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Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg (Petrograd) am 7. November 1917.
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Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg (Petrograd) am 7. November 1917.

Oktoberrevolution

Das blutige Chaos

  • VonCornelia Geissler
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Viele Agitatoren verstanden gar nicht, was sie da verbreiteten: Artjom Wesjolys großer wichtiger Roman über Russland im Jahr 1917.

Man weiß längst, wie wenig von den Legenden um die Große Sozialistische Oktoberrevolution 1917 stimmte. Nicht deshalb sollte man „Blut und Feuer“ lesen. Es ist kein Sachbuch, keine Abhandlung über die Unterdrückung der russischen Bauern und der Intelligenzija. Die Fakten sind hier wenig geordnet, scheinen nur signalartig auf. Dieses Buch aber vermittelt die Atmosphäre der Zeit vom Ende des Ersten Weltkriegs über die Revolution bis zum Bürgerkrieg in einer wilden, scheinbar ungezähmten Sprache, in ruppigen Dialogen, in rasendem Rhythmus und zuweilen in märchenhaften Erzählinseln. Es lebt von Wortspielen, Wortschöpfungen und detailreichen, farbigen Bildern.

Der Roman spielt meistens auf dem Land; Moskau und St. Petersburg/Leningrad sind weit weg. Die Kämpfe im Kaukasus „rissen die kleineren Völker mit sich fort wie ein Strom die Steine“, und „die Jahre jagten dahin wie Herden wilder Schweine“. „Russland ist ausgerutscht im Blut und hingefallen, nun soll es von selbst wieder hochkommen.“ Man sieht „das schwere, wie aus Schwarzbrotteig geknetete Gesicht“ eines Revolutionsbeamten, die Fuhrleute tragen „kuhfladengroße Fausthandschuhe“. Und man hört: „In die Gurgel: gluck, gluck, gluck. Krrrach – gegen das Tor. Auf dem Hof eine Explosion von wütendem Hundegebell.“

Der Autor, 1899 in Samara an der Wolga als Sohn eines Lastträgers geboren, hieß eigentlich Nikolai Kotschkurow. Er hatte seine Familie schon überflügelt, als er lesen und schreiben gelernt hatte. Mit 14, das war noch im Zarenreich, musste er in einer Fabrik arbeiten. Mit 18 schloss er sich den Bolschewiki an, nach der Revolution kämpfte er im Bürgerkrieg, wurde verwundet – und begann zu schreiben.

Als Journalist arbeitete er der Wahrheit verpflichtet, als Schriftsteller suchte er auch revolutionäre Ausdrucksformen. Der Symbolist Andrej Bely inspirierte ihn, den Futuristen Welemir Chlebnikow verehrte er als „Ingenieur des Dichterhandwerks“. Seinen Künstlernamen wählte er nach dem eines Kollegen, doch optimistischer: Er dachte an Maxim Gorki, den Bitteren. Wesjoly heißt „der Fröhliche“. Doch dieser Name spricht dem Hohn, was er erleben musste. Jekatherina Lebedewa schreibt in ihrem Nachwort zu „Blut und Feuer“, dass Gorki zunächst Wesjoly als literarisches Talent förderte, 1931 aber notierte: „Mit ihm werden wir noch schlimme Scherereien haben.“

Artjom Wesjoly folgt in seinem großen Russland-Roman „Blut und Feuer“ den Wegen des Frontsoldaten Maxim Kushel, des Partisanenführers Iwan Tschernojarow und des Malers und Schauspielers Jefim Gretschichin und gruppiert zahlreiche Personen um sie herum. Im Donbass streiken die Arbeiter, „als Antwort legen die Industriellen an die 300 Bergwerke still“. Wer eben noch Kommandeur war, wird degradiert, kann aber in einer neuen Kompanie sofort wieder zu Ehren kommen. Dazwischen werden Dekrete geschrieben und Appelle verlesen. „Anarchie ist die Mutter der Ordnung“, steht auf einer Fahne.

Viele Agitatoren verstehen nicht, was sie verbreiten. Bei einer Lehrerin hängt ein Bild Tolstois an der Wand. „Der Herr Vater?“, fragt der Matrose. Es werden Witze erzählt, es wird geplündert, geprügelt, geschossen. Dazwischen springen die Zeilen mal fröhlich vom „Brü“ zum „Glü“ und weiter.

Der Übersetzer Thomas Reschke bringt das blumigbunte und drastischschwarze Russisch in ein klingendes Deutsch. Er gibt die Drastik der Kämpfe wieder und die atmosphärisch dichten Schilderungen des Lebens in dem „Etüden“ benannten Mittelteil des Romans. Zahlreiche Fußnoten erklären, was man über Zeit und Personen wissen muss. Das jetzt bei Aufbau erschienene Buch geht weit über eine in den achtziger Jahren in der DDR veröffentlichte Ausgabe hinaus, enthält zensierte und im Nachlass gefundene Passagen.

In der Sowjetunion kam der Roman von 1932 bis 1936 in verschiedenen Fassungen heraus. Eine Rezension in der „Komsomolskaja Prawda“ 1937 setzte dem ein Ende: Er zeige die Revolution nur als „blutiges Chaos“. Das war das Todesurteil. Unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung wurde der Autor verhaftet. Der Bolschewik Artjom Wesjoly wurde 1938 von seinen eigenen Leuten erschossen.

Artom Wesjoly: Blut und Feuer. Roman. A. d. Russ. v. Thomas Reschke. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 640 Seiten, 28 Euro.

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