Blut abzapfen fürs Sparbuch

Ein Exzentriker in Israel: Yitzhak Laors Roman "Steine, Gitter, Stimmen" ist auf brillante Weise inkommensurabel

Von GUNHILD KÜBLER

Efraim will weg vom Militär, weiß aber nicht wie. Denn immer, wenn er raus will, lässt man ihn die Dienstgradleiter hochfallen. Schon ist er Oberst. Zudem malträtiert man sein Gewissen mit der Vorstellung, nachts weinten seine Vorfahren, wenn er jetzt seiner vaterländischen Pflicht nicht nachkäme. In seinem Ärger fällt er einen Vorgesetzten an und belästigt ihn mit einem langen Zungenkuss samt unsittlichem Gekraule. Später lässt er sich zur Frau umbauen. Was ihn jedoch nicht retten wird vor der Armee, denn Efraim ist Israeli.

Als seine Einheit wieder ausrückt, um "irgendeinen Schiitenscheich zu entführen für einen Offizier, der für einen Sunnitenscheich entführt worden war, der für einen Piloten entführt worden war usw." wird Efraim von den eigenen Kameraden auf seine sexuelle Echtheit hin befingert, vergewaltigt und getötet. Seine Geschlechtsumwandlung, heißt es intern, habe die Moral der Truppe sinken lassen. Große Traueranzeige des Generalstabschefs.

Das ist eine - und bei weitem nicht die schrillste - der unzähligen Geschichten, die der 1948 geborene israelische Romancier, Lyriker, und Essayist Yitzhak Laor in seinem umfangreichen Roman Steine, Gitter, Stimmen (Hebräisch 1998) erzählt. Laor, der als einer der sprachgewaltigsten und einfallsreichsten Dichter gilt, die Israel je gegen sich aufgebracht hat, wurde 1972 verhaftet, als er sich weigerte, in den besetzten Gebieten Militärdienst zu tun. Manche halten seine Lyrik für unübersetzbar, und ähnliches galt bisher auch für seine überlangen Prosasätze. Doch hat Markus Lemke gerade glanzvoll das Gegenteil bewiesen: seiner soeben vorgelegten deutschen Version von Laors zweitem Roman kann man sich anvertrauen.

Im Höllentempo werden hier jede Menge grotesker, bitterböser, brutaler, lachhafter Episoden ritsch-ratsch an- und heruntergerissen. Verbunden ist dieses Erzählmaterial durch zwei männliche Hauptfiguren namens Jizchak und Ismail, und es kann nicht schaden, wenn einem dazu die beiden Söhne Abrahams einfallen. Der Patriarch hat einst Ismail mitsamt seiner Mutter Hagar in die Wüste geschickt, um seinen jüngeren Sohn Isaac zu privilegieren. Ein paar böse biblische Geschichten dieser Art führt der Roman im Unterfutter mit als Beispiele für das "hässliche, den Juden hinterlassene Erbe". Denn schmerzhaft auf den Zahn gefühlt wird in diesem ungeheuerlichen Buch nicht bloß dem heutigen "Projekt Israel", sondern punktuell auch dem ungleich älteren "Projekt Judesein", und das in einer Art, dass auch einem Goj davon der Kopf schwindelt.

Jizchak ist ein hochrangiger Offizier des israelischen Geheimdiensts und Ismail sein arabischer Informant, der für einen Terror-Anschlag verantwortlich sein soll und nun von Jizchak gejagt wird. Aber jagt der ihn denn? Deckt er ihn nicht eher? Und sind sie nicht miteinander verwandt, am Ende sogar Brüder?

Man wird es nicht erfahren und zum Schluss sind beide fort. Als israelischer Rattenfänger lockt Jitzchack wundersam pfeifend die Schuljugend seines Dorfes von einer paramilitärischen Übung weg in eine archaische Flusslandschaft, geht über den Jordan und scheint später einen Zug palästinensischer Kinder anzuführen, die in ihr zerstörtes Heimatdorf zurückkehren wollen. Was nach der Logik des Romans den Libanonkrieg auslöst. Ismail hingegen kommt als Terrorist hinter Gitter, wo er sich mit Muskeltraining und Lektüre der revolutionären Klassiker fortan aufrecht hält.

Was die beiden hinter sich gelassen haben, ist ein als politisches und gesellschaftliches Projekt auf den Hund gekommenes Land. Da lässt Laor keinen Zweifel an seiner Einschätzung der katastrophischen israelischen Realität. Martialisch dröhnt gleich zu Beginn des Buchs die turmhohe Panzerkolonne, die am 6. Juni 1982 vom Tel Aviver Strand in den Libanonkrieg aufbricht. Keiner weiß, weswegen und wohin. In Panik überlegen Mütter, wie sie ihre Söhne aus dem Land schaffen könnten, während an der Uni ein paar Protestler noch eine "knallharte" Anti-Kriegs-Petition ausdiskutieren wollen und aus Angst vor Verhaftungen die arabischen Putzfrauen davonlaufen.

Väter suchen ihre verschwundenen Kinder und Mütter ihre Ehemänner. Und schon tritt das erste einer ganzen Reihe von hasserfüllten Liebespaaren auf, die auf jeden Kontext von Sympathie und Vertrauen pfeifen. Sie sind froh, "die wenigen Augenblicke zu isolieren, die in der Gegenwart etwas wert sind". Wobei der männliche Teil - meist Jizchak - sein Hauptvergnügen darin sieht, die Partnerin zu quetschen und zu quälen, bis sie sich krümmt vor Schmerz. Ein klarer Fall von Sadismus. Aber nicht bloß im schreienden Elend ihrer Privatbeziehungen wird diese Gesellschaft vorgeführt. Auch in vielen anderen Bereichen triumphiert nahezu widerstandslos die Gewalt.

Sexuelle Übergriffe auf eine Soldatin wischt deren Vorgesetzter zynisch unter den Teppich. Und auf dem Polizeirevier gelten alle Araber, sogar kleine Kinder, sofort als schuldig. Eine Nacht lang überkreuzen sich hier in allen Tonlagen die Stimmen von Gefangenen. Bis dann - Komödie im Morgengrauen - jüdische und arabische Gefangene auseinander sortiert werden sollen, was nur mittels läppischer Unterscheidungsmerkmale gelingt. Denn sie ähneln sich ja viel zu sehr.

Hineingeleuchtet wird in eine jüdische Schule, wo sich die Kinder, ermuntert von ihrer tränenseligen Lehrerin, im Keller des Schulhauses in einer "langen und stillen Schlange" anstellen, um sich das Blut aus den Adern ziehen zu lassen. Abgezapft wird es ihnen im Namen eines verwundeten älteren Mitschülers. Doch soll es in Wirklichkeit den von den Generalen schon vorausberechneten Kriegsopfern dienen. Wer weiß, vielleicht spenden die Kinder sogar für sich selbst "wie bei einem Sparbuch" , schnieft ihre Lehrerin.

Viele Seiten später stirbt auf der Straße eines Flüchtlingslagers in Gaza eine Mutter von drei Kindern. Es ist Ismails vielfach gefolterte Frau. Und plötzlich läuft die Zeit rückwärts. Wir befinden uns im stillen Zentrum des tobenden Sturms. Strahlend blau bricht ein Frühlingsmorgen an. Es ist einer vom Vorjahr. In allen Farben blüht beim Lager die Müllhalde, auf der Ismails drei Kinder friedlich spielen. Und noch bevor der israelische Militärjeep hereinrollt und im Steinehagel stecken bleibt, geht wie eine blaue Märchenblume eine singuläre Lebens- und Liebesgeschichte auf: Die vom alten Abu Lughod, der sich sein Leben lang nach ein- und derselben Frau verzehrt.

Vor seinem Fernsehapparat versammeln sich später ein paar Kinder, um das Spiel von Maccabi Tel Aviv gegen Russland anzuschauen. Und was haben die kleinen Araber für Träume? "Wenn ich groß bin", sagt der achtjährige Sohn Ismails, "werde ich in Jaffa wohnen und eine Jüdin heiraten". Hier ist die Utopie der Versöhnung - die lange im öffentlichen Diskurs Israels tabuisierte binationale Struktur - ein Wunschbild arabischer Kinder. - "Ich bin nicht Jude, ich bin ein Mensch", wird es im Gegenzug zweihundert Seiten später heißen.

Schwer verwirrt folgt man beim Lesen den hier aufeinandergetürmen Geschichten und auch ein ironischer Autorenkommentar wie dieser hilft einem nicht weiter: "Das Zickzack ist kein Trick des Erzählers. Unser Leben ist gewunden wie ein Gehirn oder ein Darm. Es lässt sich nicht wirklich ausbreiten". Aufgehoben ist in diesem Buch nicht nur die Chronologie, sondern auch die Identität der Figuren - viele tragen gleiche Namen. So serviert Laor - verwirrend, aber wirkungsvoll - den israelischen Identitätsfetischismus ab. Diskontinuität, Auflösung, Umschlag ins negative Gegenteil - das sind seine Stichworte für die gegenwärtige israelische Lage. Es ist nur folgerichtig, dass er diese Konzepte ins Formale, auf seine Romankomposition überträgt.

Doch steckt darin auch ein Dilemma. Nicht bloß weil im hektischen Hin und Her allmählich der feste Punkt verloren geht, von dem aus die Kritik am beschädigten Leben überhaupt formuliert werden kann. Hinzukommt, dass ein derart die Romanform überbietendes Erzählgebilde die Wahrnehmungsmöglichkeiten auch noch der bestens trainierten Leserschaft überstrapaziert. Beim Lesen ermattend kommt man dann auf die Idee, hier führe ein hochbegabter Autor auf Teufel komm raus seine Extravaganz spazieren und verpulvere dabei - temperamentvoll und künstlerisch konsequent - ein Universum von Themen, für die allein er unter den zahlreichen Autoren Israels überhaupt ein Auge hat.

Wie erschließt man sich dieses radikale, verrückte und schockierende Buch? Am besten durch kreuz und quer gelegte Lesefährten. Mit Vorteil fängt man im fünften Kapitel an, das ins Auge des Sturms und in die Vorgeschichte des Libanonkrieges führt. Von dort kann man sich kapitelweise nach vorn arbeiten oder zum Ende leiten lassen von einer Reihe anrührender Episoden. Keinesfalls sollte man dort aussteigen, wo der Autor selber es einem nahelegt. Dann verpasste man den überraschend zärtlichen Schluss.

Yitzhak Laor: "Steine, Gitter, Stimmen." Roman. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Unionsverlag, Zürich 2003, 541 Seiten, 19,90 Euro.

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