaltserlaubnis spielen ebenso eine Rolle wie schlitzohrige Kleinkriminelle.

Die flott geschriebenen Geschichten sind so bunt durcheinander gewürfelt wie das moderne Leben. Die einen haben Liebeskummer, die anderen jobben als Taxifahrer- oder suchen verzweifelt nach der genau richtig coolen Sonnenbrille. Mitunter erleben die "Türken-Boys mit Abitur" selbst Überraschungen, wenn sie sich einmal etwas weiter ins Milieu der Türken in Deutschland begeben. In der Titelgeschichte enthüllt sich die gleichnamige Tageszeitung als große libertäre Kontaktbörse: In der Deutschland-Ausgabe wird zum Zwecke außerehelichen Kennenlernens inseriert. Manche der Frauen reisen sogar kurz entschlossen quer durch die Republik für einen unbemerkten One-Night-Stand - verblüffende Einblicke in eine türkische Parallelgesellschaft.

Post-Pop-Literatur

Hürriyet Love Express ist die erste Buchveröffentlichung des 1969 in Ulm geborenen Autors. Imran Ayata zählte Ende der neunziger Jahre zu den Mitbegründern der "Kanak Attak"-Künstlergruppe, die sich provokativ, großspurig und selbstbewusst gegen Klischees vom guten oder bösen Ausländer wandte; Feridun Zaimoglu ist als bekanntester Schriftsteller aus dieser "Kanakster"-Bewegung hervorgegangen. Ayata arbeitete zeitweise als Journalist, heute leitet er eine PR-Agentur. Seine Kurzgeschichten sind erfrischende Momentaufnahmen, autobiografisch geprägt und pointensicher formuliert. Deutsch-türkische Post-Pop-Literatur, federleicht und ohne Attitüde.

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