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"Wir müssen wieder lernen, dem Wissen zu vertrauen", sagt Christiane zu Salm.

Nicolai Verlag

"Die bornierte Ausschließlichkeit aufbrechen"

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Die Verlegerin Christiane zu Salm will den traditionsreichen Nicolai Verlag neu beleben. Ein Gespräch über das Problem mit dicken Wälzern und den eigenen Anspruch.

Frau zu Salm, wussten Sie, als Sie vor zwei Jahren den Nicolai Verlag übernahmen, schon ganz genau, wohin die Reise gehen sollte?
So ganz genau weiß man das natürlich nie, wenn man unternehmerisch tätig wird. Aber ich war inspiriert von der großartigen und langen Geschichte dieses Verlages, und ich hatte eine klare Idee, was ich aus ihm machen möchte. Mir schwebte vor, ihn wieder zu einem modernen Aufklärungsverlag für das 21. Jahrhundert zu machen. Deshalb habe ich diesen Verlag übernommen und keinen anderen. Einen solchen Gedanken fordert die Geschichte des Hauses und die seines Namensgebers, des Berliner Aufklärers Friedrich Nicolai, ja geradezu ein. Ich verstehe es als Verpflichtung, dieses verlegerische Erbe in die heutige Zeit zu tragen.

Auf Ihrer Homepage zitieren Sie programmatisch Friedrich Nicolai mit dem Gedanken, „zukünftige Gegebenheiten systematisch vorwegzudenken“. Was verstehen Sie darunter?
Es bedeutet für uns, dass mehr oder weniger alles neu gedacht werden muss. Zumal in dieser zerzausten, komplizierten Zeit, in der uns Orientierung abhanden zu kommen scheint. Es geht darum, ein neues Denken anzuregen. Kritisches Denken auf Basis von Wissen. Also darum, den Geist der Aufklärung neu zu beleben.

Aber was kann es heute bedeuten, die zukünftigen Gegebenheiten systematisch vorwegzudenken?
Ich will es an einem Beispiel erläutern. Wir wollen mit den Veröffentlichungen des Verlages zentrale Themen unserer Zeit setzen, etwa im Bereich der Bildung. Diese kann heute nicht mehr nur aus einer Perspektive gedacht werden. Das gilt nahezu für alle Fragestellungen. Das Systematische besteht für uns darin, dass wir zu den einzelnen Themen Autoren einladen, aus unterschiedlichsten, streitbaren Perspektiven heraus zu schreiben. Wir wollen multi-disziplinäre Diskurse organisieren, und beim Thema Bildung ist dann nicht mehr nur der klassische Bildungspolitiker gefragt, sondern auch eine Sozialpsychologin, ein Gehirnforscher, eine Physikerin, ein Arzt – und eine Theologin darf auch nicht fehlen. Wir wollen das Wissen der Welt aus den Disziplinen herausholen und neu zusammenführen.

Das hört sich nach einem akademischen Plan an. Sie stellen jedoch nicht zuletzt Autoren mit einem jeweils sehr eigenwilligen Profil vor, beispielsweise Bestsellerautoren wie Stefan Klein („Die Glücksformel“), den Fernsehr-Moderator Gerd Scobel und Asfa-Wossen Asserate, der vor einigen Jahren ein äußerst erfolgreiches Buch über „Manieren“ geschrieben hat. Gibt es zwischen diesen und anderen prominenten Namen etwas Verbindendes?
Eigenwilligkeit ist doch wichtiger denn je. Und ja: Es gibt etwas inhaltlich Verbindendes. Wir wollen kein akademischer Verlag sein, sondern insbesondere die Wissenschaften populärer machen. Und wir sind bestrebt, nicht immer wieder dieselben Autoren zu Wort kommen lassen, sondern überraschende Aspekte durch neue, unkonventionelle Autoren bekannt zu machen. Das Wissen der Welt ist organisiert, die verschiedenen Perspektiven, aus denen man sich zu ihm in Beziehung setzen kann, aber noch nicht. Wir glauben, durch dieses Konzept des kuratierten Themenpublishings besseren Antworten und Entscheidungen einen Weg zu bahnen.

