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Sarajevo, Sommer 1992.

„Zwei Jahre Nacht“

Böser Karneval

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Damir Ovcina hat einen großen Roman über den jugoslawischen Krieg geschrieben – und über Macht, Moral und Menschen.

Als in Sarajevo der Krieg beginnt, an einem Frühlingstag des Jahres 1992, ist der 18-jährige Gymnasiast zu Besuch im Stadtteil Grbavica. Ein paar Straßen weiter wartet sein Vater. Aber den Rückweg nach Hause versperren serbische Soldaten dem Jungen den Weg. Sie behalten ihn bei sich, teilen ihn einer kleinen Arbeitsbrigade zu. Nachts findet er Unterschlupf in einer leeren Wohnung. Tagsüber muss er von jetzt an Leichen tragen und vergraben. Vor ein paar Tagen erst ist seine Mutter gestorben. Für Trauer blieb keine Zeit.

Damir Ovcina:  Zwei Jahre Nacht. Roman. A. d. Bosn. von Mascha Dabic. Rowohlt Berlin, 2019. 752 Seiten, 26 Euro.

Was der junge Bosnier in serbischer Gefangenschaft erlebt, gehört zum eindringlichsten, was über die Realität dieses und vieler ähnlicher Kriege geschrieben worden ist. Wir erleben alles mit, werden Zeugen der Gräuel, fürchten uns mit dem Protagonisten des Romans vor Übergriffen, verfertigen gemeinsam mit ihm unsere Gedanken und pflegen unsere Hoffnung. Sarajevo war, wie man weiß, fast vier Jahre lang belagert. Weniger bekannt ist, dass es auch in der Stadt serbisch gehaltene Viertel gab. Grbavica liegt unter ihnen dem Stadtzentrum am nächsten, von der Hauptverkehrsachse der Stadt nur durch eine Brücke getrennt. Nicht der gelegentliche Granatbeschuss von der anderen Seite macht hier den Schrecken aus, auch nicht die Bedrohung durch Scharfschützen. Das schlimmste ist der permanente, alltägliche, bald fast beiläufige Terror, unter dem die nicht-serbische Bevölkerung leidet.

Es wird mehr geschlagen als geschossen. Angereiste Schläger aus Belgrad oder aus Montenegro und Vorstadtalkoholiker aus Sarajevo selbst spielen hier Staat. Das heißt: Sie erlassen willkürlich Regeln, berauben und quälen die rechtlosen Bewohner – aus Hass, zum Spaß und manchmal nur aus Gedankenlosigkeit. Nicht der Teufel macht die Hölle aus. Es ist die Abwesenheit von Gott.

Der Junge hat Glück: Er hat zwei Engel. Abends findet er bei einer jungen Russischlehrerin, die mit ihrer Oma einen Stock tiefer wohnt, Fürsorge, Essen und ein bisschen ein Zuhause. Sie ist als Serbin vor Mord und Raub hier sicher. Tagsüber schützt ihn sein Kommandant vor Übergriffen, ein Berufssoldat, der sich von seinen marodierenden Volksgenossen sein Ethos nicht ganz nehmen lassen will.

Die Bedrohung bleibt aber immer ganz nah. Die halb lustig gemeinten Neckereien, die der Junge ertragen muss, etwa wenn Soldaten oder Hooligans ihn, den jungen Mitbürger mit dem muslimischen Nachnamen, „Hodscha“ nennen oder wenn sie ihn, scheinbar respektvoll, auf Türkisch mit „Merhaba“ begrüßen, können unvermittelt in tödliche Aggression umschlagen. Der schützende serbische Kommandant seiner Brigade wird irgendwann abgezogen oder hält es nicht mehr aus. So wird der Protagonist vogelfrei. Er rettet sich vor der bevorstehenden Ermordung, indem er drei Peiniger tötet und sich von seiner Russischlehrerin verstecken lässt – eine kleine, scheue, sogar humorvoll erzählte Liebesgeschichte.

Manche Szenen sind schwer zu ertragen, gerade weil sie so nüchtern erzählt sind und kein ideologisches Narrativ das Entsetzen abfedert: Wie ein Soldat einem weinenden kleinen Kind begütigend übers Haar streicht, während seine Spießgesellen gerade in Sichtweite dessen Vater totschlagen – oder wie eine Familie an einem Kontrollpunkt aufgehalten wird und ganz der Tageslaune eines Waffenträgers ausgeliefert ist. Ein kleinwüchsiger Mann, den sie „den Bulgaren“ nennen, tut sich durch besondere Grausamkeit hervor. Krieg ist ein böser Karneval, eine verkehrte Welt, in der würdige alte Herren vor blutjungen Verbrechern niederknien, wo man fremde Polstermöbel auf die Straße stellt, damit Soldaten darauf herumlümmeln können.

Besonders abstoßend sind die immer billigeren Ausreden der Täter vor sich selbst. Plünderer aus der Nachbarschaft wollen den Herd, den Kühlschrank, den sie sich auf den Hänger laden, angeblich nur ausleihen und „später“ zurückbringen. Vergewaltiger versuchen weinenden Frauen einzureden, auch sie, die Opfer, hätten „ein bisschen Spaß“ schließlich verdient.

Vor der schlimmsten Verheerung, dem seelischen Tod, rettet den Jungen, dass er alles aufschreibt, was er sieht und erlebt. In kurzen Hauptsätzen hält er abends in einem Schulheft fest, was einer tut, was einer sagt. Seine eigenen Gefühle muss der Ich-Erzähler nicht beschreiben, und seine Blicke, Eindrücke und Beobachtungen finden meistens nur in Satzfetzen Platz.

Einen Namen trägt so gut wie niemand in diesem Roman. Namen geben Identität, und Identität ist ethnisch und damit verseucht.

Damir Ovcina, der Autor, war selbst während des Krieges in Grbavica eingeschlossen. Gefragt, warum er sein Meisterwerk erst zwanzig Jahre nach dem Geschehen vorgelegt hat, hat er eine bemerkenswerte Antwort gegeben: Er habe „versucht, dieser Masse von Bildern und Eindrücken eine Form zu geben, mit der sie Kraft, Glaubwürdigkeit, Wahrheit und Ganzheit bekommen“. Die höchste Authentizität ist zugleich die höchste Kunst. Ein neuer Roman ist schon fertig. Europa hat einen großen Autor mehr bekommen.

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