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Die Frau ist nicht fotografierbar, an der Stelle ihres Porträts erscheinen Afrika-Szenen aus dem Illustrationsfundus der weltweiten Presse.
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Die Frau ist nicht fotografierbar, an der Stelle ihres Porträts erscheinen Afrika-Szenen aus dem Illustrationsfundus der weltweiten Presse.

„Bericht zur Lage des Glücks“

Bodo Kirchhoff „Bericht zur Lage des Glücks“: In die Finsternis des Herzens

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Bodo Kirchhoffs delikater und befremdlicher Roman „Bericht zur Lage des Glücks.

Bodo Kirchhoff, Experte für vertrackte Liebesgeschichten, hat in seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Widerfahrnis“ die Welt in ein Idyll einbrechen lassen: ein Flüchtlingskind, das mit dem neuen Paar eine Art Familie bildete, eine Familie unterwegs. „Bericht zur Lage des Glücks“ nimmt fünf Jahre später das Muster auf, spinnt es weiter, spinnt es weit aus. Ein umfangreicher Roman, eine eigenartige, packende, abstoßende Konstellation, eine Reise, nein eine „Flucht, der Ernstfall des Unterwegsseins“, durch ein brutal heißes und auch ansonsten brutales Italien. Und ins finstere Herz eines Mannes und – wie sich zeigen wird – Mörders.

Er ist der einzige Erzähler, und ein dominanter. An sich selbst ist er mehr interessiert, als Leserinnen und Leser es sein dürften. Das Schonungslose seiner Selbstoffenbarungen fruchtet nicht, führt nicht zu der Zuneigung, die er so sehr bräuchte. Nicht im Buch und nicht beim Lesen. Perspektivwechsel sieht dieser Erzähler nicht vor, was andere denken, erfährt man nur, wenn sie es aussprechen. Er gerät in „Versuchung“, ein Begriff, dessen Bedeutung ihm als ehemaligem Mitarbeiter einer kirchlichen Zeitung wohlbewusst ist. Die Frau, scheint es, lässt ihn, den Wortreichen, abblitzen. „Seit ihrem No way war es still im Raum.“ Er hat nicht viele Fragen an sie.

Der Erzähler hat alles unter Kontrolle, seine Macht über das Erzählte ist absolut, wenn der Autor es will. Solche Grundregeln muss der Schriftsteller Bodo Kirchhoff nicht erst entdecken, er kann damit spielen von Anfang an. Jedoch nutzt es dem Erzähler als Mann nichts. Der „Bericht zur Lage des Glücks“ sieht das Glück im Abwind, der Abwind durchzieht den Roman, der anfänglich noch einen Schwung hat, aber der Schwung erweist sich als lange Abwärtsbewegung.

Auch beim archaischen Mord durch Erschlagen wird es nachher bloß heißen, dass der Stein nach unten fällt, aber so, dass der Kopf des Opfers „größtmöglichen Schaden“ nimmt. Als der, den er später morden wird, erstmals ins Bild kommt, ändert sich das Erzählklima jäh. Der Erzähler neigt zu Sentenzen und würde wohl hier etwas sagen wie: Nur wer sehr liebt, kann auch sehr hassen.

Die Namen der beiden Hauptfiguren werden nicht hingeschrieben, ausgesprochen werden sie anscheinend schon. Seiner, erfährt man, ist einsilbig, ihrer, erklärt er und erklären auch andere, ist sehr schön. Sie ist auch selbst sehr schön. Er ist ein älterer weißer Mann, sie ist eine junge schwarze Frau, genannt ausschließlich: die Afrikanerin. Später spricht sie selbst von seinem Blick als dem eines weißen Mannes, „gaze of a white male“. Warum er sie „überhaupt immer wieder und auch, wenn sie sich unbeobachtet fühle, ansehen würde, etwa weil sie schwarz sei, Cause I’m black?“ Er: „Ich sehe dich an, weil du schön bist, nicht weil du schwarz bist.“ – „Sie glaube, dass ich einer sei, der sich mit Worten aus der Klemme helfe, sagte sie, und Blicke hätten nichts mit Worten zu tun, nur mit inneren Ansichten – nachsichtig lächelnd erklärte sie das“, die Nachsicht gilt „dem Umstand, dass ich nur in der Unterhose dastand, wie man sich eben an heißen Tagen zu einem späten Mittagsschlaf hinlegt“.

