16. Juli 1945: Die erste Atombombe wird gezündet in der Wüste von New Mexico. Zwei weitere Bomben sind bereits auf dem Weg in den Pazifik.
+
16. Juli 1945: Die erste Atombombe wird gezündet in der Wüste von New Mexico. Zwei weitere Bomben sind bereits auf dem Weg in den Pazifik.

"Atom und Literatur"

Die Bombe denken

"Atom und Literatur": Eine Kabinettausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne zeigt, wie deutschsprachige Dichter und Denker nach Hiroshima reagierten.

Von INA HARTWIG

Zur Zürcher Uraufführung von Friedrich Dürrenmatts Stück "Die Physiker" am 21. Februar 1962 erschien ein Programmheft mit einer ganzseitigen Hochglanzanzeige. Das "Pelz-Paradies" hatte die Anzeige geschaltet, darauf hinweisend, dass Dior-Modelle vorrätig seien. Um den Kauf edler Pelze dem potentiellen Kunden (der hier zugleich Theatergänger war) schmackhaft zu machen, hatte man einem zeitgenössisch gestylten Model - kräftiger schwarzer Lidstrich, Pagenschnitt - ein elegantes, dreiviertelarmlanges Nerzjäckchen angezogen. Dazu hält die phlegmatisch-verführerisch dreinblickende junge Dame mit lässiger Geste eine Zigarette samt Zigarettenspitze in der Hand. Ein hinreißender Anblick!

Aber ist die feine, um nicht zu sagen dekadente Pelzwerbung die passende Illustration zu Dürrenmatts Stück, in dem immerhin die Verwicklung der modernen Physik in die atomare Massenvernichtungstechnik dargestellt wird? An deutschen Theatern, sagt Helga Raulff, die Kuratorin der aktuellen Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne, wäre eine solche Anzeige undenkbar gewesen. Womit sie Gottfried Benn Recht gibt, der einst reimte: "Meinen Sie Zürich zum Beispiel /sei eine tiefere Stadt,/wo man Wunder und Weihen / immer als Inhalt hat?" Ja, Zürich ist eine tiefere Stadt: tief verstrickt.

Die Ausstellung "Strahlungen. Atom und Literatur" widmet sich einem recht verschlungenen, schwierigen Thema, dessen Aufarbeitung hier einen ersten Schritt macht. Mit den Abwürfen der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945, so die Hypothese, habe ein neues Zeitalter begonnen. Hermann Broch formulierte es in einem Brief an Ivan Goll so: "1945 ist die Atombombe vorhanden; 1935 hat man noch im 19. Jahrh. gelebt." Aus dem unmittelbar benachbarten Deutschen Literaturarchiv wurde einiges zum Thema zusammengetragen, teilweise überraschenden Funde, die nun in fünf langen Vitrinen bei nur 50 Lux ausgelegt sind.

Ein Vergnügen kann man es nicht unbedingt nennen, sich stundenlang über die Glaskästen zu beugen (auf die man sich nicht aufstützen darf) und in dem Schummerlicht die Autographen, Typoskripte, Notizhefte und Bücher zu entschlüsseln. Doch anders geht es eben nicht, die wertvollen Archivalien müssen geschützt werden. Ein besonders schönes Stück stammt von Benn; nicht sein Zürich-Gedicht, sondern die handschriftliche Fassung von "Verlorenes Ich". Das Gedicht entstand bereits im Juni 1943 und spielt raffiniert mit Wortmaterial aus der Quanten- und der experimentellen Atomphysik, die der Arztdichter mit Bildern aus der Mythologie kombiniert ("Verlorenes Ich - zersprengt von Stratosphären,/Opfer des Ion-: Gamma-Strahlen-Lamm"). Das "verlorene" war übrigens in der ersten Fassung ein "gespaltenes" Ich. Ähnlich wie Benn gehörte Ernst Jünger - auf dessen "Strahlungen" (von 1949) der Ausstellungstitel zurückgreift - zu jenen, für die ästhetische Ausbeute grundsätzlich reizvoller ist als Moral. Immerhin, unter dem Datum des 10. August 1945 notiert Jünger in sein Pariser Tagebuch, dass er "heftigen Kopfschmerz" bekommen habe, als er von den Atombombenabwürfen auf Japan erfuhr. Von Martin Heidegger sind Notizen zu einer Vorlesung zu bestaunen und ein Manuskript, mit bunten Umkringelungen versehen, deren Sinn verborgen bleibt (Betonungszeichen?).

Die Existenz der Atombombe bedeutete für Heidegger offenbar vor allem eine Bedrohung seines ontologischen Denkgebäudes: Was sollte aus dem "Gestell" werden, wenn die totale Vernichtung jederzeit möglich ist?

Eine ganz andere Problemstellung: der Wissenschaftler als moderner Prometheus, der sich über den Götterwillen/die Natur erhebt. Brechts "Galilei" rekurriert darauf und natürlich Heinar Kipphardts "In der Sache J. Robert Oppenheimer", unter Piscator 1964 uraufgeführt. Bemerkenswerter Archivfund: Ein Brief Oppenheimers an Kipphardt, in dem der "Vater der Atombombe" sich über die falsche Darstellung seiner Person und Haltung in dem Stück beschwert. Er, Oppenheimer, würde jederzeit wieder zugunsten der Bombe entscheiden: "It seems to me that you may well have forgotten Guernica, Dachau, Coventry, Belsen, Warsaw, Dresden, Tokyo. I have not."

Auschwitz und Hiroshima in einem Atemzug zu nennen, galt bis in die sechziger Jahre als tabu. Dem widersetzten sich Paul Celan, Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann und Marie Luise Kaschnitz. Spannend auch ein Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und dem jungen Enzensberger, in dem Arendt sehr überzeugend vor dem "Escapismus" warnt, "Politik und Verbrechen" gleichzusetzen.

Man sieht, es lassen sich etliche Haltungen ausmachen - von der Faszination (Golls "Atom Elegy") über Kritik (Karl Jaspers, Günther Anders) bis zum politischen Widerstand (Robert Jungk, Carl Friedrich von Weizsäcker, Erich Kästner, Hans Henny Jahnn). Und nicht selten vermischte sich das eine mit dem anderen Interesse.

Literaturmuseum der Moderne, Marbach. Bis zum 1. Februar 2009. Begleitend erscheint das "marbachermagazin 123/124" mit unveröffentlichten Texten u.a. von Hans Blumenberg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare