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Ein Schimpanse und ein kontaktsuchender Mensch.
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Ein Schimpanse und ein kontaktsuchender Mensch.

T.C. Boyle

Sam liebt Pizza, guten Weißwein und Aimee

  • Petra Kohse
    VonPetra Kohse
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„Sprich mit mir“: Noch vor der Originalausgabe erscheint T.C. Boyles Roman über Affen und Menschen heute auf Deutsch.

Das Wissenschaftsmagazin „Behavioural Process“ berichtete im vergangenen September von einem erstaunlichen Fall von Geburtshilfe unter Schwarzen Stumpfnasen-Affen. In Yunnan hatten chinesische Wissenschaftler erstmals beobachtet, wie ein weibliches Gruppenmitglied einer Gebärenden beistand, indem sie das Baby aus dem Geburtskanal zog, eine Zeitlang hielt und die Nabelschnur durchbiss, bevor sie es der Mutter reichte. Auch das einzige männliche Mitglied der Gruppe, der Vater des Babys also, hatte sich schon mehrere Stunden in der Nähe der werdenden Mutter aufgehalten und mit ihr gekuschelt, nach der Geburt brachte er ihr etwas zu essen.

Diese Szenen vom Februar 2017 (die Mühlen der Wissenschaft mahlen langsam) berühren, weil der Hebammendienst bisher als typisch menschliche Kulturleistung angesehen wurde – notwendig geworden durch die besondere Stellung des menschlichen Beckens, das der Nachwuchs in der Regel nur passieren kann, wenn er sich so dreht, dass sein Gesicht bei der Geburt von der Mutter abgewandt ist.

Schon 2011 wiesen japanische Forscher allerdings nach, dass sich auch Schimpansenbabys im Geburtskanal drehen, nur – weil sie mehr Platz haben – eben noch eine halbe Runde mehr, so dass sie mit dem Blick zur Mutter auftauchen können. Und jetzt zeigt sich, dass nicht einmal eine andere Hominiden-, sondern eine andere Altweltaffenart, also bestenfalls Großcousins der menschlichen Gattung, im wichtigsten Moment des Lebens ohne rein biologische Notwendigkeit die gleiche soziale Kompetenz entwickeln haben wie wir!

Der äffische Kontext

Von Affen und Menschen ist auch in T. C. Boyles neuem Roman die Rede, genauer: Von der Frage, ob, wenn Affen das Gleiche tun wie Menschen, es auch das Gleiche bedeutet, oder ob es gar nicht das Gleiche bedeuten kann, weil es eben Affen sind. Und was man daraus im jeweiligen Fall für ihr Existenzrecht ableiten kann. Wobei man auch fragen könnte, ob es überhaupt angemessen ist, Affen mit menschlichem Maß zu messen, weil man deren Kulturleistungen natürlich in äffischen Kontexten bewerten müsste, aber für derlei analoges Denken haben wir kein Konzept und lassen es deswegen wohl lieber.

Tom Coraghessan Boyle, New Yorker mit irischen Wurzeln, der in Kalifornien lebt, ein 72-jähriger Ehemann und dreifacher Vater, der mit seinen rötlichen Fusselhaaren und dem Kinnbart über T-Shirts und Lederjacke immer noch locker als Rocker posiert, ist als historischer Schriftsteller einer der verlässlichsten Begleiter der Gegenwart. „Sprich mit mir“ („Talk to me“) ist seine 29. literarische Veröffentlichung.

Er hat schon über die Ankunft der holländischen Siedler am Hudson River geschrieben („World’s End“), über den Cornflakes-Erfinder Kellogg („Willkommen in Wellville“), den LSD-Papst Timothy Leary („Das Licht“) und immer wieder über Umweltzerstörung („Ein Freund der Erde“, „Wenn das Schlachten vorbei ist“, „Die Terranauten“) – alles gut recherchierte, prägnant und geschichtensatt arrangierte Gesellschaftspanoramen, die einem das Gefühl geben, unmittelbar dabei gewesen zu sein. Sein Stil ist zuverlässig packend, wenngleich zuweilen von der eigenen Routiniertheit bedroht und manchmal sogar auf der Kippe zum (wenngleich immer noch lohnenden) Schulfunk.

Das Buch

T.C. Boyle: Sprich mit mir. Roman. A. d. Engl. v. Dirk van Gunsteren. Hanser, München 2021. 352 S., 25 Euro.

Der Roman „Sprich mit mir“, der am heutigen Montag Monate vor der für Mai angekündigten amerikanischen Originalausgabe in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren auf Deutsch erscheint, ist stilistisch zunächst fast etwas karg, dramaturgisch aber raffiniert und im Spannungsaufbau sensationell. Das Ende ist, rückwärts betrachtet, zwangsläufig, ja das einzig denkbare. Und doch bin ich beim Lesen bis ganz zum Schluss nicht darauf gekommen, hätte alles für möglich gehalten, aber nicht das.

