Blut im Schuh

Nachrichten aus der Kindheit: Katja Oskamps vielversprechendes Debut "Halbschwimmer"

Von JAN WAGNER

Kein Organ ist in allen Kulturen und zu allen Zeiten symbolisch so überhöht und bis hin zum Verspeisen rituell so verehrt worden wie das Herz, keines legt, vom Mut bis zur Liebe, so viele edle Bedeutungen nahe - selbst dann, wenn es sich um das einer Taube handelt: "Kam die Suppe auf den Tisch, fischte meine Oma darin herum, so lange, bis sie das kleine, feste Taubenherz mit dem Löffel zu fassen bekam. Sie legte es mir auf den Teller. Das Herz durfte ich essen. Ich hob es auf bis zuletzt, und meine Großeltern schauten andächtig zu, wie ich es zerkaute".

Vordergründig spielt sich in dieser Szene nichts weiter ab als das traute Abendessen eines Mädchens namens Tanja und seiner Großeltern - und doch ist es fast unmöglich, das Taubenherz nicht symbolisch und den Augenblick des Verzehrs nicht als eine Initiation zu lesen. Trotzdem wirkt die Symbolik nicht aufdringlich oder gar plakativ. Zu sparsam akzentuiert ist die Prosa, die sich ihrer bedient und mit einer Reihe weiterer suggestiver Elemente - die Brieftauben des Großvaters, ihr Flug und ihre rätselhafte Heimkehr - eine ganze Kindheit und zugleich den unvermeidlichen Abschied von ihr evoziert. "Ruckedigu", so der Titel, dessen Anspielung auf Märchenmotive später durch das "Blut im Schuh" des Großvaters ergänzt und verstärkt wird, ist ein eindringlicher Text über Geborgenheit und Verlust und das längste der neun Prosastücke im erzählerischen Debüt von Katja Oskamp, die in Leipzig geboren wurde, am dortigen Literaturinstitut studierte und heute in Berlin lebt.

Die Gattungsbezeichnung "Roman" wurde bei Halbschwimmer zu Recht vermieden, wenn auch in der Summe ein ganzheitliches Bild entstehen und eine Entwicklung deutlich werden mag. Die einzelnen Teile aber sind weniger auf eine Handlung hin gearbeitet als dass sie eine Atmosphäre einzufangen, einen Zustand wiederzugeben versuchen. Oskamps singuläre Szenen werden wie die Bilder eines Fotoalbums aufgeschlagen, wobei die Protagonistin in deren Zentrum stets dieselbe bleibt; in ihrer Kindheit und Jugend in der DDR und in ihrem späterem Leben im Berlin der Nachwendezeit lässt sich blättern: So sieht man Tanja zusammen mit dem großporigen Nachbarn Rolf, der zugleich der Namenspate ihres Hamsters ist; man begleitet Tanja und ihre Eltern, den unterkühlten, hochrangigen NVA-Offizier und die heimlich rauchende Schuldirektorin, beim Ostseeurlaub, erlebt den Lehrer für Wehrerziehung Herrn Oschlies und wird Zeuge von Tanjas erster großer Liebe zum deutlich älteren Schauspieler und Gegenvater Karl, der ihr "spät und heftig die Kinderstube nachgeliefert" hat. Sein Begräbnis, mit dem Desillusionierung und Abschied von Kindheit und Elternhaus einhergehen, bildet schließlich den Epilog zu Halbschwimmer.

So subjektiv die Szenen geschildert sind, so deutlich bleibt doch stets der geschichtliche und gesellschaftliche Rahmen: Nicht nur eine Adoleszenz, eine ganze Ära des Niedergangs und des Neuanfangs wird besichtigt. Einer der wenigen Einwände gegen diese Erinnerungsprosa rührt von dem Eindruck her, dass gewisse DDR-Markennamen allzu gewollt und überdeutlich als Reizwörter in die Prosa eingestreut werden, dass mit ihnen weniger die Atmosphäre einer vergangenen Alltagskultur heraufbeschworen als bei kundigen Lesern mit ähnlicher Sozialisation um Wiedererkennen geworben wird: "Ich ging zur Schrankwand und suchte die Roger-Whittaker-Platte. Ich fand sie. Der Geruch von Duett und Undine Grüner Apfel stieg mir in die Nase", heißt es, oder später: "Mitten in der Woche entfaltete sich ein harmonischer Familiennachmittag, getaucht in den zarten Nebel von Duett und Undine Grüner Apfel." Oskamps Prosa hat solch ostalgisches namedropping eigentlich nicht nötig, und tatsächlich verblasst es neben den Vorzügen dieser Texte, neben dem Gespür der Autorin für das entscheidende Detail, das eine Situation von einem Satz auf den nächsten kippen lässt und die Erzählrichtung verändert: "Und obwohl mir die Tränen den Blick verschleierten, sah ich plötzlich, dass die roten Wangen, die mir so gefielen, gar keine roten Wangen waren. Es waren Hunderte dunkelroter geplatzter Äderchen, die ihr Gesicht zu beiden Seiten wie ein Netz überzogen; eine hysterische Krakelei bedeckte Frau Gawiols Gesicht, eine raffinierte Kriegsbemalung, die den Feind aus der Ferne mit leuchtendem Rot täuschte, ihn anlockte, um ihn von Nahem das Fürchten zu lehren."

Es gibt viele solcher Beobachtungen - zum Teil so treffend und demaskierend, dass man Häme unterstellen möchte -, es gibt eine ganze Reihe geschliffener Sentenzen wie jene, die Identität "als die gemeinsame Reanimation eines Haarschnitts von vorgestern" definiert. Oft genug schließlich bündeln sich Katja Oskamps erzählerische Qualitäten zu Passagen und ganzen Texten, die im Gedächtnis haften bleiben. Dazu gehört die bissige Schilderung eines Konzertabends, die zugleich die zunehmend sektbefeuerte Analyse einer Ehe ist - vor allem aber jene wunderbare und völlig zu Recht im Zentrum des Bandes stehende Prosa über Kindheit, Heimat, Geborgenheit und Abschied, über das Mädchen Tanja, ihre Großmutter und ihren Großvater, der "seine Tauben freigelassen hatte, damit sie schöne, unsichtbare Formen in die Luft malten".

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion