Heinz Strunk

Böse Texte, trostlose Fälle

  • schließen

Der Erzähler Heinz Strunk als Entertainer mit seinem neuen Buch "Das Teemännchen" im Frankfurter Mousonturm.

Wenn er am Anfang von „Sozialrealismus“ spricht, schwingt eine Ironie mit, an der Sache vorbei geht das aber nicht. Heinz Strunk ist ein brachialhumoristischer Schriftsteller, auch an diesem Abend im ausverkauften Frankfurter Mousonturm gibt es wieder umwerfend viel zu lachen. Doch das unterscheidet sich klar von der gängigen Comedy. Das Gros der Texte aus seinem neuen Buch, dem Erzählband „Das Teemännchen“, lässt sich als eine drastisch pointierte Form der literarisch-soziologischen Studie bezeichnen.

Ein wiederkehrendes Motiv im Werk von Heinz Strunk, das zunächst von der eigenen Biografie ausgeht und in der Entfernung davon eine gewisse Kontinuität gewahrt hat, ist die verlorengegangene Würde, verkorkstes Leben und Vergeblichkeit. Da ist beispielsweise das Paar, das in den Polithippietagen stehen- und aneinander hängengeblieben ist und nun mit Tempo 100 in einer alten Dreckschleuder die 1100 Kilometer bis Südtirol zockelt. Nach einer verkehrsgefährenden Auseinandersetzung straft er sie gar mit Tempo 60 ab.

In einer anderen Geschichte geht es an den „Strand der Versehrten“ auf Usedom, wo die Gebrechlichen, die „das Stadium des sturen Weiterlebens“ erreicht haben, durch eine Demarkationslinie streng von den jungen McFits beim Yogawochenende in Sichtnähe separiert sind.

In einer nicht minder krassen Art trostlos ist der Fall der jungen Frau, die mit ihrem erotische Fantasien pinuphaft beflügelnden Aussehen die Umsätze in einem Grillimbiss hochtreibt, den Job allerdings nicht lange machen will, dann aber hängenbleibt. Mit den Jahren wird sie unansehnlich, der Besitzer verbannt sie erst an die Fritteuse und schließlich in die Kellerküche, weil der Anblick, den Strunk in monströsen Details zeichnet, der Kundschaft nicht mehr zuzumuten sei.

Einige Erzählungen haben fantastische Züge. Da wechseln bei einem Mann kafkaesk Po und Penis die Position, oder es fällt ein Gast im Hotelzimmer einem mysteriösen Sog zum Opfer. Dann ist da der Mann, der wie der Gekreuzigte an dem Rotorblatt einer Windkraftanlage festgebunden ist und sich die Frage stellt, weshalb eigentlich gerade er in diese missliche Lage geraten ist. „Das Teemännchen“ wiederum ist ein ewiger Hocker im Elternnest, der nicht zu einem Beruf gefunden hat und sich zur Eröffnung eines Teeladens entschließt – in einer hoffnungslos abseitigen Lage, nach ein paar Monaten muss er wieder schließen.

Die Texte sind böse, sie sind verjuxt, platt sind sie indes nicht. Stets entwickelt Strunk seine Fantasien aus der minutiösen Beobachtung. Alles ist knapp auf den Punkt gebracht. Keiner der Texte dauert länger als ein paar Minuten, fünfzig davon enthält der 200-Seiten-Band.

Was immer Strunk macht – Bücher, Theater mit seinen Kollegen von Studio Braun, Musik oder Filme -, er ist der instinktsichere Entertainer, der sorgfältig darauf achtet, dass er sein Publikum bei der Stange hält. Die scherzhafte Devise „all killer, no filler“ darf man getrost als Hieb gegen bestimmte Formen von Beschaulichkeit in der Literatur verstehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion