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José Saramago wurde 87 Jahre alt.

José Saramago Tagebuch

Bloß die Wahrheit

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Wer sagt dem Sprichwort zufolge noch mal die Wahrheit? Kinder & Narren? Was ist mit den Greisen? Der große Portugiese José Saramago leistet sich in seinen Notizen vom September 2008 bis März 2009, die als Blog erschienen, den Luxus, unverblümt Politik und Politiker zu kommentieren – ohne Rücksichten.

Wer sagt dem Sprichwort zufolge noch mal die Wahrheit? Kinder & Narren? Was ist mit den Greisen? Wer fast neun Jahrzehnte Leben hinter sich hat und seinen Geist noch in Form weiß, der kann wohl kaum anders, als die Wahrheit zu sagen. Nicht selten rechnet ihn die Gesellschaft deshalb den Narren zu. Das fällt bei einem Nobelpreisträger schon schwerer, und deshalb hatte José Saramago zunächst Staub aufgewirbelt mit seinem letzten Tagebuch. Der große Portugiese leistet sich in seinen Notizen vom September 2008 bis März 2009, die als Blog erschienen, den Luxus, unverblümt Politik und Politiker zu kommentieren – ohne Rücksichten.

So schildert er den US-Präsidenten George Bush als Lügner, der „mit seinem Mittelmaß an Intelligenz, seiner wirren Ausdrucksweise, ständig der unwiderstehlichen Versuchung erlegen“ sei, „Blödsinn zu reden“. Noch schärfer geht er mit Italiens Premier Berlusconi ins Gericht, der „erwiesenermaßen ein Verbrecher ist“. So viel Schärfe im Urteil stieß natürlich auf Unverständnis und Protest bei denen, die sich damit eingerichtet hatten, Gestalten wie den Cowboy und den Cavaliere hinzunehmen.

Zur Plutokratie verkommen

Saramago musste es nicht kümmern. Er verbrachte die letzten Jahre auf Lanzarote, einer Insel auf einem Vulkan, dessen Feuer direkt unter der Oberfläche brodelt und die Menschen spüren lässt, wie dünn die Schicht ist, auf der sie leben – wenn man so will, ein Gegenbild zur Kruste der Verdrängungen, auf denen der politische Alltag basiert. Saramagos Anliegen ist deutlich: Er misst die existierende Demokratie an ihrem einst formulierten Ansprüchen und sieht, dass sie oft zur Plutokratie verkommen ist. Bestes – schlimmstes – Beispiel dafür ist ihm die Krise der Banken, die er als von der US-Regierung geduldetes „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ geißelt.

Der Schriftsteller hat in seinen Büchern die Gegenwart gern durch Erzählungen aus der Geschichte gespiegelt (zuletzt „Die Reise des Elefanten“), und er nimmt sich hier die Freiheit, über Gott und die Welt zu sprechen. Das gilt nicht nur für seine politischen Kommentare (bei denen er, Mitglied der Kommunistischen Partei, auch die Linke nicht schont). Der 86-Jährige erweist sich als scharfer Beobachter der Weltläufte, ob es um die Katholische Kirche oder den Müll im Fernsehen geht; er nennt den italienischen Autor und Mafia-Bekämpfer Roberto Saviano einen „Meister des Lebens“, lobt den spanischen Richter Balthasar Garzón, der die Bewegung zur Rehabilitierung der republikanischen Opfer des Bürgerkriegs entfacht hatte. Bisweilen gilt ihm auch nur eine einzige Wahrheit, etwa die der Palästinenser, nicht aber die der Israelis.

Aber es wäre mit der Offenheit dieses Tagebuchs nicht so weit her, sparte Saramago sich selbst aus. Er prangert eigene Fehler an, spricht von seiner Gesundheit und erweist sich auch beim Blick in den Spiegel als schonungslos: „Die Frage, auf die es keine Antwort gibt, lautet: ,Was bin ich?‘ Nicht ,wer‘, sondern ,was‘. Wer sich diese Frage stellt, wird sich mit einem leeren Blatt konfrontiert sehen, und das Schlimmste ist, dass er nicht in der Lage sein wird, auch nur ein einziges Wort daraufzuschreiben.“ Und so ist es nicht überraschend, dass diese Aufzeichnungen mit dem Satz enden: „Erbarmungslos, sei es denn nötig“.

José Saramago: Das Tagebuch. A. d. Port. von M. Gareis und K. von Schweder-Schreiner. Hoffmann und Campe, Hamburg 2010, 205 S., 16 Euro.

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