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In einer sich verändernden Arbeitswelt hängen Berufsmenschen an dem, was sie tun. Alter Bahner in einem ausrangierten Stellwerk.

Menschen in der Arbeitswelt

Blutblase, Ferkeltaxe, Rüttelplatte

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„Ein halbes Leben“ heißt ein Sammelband, in dem die Herausgeber in Form von Interviews und soziologischen Porträts eine Bestandsaufnahme der Menschen in der Arbeitswelt vornehmen.

Manfred Grundmann hat alles gefahren: Rangierlok, Triebwagen, E- und Diesellok. Seit ihrem 16. Lebensjahr sind er und seiner Frau Marion Bahner. Mehr als 30 Jahre lang haben sie in verschiedenen Funktionen an und mit den Schienen im thüringischen Oberberg gelebt. „Mein erster Arbeitstag“, erinnert sich Marion Grundmann, „war auf dem Stellwerk des Verschiebebahnhofs, Stellwerk 4 (…) Da habe ich 14 Tage unter Anleitung eines sehr betagten und sehr korrekten Eisenbahners verbracht. Der hat einen so richtig rangenommen, aber einem auch alles gezeigt.“

Die Arbeitsbiografie als gelebtes Leben. Marion Grundmann wollte eigentlich einen Beruf in der Pferdezucht ergreifen, aber die Eltern rieten ab. Heute ist auch ihre Tochter bei der Bahn, und Manfred Grundmann kann es sich nicht verkneifen, gleich das Wissen einer ganzen Bahner-Kultur an die zuhörende Interviewerin zu bringen. Ein LVD ist ein Triebwagen. „Auch Blutblase, Ferkeltaxe oder Sandmännchenexpress genannt, der hat viele Spitznamen. Eierfeile auch, oder etwas feiner Rüttelplatte.“

Die Interviewerin ist in diesem Fall die Schriftstellerin Annett Gröschner, die neben rund 40 anderen Autoren und Sozialwissenschaftlern biografische Zeugnisse aus einer Arbeitswelt im Umbruch zusammengetragen hat. „Ein halbes Leben“ heißt der Sammelband, in dem die Herausgeber Franz Schultheis, Berthold Vogel und Michael Gemperle in Form von Interviews und soziologischen Porträts eine Bestandsaufnahme der Menschen in der Arbeitswelt vornehmen. Was war und was ist, wird nüchtern bis wehmütig bilanziert, was kommen mag bisweilen ängstlich antizipiert. In vielen Branchen sind die Aussichten prekär. Ein Tunnelprojekt der Bahn könnte dazu führen, dass beide Grundmanns ihren Arbeitsplatz verlieren. Inzwischen haben sie ihren ganz persönlichen Tunnelblick: „Das Thema stand für uns nicht an, nach Ottenberg zu gehen. Wir haben uns gesagt, von so einer großen Stadt wie Kollberg aus werden immer Züge fahren. Dass es vielleicht nun so kommt, dass es DB Regio nicht mehr geben wird, wenn der Tunnel fertig ist, das hat ja damals noch keiner geahnt.“

Über Fachkräftevergeudung

Wie die strukturellen Veränderungen am Arbeitsplatz oder gleich in einer ganzen Branche in Biografien eingreifen, ist die stets wiederkehrende Frage in den Gesprächen mit Lehrern, einer Friseurin, aber auch einem Saisonarbeiter in der Weinlese. Ein Fachanwalt, eine Künstlerin, eine Grafikerin, ein Fotolitograph: Das Buch folgt keiner inneren Systematik, oft haben die Interviewer persönliche Bekanntschaften genutzt, um Einblicke in die Arbeitswelt zu vertiefen. Anstelle von Statistiken und Methodenmikado stand bei dem von verschiedenen Forschungseinrichtungen gefördertem Projekt das verstehende Gespräch im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Entstanden ist so ein hinreißendes Lesebuch, das Berufsmenschen zum Vorschein bringt, die trotz aller Distanz zur Arbeit, mit der sie sich ernähren, leidenschaftlich an dem hängen, was sie tun.

Klaus, Mittelschullehrer in der Schweiz, hat erst allmählich registriert, dass sein Ideal von ganzheitlicher Bildung nicht mehr gewollt ist. „Also zum Beispiel der Konvent (…), der ja eigentlich als Diskussionsforum und zum Teil, früher, auch als Entscheidungsforum der Lehrerschaft gegolten hat, der hat jetzt eine ganz andere Funktion. Jetzt ist es eine reine Mitteilungsfunktion. (…) Wo man die Meinung mehr oder weniger erheben kann. Aber es hat keine Konsequenz mehr.“

In nahezu allen Betrieben, das ist eine der Lehren aus den Gesprächen, sind die Arbeitsweisen hierarchisiert worden. Effizienzkriterien und Evaluationspraktiken haben in mitunter lächerlichem Ausmaß Einzug gehalten; sie werden von den Mitarbeitern schulterzuckend ausgeführt, aber kaum verstanden und akzeptiert. Oft registrieren die Mitarbeiter sehr genau, dass hier ein geliehenes Wissen aus Managerfortbildungsseminaren nach unten durchgereicht wird, ohne dass später je Rechenschaft über Funktionalität abgelegt würde. Das Wissen, der Widerspruchsgeist und die Fantasie der Beschäftigten bleiben unterdessen bestenfalls auf Standby geschaltet.

Man kann die Interviews so gesehen auch als ein verschmähtes Archiv der Arbeitswelt lesen, die sich über Umstrukturierungen im Dauerstand ihres eigenen Potenzials kaum mehr vergewissern kann. Die Diskussion über Fachkräftemangel, so impliziert diese Studie, müsste dringend durch eine Diskussion über Fachkräftevergeudung ergänzt werden.

„Ein halbes Leben“ empfiehlt sich aber ausdrücklich auch als Lesebuch. Auf 760 Seiten tritt eine dokumentarische Literarizität zutage, in der Fachsprachen, die Beschreibung von Arbeitsabläufen und die alltägliche Wahrnehmung derer, die sie ausführen, sich zu einer einzigartigen Materialsammlung verbinden. Die eingangs erwähnte Schriftstellerin Annett Gröschner darf hier übrigens als Pionierin des Genres hervorgehoben werden. In ihren Büchern „Kontrakt 903“ und „Verlorene Wege“ hatte sie anhand von Interviews den Aufbau, die Betriebszeit und das Verschwinden sowohl des Kernkraftwerks Rheinsberg als auch der Wismut Aue als Kultur- und Industriegeschichte der DDR rekonstruiert.

„Ein halbes Leben“ hat mit Hilfe einer Vielzahl von Mitarbeitern das einheimische Untersuchungsgebiet nun erheblich ausgeweitet. Das Ergebnis sollte zur Pflichtlektüre all derer erhoben werden, die in ihren Betrieben dazu befugt sind, über Arbeitsplätze und deren Organisation zu verfügen.

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