Guy Schemerhorn ist ein Psychologieprofessor in seinen Dreißigern, der einem Schimpansenjungen namens Sam das Sprechen beibringt, beziehungsweise das Gebärden. Die menschenscheue Studentin Aimee bewirbt sich bei Schemerhorn um einen Job als Assistentin, und als sie Sam zum ersten Mal ins braune Auge blickt, hat ihr Leben für sie einen Sinn bekommen. Die Liebe ist beidseitig: Sam nimmt sie als Mutterersatz und Freundin sofort in Beschlag. Seine Fähigkeiten wachsen, seine Tierkräfte auch, aber der Alltag mit Guy, Aimee und einem Schimpansen, der Pizza und guten Weißwein liebt, Trickfilme anschaut und Witze macht, funktioniert trotzdem durchaus, als plötzlich das Geld für das Forschungsprojekt gestrichen wird.

Aber was ist Sprache?

Der historische Bezug ist wieder einmal sehr stark in diesem Roman. Er spielt in Kalifornien im Jahr 1979, wie man dem Umstand entnehmen kann, dass soeben „My Sharona“ von The Knack erschienen ist. Für die reale Schimpansenforschung war das ein schicksalhaftes Jahr weil der New Yorker Psychologe Herbert Terrace (bei Boyle heißt er Borstein) damals einen Aufsatz über seine Forschung mit dem Schimpansen Nim Chimpsky veröffentlichte, der zwar eine beachtliche Anzahl von Gebärden gelernt hatte und gewissermaßen Vier-Wort-Sätze bilden konnte, mit denen er jedoch im wesentlichen Essen und Aufmerksamkeit erbettelte. Und das sei, so der Schluss des Forschers, keine Sprache.

Nun wenden die meisten von uns den vermutlich größten Teil ihrer Sprache ja zu nichts anderem auf, als Essen und Aufmerksamkeit zu erbetteln. Aber schon mit der Namensgebung des Schimpansenjungen erwiesen die Forscher um Terrace dem (1928 geborenen) US-Linguisten Noam Chomsky Referenz. Und der verteidigt seit Jahrzehnten die These, allen menschlichen Sprachen eigne eine gemeinsame Universalgrammatik, zu denen die Rekursion gehöre (die potenziell unendliche Reproduktion von Satzteilen: die Frau, deren Schwester, deren Cousine, deren Mutter ...), was sie von den Signalsprachen der Tiere prinzipiell unterscheide.

Das konnte der kleine Nim mit den Gebärden, die ihm die Forscher beigebracht hatten, in der Kürze der Zeit natürlich nicht hinreichend widerlegen. Andere stießen in das gleiche Horn und das Geld für die Forschung versiegte zunächst – auch für die Arbeit mit der Schimpansin Washoe (1965-2007), die als erster Affe die amerikanische Gebärdensprache erlernt hatte und diese übrigens später ohne menschliche Anleitung an einen Adoptivsohn weitergab.

In „Sprich mit mir“ versucht Boyles Aimee im Folgenden Sam die Gefangenschaft und das Schicksal, Laboraffe zu werden, zu ersparen und geht dabei nicht nur über ihre eigenen Grenzen, sondern auch über die des bekannten Zusammenlebens mit Tieren hinaus. Dieses Buch spielt durch, was passiert, wenn Menschen andere Arten zum Spielen herausholen und sie, wenn das Spiel zu anstrengend wird, in den Schrank zurückzustopfen versuchen. Aimee handelt, ihrem Namen entsprechend, dabei aus der reinen Liebe heraus, Guy bleibt, seinem Namen entsprechend, ein Kind seines Betriebs.

Die Handlung geht in wechselnden Perspektiven flott voran, unterbrochen nur von inneren Monologen, die man bald versteht Sam zuzuschreiben, einem Sam hinter Gittern, der sich daran zu erinnern versucht, wer er ist. Das ist so unbeholfen wie anrührend, weil im zerfahrenen Kreisen der Gedanken und Begriffe gleichwohl Boyles Respekt für eine Intelligenz spürbar wird, die sich das Fremde anzueignen, sich in ihm zu organisieren bereit ist. Schimpansen malen ja auch, obwohl sie diese Art von Ausdruck vermutlich nicht brauchen. Wahrscheinlich denken sie, wir bräuchten das von ihnen.

Im dritten Teil des Buches, in dem man sich bei jedem Umblättern ängstlich fragt, wie es nun zu welchem bösen Ende kommen wird, retardiert T. C. Boyle interessanterweise und fächert die bisherige in verschiedenen Perspektiven fortschreitende Erzählweise auf, indem er Situationen immer wieder aus mehreren, auch beiläufigen Perspektiven beschreiben lässt. Eine raffinierte Mischung aus Zeitlupentechnik und literarischem Lagenlook, sehr filmisch, sehr cool und sehr traurig.

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