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Corinna Kirchhoff in der Titelrolle und Bruno Ganz als Lehrer in dem Stück „Die Fremdenführerin“ am 14.02.1986 während einer Probe. Die Uraufführung fand am 15.02.1986 in der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin statt. 

Literatur

Botho Strauß wird 75: Die nackte Wahrheit

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Der Dichter wird heute 75 Jahre: In seinem Buch „zu oft umsonst gelächelt“ legt er den Finger in die offene Wunde schlechthin: das Leben.

Eine ist es, die hier sagt: „Dabei verfolge ich keine Mission und versende keinerlei Botschaft.“ Überhaupt und ausdrücklich betont die Frau, dass sie sich ein „offenes Nein“ herausnehme, einen Einspruch an der Seite eines Mannes, beim Spazierengehen, in einer Männerwelt, unter angespannten Umständen. Deutliche Worte, aber worauf genau will sie hinaus? Botho Strauß, der die Frau genauer kennt, lässt uns, seine Leser, mit dem, was seine Figur laut denkt, nicht allein. Aber doch mit dem Rätsel, das sie sich selbst ist. Denn darum geht es in seinem Prosabuch: dass immer etwas zurückbleibt, ein Geheimnis, etwas Unbestimmtes, etwas Unabsehbares. Etwas, was heute umgehend unfassbar genannt wird.

Botho Strauß wird heute (2.12.2019) 75 Jahre alt. Wie schon seit den Anfängen des Prosaautors in den 1970er Jahren kommen Leser und Leserin an der unüberwindlichen Nähe von er/sie nicht vorbei. In dem Buch ist es ein Romancier, der zurückblickt, darunter auf einen besonders schmerzhaften Verlust: „Die vielen Freunde, wo sind sie hin?“ Zugleich ist es, nach einigen Jahren der Trennung, die Rückkehr des Prosaautors Strauß zu seinem alten Verlag, Hanser, jetzt unter dem Titel: „zu oft umsonst gelächelt“.

War es nicht der Theaterautor Strauß, der über den von ihm stark verehrten Theaterregisseur Rudolf Noelte einmal sagte, dieser führe seine Figuren in eine „Welt ohne Lächeln“. Aus einem Weltbild ohne Lächeln ist sicherlich auch die Weltanschauung des politischen Essayisten und grimmigen Geschichtspolitikers Strauß gemacht, seine Tiraden gegen Flüchtlinge, sein Snobismus gegenüber den „Sozial-Deutschen“, seine wütenden Manifeste gegen die Massenkultur, seine verhängnisvolle Beschwörung des Blutopfers, in der Tradition der Konservativen Revolution.

Botho Strauß als radikaler Kulturpessimist

Genug, nach diesem Seitenblick auf einen radikalen Anachronisten gilt das Augenmerk hier allein seinem Prosabuch, den Schieflagen der menschlichen Kommunikation, dem Slapstick des kommunikativen Handelns, deshalb ein so unangenehmer Satz: „Alles begann damit, daß sie sich eines Tages fragte: Ist er dir eigentlich zuvor- oder ist er dir entgegengekommen?“ Oder ein so unabweisbarer: „Noch auf engstem Raum gibt es Entfernungen, in denen man sich verliert“. Das ist keine gute Konstellation.

Das Buch ohne Gattungsbezeichnung ist eines der Episoden und Aphorismen, der Anekdoten und kurzen Erzählungen, in denen Strauß immer schon ein Großmeister war. Die Skizze ist der Stoff, aus dem die Prosaminiaturen sind, der Umriss eines Lebensumschwungs in wenigen Strichen. Skizzen, die unter dem Gewicht des Schicksals stehen, sind wuchtig schraffiert, diejenigen unter dem Gesetz der Schonungslosigkeit flirrender, und die Skizze über ein verabsäumtes Leben ist dann eine gegen den Strich.

Das Buch ist ein Leporello der, komisches Wort, vergeblichen Liebesmüh, welcher auch sonst? Zu den Erkenntnissen gehört die, dass „das Kleinliche, das um sich frißt und sich ausbildet wie Schädlingsbefall (…) zu den schlimmsten Heimsuchungen einer mißglückten Liebe“ gehört. Sie und er im immerzu heiklen Beziehungsverkehr.

Ein gelingendes Existieren, und da ist Strauß ein radikaler Kulturpessimist, ist unter den nivellierenden Bedingungen der Moderne nicht zu haben, wiewohl die Vertreibung aus dem Paradies nun wirklich nicht erst in der Neuzeit geschah. Entzweiung seit dem Anfang aller Tage, wie in der Legende erzählt. Auch dieses von dunklem (und natürlich nicht oberflächlich lächelndem) Humor tief grundierte Buch ist nicht frei von Pathos, zumal dann, wenn es sich unleidlich zeigt und seine Melancholie nicht gewitzt. Zu dieser aber gehört die Notiz des Erzählers, während der Nacht habe ihm ein Traum ein „Episodenwerk mit dem Titel Ehebruchstücke“ nahegelegt. Hat der Erzähler dagegen nicht von der Selbstironie eine hohe Meinung, sondern vom Bildungsballast, macht er in der „sexuellen Verausgabung“ einer Figur eine „Art vestalischer Unbeugsamkeit“ aus.

Botho Strauß bezieht Anregungen aus der Kunstgeschichte

Der von Strauß eingeführte Romancier betont, dass die Erfindung der Realität weit voraus sei, weil die Fiktion den Sinn für Kleinigkeiten entwickle, die der Welt längst abgingen. Wo die Welt allein am „groben Umriss“ sich interessiert zeige, mache nur noch die Erfindung Hoffnung auf eine „Subtilitätendämmerung“.

Pathos auch das? Der Rezensent als Richter dürfte das herablassend belächeln – ignorierend, dass der Erzähler das Subtile immer wieder schonungslos einlöst. Etwa wenn eine Gesellschaft von elf Personen zusammenkommt, Männer und Frauen, denen es nicht leicht fällt über ein Kunstwerk zu sprechen, auch ist „bald die Stufe einer erbitterten Begeisterung erreicht, die kein Geplauder, kein Genießen, kein Schwärmen mehr gestattet.“ Kunst hat für einen jähen Moment, auf dem Höhepunkt ihres Genusses, nichts Versöhnliches, Kunst ist ein Abgrund, der darin auch noch eine Kluft aufreißt.

Strauß bezieht Anregungen aus der Kunstgeschichte, eine Prosaskizze aus einem Bild von Lorenzo Lotto oder aus einem Film Robert Bressons. Es ist die Erinnerung an eine Einstellung aus „Die Sanfte“, wenn diese sich vom Balkon stürzt, einen „wippenden Schaukelstuhl“ zurücklassend: „Diese Frau entreißt Gott die Macht der Frist, die er jedem Lebewesen beimißt und von der dieses nichts weiß, nichts wissen kann.“

Es geht um alles, und weil es um nichts weniger geht, lässt Strauß die großen, prominenten Er und Sie aus den heidnischen Mythen der Antike auftreten, zwangsläufig zusammenprallen, ebenso wie die christlichen Aventüregestalten des Mittelhochdeutschen, etwa im „Parzival“. Das ist so exquisit wie das, was er über den frühen Ingmar Bergman schreibt.

„Der alte hohe Mann, der Romancier“, wie es bereits im ersten Satz heißt, gestattet sich einen Rückblick „voll Reue“, wohl auch, weil ihm klar ist, dass er „oft in Menschen herumstochere“. Kein Schriftsteller, der gegenüber der einen oder anderen Figur nicht zum Gewalttäter würde. Auch in diesem Buch tun sich Partner Gewalt an, allein schon durch Wörter. Partner? Apropos Wörter: „Mann und Frau sind niemals Partner. Eine Frau ist Verehrte oder Begehrte, Dulderin oder Unduldsame, Lügnerin oder treue Seele, im besten Fall Kombattantin im gleichen Vorwärts und Entgegen, gleichwertig, gleichberechtigt, gleich in was nicht allem – nur niemals ein Partner. Ordinäre Anleihe aus dem Geschäftsleben.“

Botho Strauß geht aufs Ganze

Der Dichter Strauß philosophiert, auch darüber, dass über jedem Anfang bereits die Ausweglosigkeit schwebe. Ausweglosigkeit ist das existentielle Dilemma schlechthin. Trost? Vielleicht die Hand des Kindes, das über das lange Haar des Vaters streicht. Vielleicht ist es auch eine Stimme, die einen zu Tode Betrübten anfasst für die Dauer eines Augenblicks. Erschütternd diese Trost-Szene: „Als man ihm die Totenmaske abnahm, trug sein Gesicht die Züge seiner Frau. Im Anhieb der Unendlichkeit war er geworden, was er im Leben am meisten geliebt hatte.“

Botho Strauß geht in diesem Buch zu seinem Geburtstag, auch in diesem, aufs Ganze: „Wir sind alles sehr klein, doch unsere Bescheidenheit hat noch kein Gesicht.“ Es geht um alles. Er ist es, der hier sagt: „Kein Mensch weiß, wie lang dieser Zustand, Leben eigentlich dauert.“ Das ist ein Satz, mit dem kein gutes Zusammenleben ist. Man möchte sich von ihm am liebsten trennen, aber es geht nicht. So bleibt man zusammen dann doch.

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