Geht es also um Liebe? Für ihn schon. Glaubt er, lässt er uns lange glauben, denn das restlose Scheitern, das bereits eingetreten ist, nimmt er als allmächtiger Erzähler nicht voraus.

Das Buch:

Bodo Kirchhoff: Bericht zur Lage des Glücks. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt 2021. 604 Seiten, 28 Euro.

„Bericht zur Lage des Glücks“ spielt umständlich, aber auch mit Sogwirkung auf vier zeitlichen Ebenen. Zur Haupterzählung – der Mann, die Frau im Mietwagen unterwegs – kommt die Zeit danach, in der der Erzähler seinerseits Zuflucht sucht bei einer Kindheitsfreundin und nicht mehr gläubigen Pfarrerin. Und ihr von der Geschichte erzählt. Dazu kommt die Zeit danach, in der der Erzähler im Dorf der inzwischen wieder spektakulär, fantastisch verschwundenen Frau auf Spurensuche ist und auch einem ihrer einstigen Peiniger in Form eines Polizeichefs begegnet. Aber ist der Erzähler wirklich auf Spurensuche? Eine irritierende Passivität umgibt diesen scheinbar so regen Mann. Dazu kommt die Zeit danach, in der er wieder nach Hause zurückgekehrt ist, für ein bitteres Finale.

Die Erzählung selbst: Ein verlassener Mann, ein von der energiegeladenen Lydia verlassener Mann, leistet Trauerarbeit auf einer vor Jahren gemeinsam bereisten Italien-Route. Er liest in der Zeitung von einer geheimnisvollen Afrikanerin, als Flüchtling hier an Land gekommen. Fotos der auffallend schönen Frau zeigen jedoch statt ihres Porträts afrikanische Landszenen aus dem Illustrationsfundus der weltweiten Presse. Auf Seite 23 kursieren bereits drei dieser „unerklärlichen Bilder“. Der Mann – ehemals Redakteur einer dann untergegangenen Zeitschrift, jetzt freischaffend, ein „verkrachter Kirchenblattvogel“ – ist neugierig. Dass er die Frau aber trifft, ist so unwahrscheinlich, dass Kirchhoff auch jenseits der „unerklärlichen Bilder“ die Basis realistischen Erzählens früh hinter sich lässt.

Als wäre die Welt eine Kammerspielbühne, tauchen zudem Lydia und ihr neuer Freund in einem kalabrischen Restaurant auf, in dem auch der Erzähler und die Frau essen. Dass die Frau in Italien geringschätzig behandelt wird (und später attackiert), erscheint wiederum keineswegs unrealistisch. Wie Kirchhoff – nicht der inzwischen arg verliebte, dabei um sich selbst kreisende Erzähler – sie als Projektionsfläche und zugleich eigenwilligen, unabhängigen Menschen zeichnet, ist schillernder, als es hier vielleicht klingt. „Sie lächelte, aber es war kein Lächeln für mich, es war eins für das Leben, ihr Leben.“

Und selbst, wer die Gesamtkonstruktion und die Erzählersicht auf Dauer ermüdend oder ein wenig eitel findet – der Erzähler, kann man aber sagen, fällt sich selbst auf die Nerven –, wird von den großen Einzelszenen (grotesken, krimiesken) und Tableaus immer wieder gefesselt. In einer solchen Szene, einem irre verzerrten Spiegel aus „Pretty Woman“, kauft der Mann der Frau in Mailand ein für ihn viel zu teures Abendkleid. Und stellt fest: „Schönheit wird für einen Mann, vermutlich gilt das auch für Frauen, zum Ein und Alles, sobald sie sich ihm zuneigt, ihn damit glauben lässt, die unglaubliche Schönheit mit erschaffen zu haben: Wie großartig siehst du aus in dem Kleid, das ich dir schenke, zeig dich damit an meiner Seite, dann gehört uns die Welt! Ich fürchte, solche oder ähnliche Worte sind in mir aufgestiegen wie Wasser- oder Denkleichen.“

Fremdheit ist das schärfste Merkmal und das bleibende Unbehagen an diesem ausschweifenden Buch. Fremdheit, die nichts mit Herkunft und Hautfarbe zu tun hat. Keiner ist hier jedenfalls so fremd wie der weiße Mann, am befremdlichsten für sich selbst.

Der Autor stellt sein Buch am heutigen Mittwochabend im Literaturhaus Frankfurt vor. literaturhaus-frankfurt.de

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