Wo die Blumen sind

Hanna Kralls Erinnerungsprojekt

Von NICOLE HENNEBERG

Die Gedichte, die Franziszka Arnsztajn schrieb, waren zart und melancholisch. Sie hatte auch immer Angst, zu laut zu sprechen und las daher flüsternd: "Oh weh! Mein grüner / mein Palast in Trümmer / Zerschellt." Ihr Mann interessierte sich nicht sehr für Lyrik, war in Gedanken meist bei seinen Kranken und dem nächsten Vortrag in der medizinischen Gesellschaft. Doch eines Tages stand ein junger Mann vor ihrem Arbeitstisch, er kam aus dem Souterrain - die Arnsztajns, Besitzer des alten Hauses in der Lubliner Altstadt, dessen Geschichten Hanna Krall in ihrem neuen Buch erzählt, bewohnten die Beletage - und las Gedichte vor, die sie wie ein Blitz trafen: "Das ist über mich, sagte sie. Über mich, nur besser … Schöner als ich es selbst gekonnt hätte …"

Damit beginnt eine lebenslange Freundschaft zwischen ihr und dem jungen Dichter Jósef Czechowicz, der zwar Anfang der dreißiger Jahre als Lehrer in der Provinz versetzt wurde und sich dort mit Knaben und Dichtkunst tröstete, aber stets zurückkehrte, um seine neuen Gedichte vorzulesen. Franziszkas Mann, ein geschätzter und von den Armen geliebter Arzt, war inzwischen gestorben; doch in der großen, düsteren Wohnung blieb alles unverändert: tagaus, tagein saß die Dichterin an einem langen, gedrungenen Tisch mit einer Decke aus grünem Samt und einer Petroleumlampe (obwohl es im Haus längst elektrisches Licht gab). Auf der Straße und im ganzen Haus, das von assimilierten jüdischen Familien bewohnt wird, ist die Stimmung unruhig; Bedrohliches kündigt sich an und das von den beiden Dichtern verfasste Poem "Wechselrede" scheint dem entgegenzulauschen: "das eine ist es seit ewigkeiten / hunger verhängnis und du / das eine ist es seit ewigkeiten …"

Dann beginnt der Krieg und der normale Alltag zerbricht. Leute aus dem ganzen Land suchen Zuflucht - teils waren sie vor den Deutschen im Westen, teils vor den Russen im Osten geflohen. Es sind unzählige Namen, jedes Zimmer wurde mit mehreren Personen belegt - und Hanna Krall notiert nicht nur alle Namen, sondern auch die Gepäckstücke, die die Bewohner mitnehmen, als sie im zweiten Kriegsjahr ins Ghetto müssen. Die Autorin ruft nachdrücklich die Menschen hinter den abstrakten Zahlen des Holocaust auf, wie es auch die Brillen- und Schuhsammlungen in Auschwitz oder die Namenstafeln in der Gedenkstätte Yad Vashem tun. "Eine ausnehmend lange Linie" heißt Hanna Kralls neues Buch und sie erzählt darin in der ihr eigenen, fragmentarischen Art unglaubliche Geschichten; zusammen mit anderen Reportage- und Erzählungsbänden bilden sie ein Panorama des vergessenen, verdrängten und nach dem Krieg erneut geschmähten jüdischen Lebens in Polen.

Seit dreißig Jahren sammelt die 1935 in einer polnisch-jüdischen Familie in Warschau geborene Autorin h Details der Verfolgung und alle Bruchstück jüdischer Biographien, deren sie habhaft werden kann und spürt den verborgenen Geschichten nach. So wie der Überlebensgeschichte der Familie G., die 1939 in die Wohnung der Arnsztajns einzog (Franziszka war nach Warschau übergesiedelt) und den Widerstand mitorganisierte. Der Vater und drei Söhne überlebten im Gefängnis nur, weil der Kommandant sie als Pferdekenner und -Pfleger brauchte. Als das Ghetto geräumt wurde, mussten sie seine Pferde als Kutscher begleiten, damit die Tiere nicht überanstrengt würden: Sie versuchten, in Federbetten versteckte Säuglinge aus den Häusern zu schmuggeln, doch fast alle erstickten. Der jüngste Sohn der Familie überlebte und ging als Tierarzt nach Marokko; kehrte aber, trotz bester Chancen, bald zurück: er konnte dort mit niemandem über das Ghetto sprechen.

Wo die historischen Fakten bruchstückhaft sind, spielt die Erzählerin mehrere Möglichkeiten durch, so wie im Fall des Todes von Franziszka Arnsztajn. In Warschau hatten Freunde ihr angeboten, sie zu verstecken, doch sie lehnte ab und ging mit den Anderen ins Ghetto. Im letzten Kriegsjahr erkrankte sie an Typhus und wurde möglicherweise erschossen, als die SS die Spitäler des Ghettos räumte. Die Dichterin hatte sich vorgenommen, stehend zu sterben und den Befehl zum Schießen selbst zu geben. Ob ihr das gelang, wissen wir nicht. Im Ghetto, so erzählte man der Enkelin später, habe ihre Großmama stets ein langes, festliches schwarzes Kleid getragen und ihr Hörrohr, Dantes Göttliche Komödie und ihre eigenen Gedichten in einer abgenutzten Ledertasche bei sich getragen.

"Die Abwesenheit verlangt eine besonders ausgefallene Form", hat Hanna Krall einmal erklärt und dafür ihre spezielle Form der Montage entwickelt, die mit Auslassungen und bewusst gesetzten Leerstellen arbeitet und im Lauf der Jahre immer virtuoser geworden ist. Als eine Zeitzeugin sich einmal über ihren kargen Stil beschwerte, wehrte sich Hanna Krall mit der Antwort: "Je größer die Verzweiflung, desto weniger Sätze braucht es."

Hanna Krall: "Eine ausnehmend lange Linie". Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 2005. 134 S., 17,00 Euro.

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