Suzanne Collins bei der Filmpremiere zu „Mockingjay 1“.
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Suzanne Collins bei der Filmpremiere zu „Mockingjay 1“.

Suzanne Collins

„Tribute von Panem“:  Wie das Böse wurde, was es ist

  • Petra Kohse
    vonPetra Kohse
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Suzanne Collins’ Vorgeschichte zu „Tribute von Panem“ zeigt den Diktator als jungen, herzoffenen Mann.

Also, in den 1200 Seiten der „Tribute von Panem“-Trilogie von Suzanne Collins war das Geschehen ja immer von dem Ziel getragen, die zynischen „Hungerspiele“ abzuschaffen, mit denen das regierende Capitol die einst aufständischen Distrikte in diesem dystopischen Post-Amerika drangsaliert. Jenes mörderische Spektakel, in dem aus jedem Distrikt alljährlich zwei Jugendliche ausgelost werden, die dann in einer Art Gladiatorenspiel gegeneinander antreten. Und das immer nur einer von 24 überlebt.

Zumindest bis zu dem Jahr, in dem sich Katniss Everdeen aus dem Bergarbeiter-Distrikt 12 freiwillig meldet, um ihre kleine Schwester zu verschonen, und das System hackt und einen Krieg entfacht. In der im Buch wie in der Verfilmung letzten Szene sieht man Katniss mit Mann und zwei Kindern friedlich auf einer Wiese sitzen – zwei Kinder, die ihre Namen niemals in eine Trommel werfen müssen. Das war es, wofür sich alles gelohnt hat.

Und doch setzt Suzanne Collins, nachdem sie sich neun Jahre nach dem Erscheinen des letzten Bandes und wohl unter dem Druck des weltweiten Erfolges auch der Verfilmung mit Jennifer Lawrence als Heldin und Donald Sutherland als Diktator noch einmal an den Allgenerationen-Stoff gesetzt hat, ausgerechnet bei den Hungerspielen an. Bei dem Gemetzel unter tatsächlich halb verhungerten Teenagern, das hier noch viel roher und ungestalter durchgepeitscht wird. Die Kinder kommen im Tierwaggon an, werden im Zoo verwahrt und dann: Hals aufschlitzen, vergiften, sich mit dem Dreizack erstechen. Und das alles soll eine hier noch nicht ganz so dekadente, eher selbst ziemlich hungrige Herrschaftsklasse auch noch amüsieren!

Das jetzt veröffentlichte Prequel mit dem Untertitel „Das Lied von Vogel und Schlange“ beginnt etwa 65 Jahre vor der Trilogie. Der spätere Diktator Coriolanus Snow ist ein junger Mann, gerade 18 Jahre alt, der im Krieg zwischen Capitol und den Distrikten seine Eltern verloren hat und über jede Menge Ehrgeiz, aber kein Vermögen mehr verfügt.

Zehn Jahre ist der Krieg jetzt her, aber die Trümmer in der Stadt wie in den Herzen sind noch nicht beseitigt. Coriolanus braucht ein Stipendium, um zu studieren, und bekommt die Chance, bei den 10. Hungerspielen als Mentor mitzuwirken; der stolze Nachwuchs der Herrschenden und der Abschaum der Besiegten soll in fotogenen Paaren in Szene gesetzt werden. Coriolanus hofft, dass ihm jemand aus einem inneren Distrikt zugeteilt wird, aber er erhält den weiblichen Tribut aus Nummer 12.

Diese Vorgeschichte ist letztlich ein Materialienband, um zu verstehen, wie Snow zu dem wurde, der er in der Trilogie ist. Wie einer offenherzig sein und doch durch die Verhältnisse getrieben werden kann. Wobei Snow, obwohl man ihm zuweilen fest die Daumen drückt, nicht als Opfer dieser Verhältnisse dargestellt wird. Und es geht auch nur zu zwei Dritteln um die Hungerspiele in diesem Buch. Man erfährt, warum er Rosen so liebt, wo das seltsame Lied vom Treffen am Henkersbaum herkommt, wie die Spotttölpel entstanden und wessen Idee die Hungerspiele eigentlich waren. Auch die Schlange aus dem Titel, als die Snow später immer wieder von Katniss bezeichnet wird, bekommt ihre so romantische wie tödliche Geschichte.

Die 1962 geborene Amerikanerin Suzanne Collins kann erzählen. Vor „Tribute von Panem“ schrieb sie eine fünfteilige Romanserie für jüngere Jugendliche über einen Gregor, der in eine Kakerlaken-Welt unterhalb von New York hinabtaucht. Sie hat eine überraschende Fantasie, die sie konsequent, spannend und teilweise ohne Gnade für die Figuren ausmalt und kulturgeschichtlich anreichert. Und sie transportiert neben den spektakulären Plots auch komplexe Botschaften. Fragte die „Panem“-Trilogie nach dem Wesen von Liebe und Politik, geht es diesmal gar um die Natur des Menschen.

Aber, und Sie merken, dass ich das nicht gerne schreibe, weswegen ich gleich entschärfend das höchste Maß in diesem Segment anlege: Collins ist keine amerikanische Joanne K. Rowlings. Sprachlich ist das alles eher schlicht. Und mit wenig Witz. In vollem Ernst sagen Figuren hier zueinander so etwas wie „Ich werde mir deine Worte durch den Kopf gehen lassen“. Und das ist nicht die Schuld der Übersetzer. Die etwas hölzerne Sprache war schon in den ersten drei Bänden eine Schwachstelle, aber diese segelten ja unter dem vollen Wind der unabsehbaren Geschichte.

Das vierte Buch ist eine Referenz, ein Nachklapp, ein Bonustrack zu etwas Bekannten. Und hier fällt plötzlich auf, wie viel Brutalität immerzu aufgeworfen und dann weggeschildert wird, ohne dass ein literarischer Mehrwert daraus entstünde. Dass das Werden des Bösen nicht so packend ist wie der Sieg des Guten, ist am Ende natürlich zu begrüßen – aber nur in moralischer Hinsicht.

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