Wie hat man sich das konkret vorzustellen. Betreiben Sie im Hintergrund eine Art Wissenschaftsscouting?
Unser Blick richtet sich auch auf die Wissenschaft, aber nicht nur. Was wir als Verlag tun können, ist, die Wissenschaft im besten Wortsinn zu popularisieren. Es gibt nun einmal viele gute Gedanken, die noch nicht in der Welt sind. Wenn es uns gelingt, die zu heben, dann ist es mir egal, ob sie wissenschaftlich geprüft sind. Wir betreiben also kein Wissenschaftsscouting, sondern gehen jeweils von einem Thema aus, zu dem wir uns dann fragen, welche Autorinnen und Autoren mit welchem Aspekt in Frage kommen.

Aber die müssen Sie ja auch zunächst einmal kennenlernen.
Ich bin eine leidenschaftliche Zeitungsleserin und gehöre noch zu der Generation, in der man Texte aus dem Blatt herausreißt und aufstapelt, um diese dann irgendwann abzuarbeiten. Tatsächlich habe ich sehr viele Anregungen aus der Zeitungslektüre gewonnen. Darüber hinaus haben wir ein junges, neugieriges Team, das gut recherchiert – und zwar in allen Lebens-und Denkwelten, von der Wirtschaft bis zum digitalen Unternehmertum. Es geht uns ausdrücklich auch darum, eine gewisse Störung in das akademische Selbstverständnis hineinzutragen. Und wir genießen, offen gestanden, die Freiheit, die Stimmen in dem ältesten deutschen Sachbuchverlag auf diese Weise zu organisieren und zu mixen. Natürlich wünschen wir uns Leser, die das spannend finden.

Ihre Verlagsgründung fällt in eine Zeit, in der der aufklärerische Geist stark unter Druck geraten ist. Wissenschaft erscheint geradezu als diskreditiert. Donald Trump spricht hasserfüllt von Fake News. Wollen und können Sie dem in Ihrem Programm Rechnung tragen?
Wir wollen dieser erschreckenden Tendenz etwas entgegensetzen. Das tun wir übrigens auch formal. Alle unsere Bücher lassen sich leicht und schnell lesen. Es sind schmale Bände mit tiefem Inhalt. Einzelne Titel wie „Bullshit-Resistenz“ des Philosophen Philipp Hübl, fragen ausdrücklich danach, welche Fähigkeiten wir im 21. Jahrhundert brauchen, um sich gegen Fake News zu wappnen. Wir müssen wieder lernen, dem Wissen zu vertrauen.

Über die exzentrische Form von Politik hinaus lassen sich aber auch beim Publikum Abwehrtendenzen erkennen. Wie wollen Sie dem begegnen?
Wir erhoffen uns, neue Leserzielgruppen erreichen zu können, zum Beispiel Leute, die wenig Zeit zum Lesen haben. Es gibt sehr viele Menschen, denen mangelt es nicht an Interesse, ein Buch zu lesen oder am Geld, eines zu kaufen. Was ihnen fehlt, ist Zeit. Ich habe das oft in der Arbeitswelt der Wirtschaft erlebt, da wird aus Zeitgründen nicht mehr allzu viel gelesen. Unsere Bücher sind also die Antwort auf die Abwehr von dicken Wälzern mit endlosen Fußnoten. Sie sind „flugtauglich“.

Das ist aber noch kein Mittel gegen eine immer häufiger zu beobachtende inhaltliche Abwehr.
Wir müssen aus diesem dualistischen, oder besser antagonistischen Denken heraus, das nur noch Zustimmung oder Ablehnung zulässt. AfD? Ja oder nein. Klimawandel? Eh alles zu spät oder nicht? Flüchtlinge? Ja oder nein? Diese bornierte Ausschließlichkeit wollen wir aufbrechen. Je erweiterter der inhaltliche Blickwinkel, desto besser sind unsere Antworten auf die zentralen Fragen unserer Zeit.

Das klingt sehr idealistisch, die ökonomische Wirklichkeit spricht eine andere Sprache. Auf der Frankfurter Buchmesse war zuletzt sehr viel von Umsatzrückgängen die Rede. Sie sind einerseits eine Quereinsteigerin, gelten anderseits aber als erfahrene Medienmanagerin. Was treibt Sie an, in dieses schwierige Marktsegment des gedruckten Wortes zurückzukehren?
Ich habe vor 30 Jahren eine Ausbildung im S. Fischer Verlag gemacht und muss zunächst einmal feststellen, dass sich so sehr viel gar nicht geändert hat.

Ist das so schlimm?
Na ja, man muss schon danach fragen, warum sich so relativ wenig geändert hat. Ich bin zurückgekehrt, weil es mir eine große Herzensangelegenheit ist, Gedanken in Form von Büchern in die Welt zu tragen. Dass das nun in einem Markt passiert, der mit starken Umsatzrückgängen zu kämpfen hat, betrachte ich eher als Herausforderung. Viele waren erstaunt und haben gesagt: Sie stehen doch eher für Innovation als für Rückbesinnung. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass die Branche in der Lage sein wird, sich neue Wege einfallen zu lassen. Wir zum Beispiel können, weil wir so klein sind, auf schnellere Erscheinungsrhythmen setzen. Das Buch „Kryptopia“ von Philipp Mattheis und Milosz Matuschek, in dem es um die neuen Kryptowährungen geht, ist innerhalb von drei Monaten entstanden. Es gibt bei uns auch kein Frühjahrs- und Herbstprogramm. Und was das Digitale angeht: hier gibt es auch ja noch viele unausgeschöpfte Möglichkeiten.

Sie haben sehr erfolgreich populäre Formate im Werbe- und Unterhaltungsfernsehen betrieben, über die viele Ihrer neuen Autoren vermutlich die Nase rümpfen würden. Bringen Sie Erfahrungen aus diesem Marktsegment in Ihre Verlagstätigkeit ein?
Ja, und zwar die vollkommen branchenunabhängige Erfahrung, Menschen zu ermutigen, neue Wege zu gehen. Auch, wenn die Chance des Scheiterns dabei immer gegeben ist. Alte und neue Welten zu vereinen statt sie gegeneinander zu verteidigen, finde ich einfach spannend. Wir haben damals bei MTV eine Kampagne gemacht, zu der wir in ein Altersheim gegangen sind, in dem eine alte Oma das Fenster aufreißt und in den Hof ruft: Seid doch mal still, ich will in Ruhe MTV schauen. In diesem Sinne wünsche ich mir für die Bücher natürlich auch Leser, die unter 30 sind.

Dass es Ihnen bei Büchern nicht nur auf Marktchancen ankommt, haben Sie mit sehr persönlichen Büchern über Todeserfahrungen unter Beweis gestellt, zu denen Sie sich als Sterbebegleiterin haben ausbilden lassen. Wird man von Ihnen diese Form der Umsetzung von authentischer Erfahrung auch in Ihrem neuen Verlag zu lesen bekommen?
Von mir sicher nicht, aber das Thema ist dauerhaft wichtig.

Als Medienmanagerin waren und sind Sie beinahe zwangsläufig auch eine Person des öffentlichen Lebens. Die Buchbranche ist gewiss etwas diskreter, aber nicht frei von Eitelkeiten. Wie würden Sie Ihre künftige Rolle als Verlegerin charakterisieren?
Sehr zurückgenommen und im Hintergrund. Die Stimmen des Nicolai Verlages werden die seiner Autorinnen und Autoren sein, nicht meine.

Interview: Harry Nutt

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