Rolf Hochhuth

Bloß nicht den Tod anlocken

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Nichts ist schlimmer als eine große Koalition und der allgemeine Verfall der Kunst: Rolf Hochhuth legt ein schön widerspenstiges Büchlein mit Notizen und Aphorismen vor.

Rolf Hochhuths Aphorismen- und Notiz-Band „Eiffelturm Titanic Mondlandung Mindestrente“ eignet sich interessanterweise nicht so sehr zum bloßen Herumblättern (obwohl das selbstverständlich statthaft ist). Es will durchgelesen werden und zwar am besten der Reihenfolge nach. Wiederholungen und Variationen bekommen dann etwas Rhythmisches und Insistierendes – „Jeder ist anders albern“, „Jede Epoche ist anders idiotisch“ –, und Widerworte gegen den Autor selbst entfalten ihren Charme.

„Verbittern macht Texte schlechter“, kann Hochhuth nämlich notieren und eine Seite später lamentieren, dass im Zusammenhang mit dem Tod von Johannes Heesters dessen Auftritt in seiner „Inselkomödie“ im Berliner Ensemble unerwähnt geblieben sei. „Hochhuth ist für deutsches Fernsehen nicht standesgemäß – wie immer in meinen jetzt 5 Berufsjahrzehnten.“ Auch wenn hier und an anderen Stellen der berechtigte Stolz des denkenden Einzelgängers mitschwingt, so ist doch der berechtigte Stolz des denkenden Einzelgängers vom Verbittern nicht in jedem Moment zu unterscheiden.

Wichtig am Durchlesen ist in diesem Falle auch, dass man allen Ernstes nichts verpassen sollte. Leserin und Leser sind eingeladen, sich zu ärgern, sich zu amüsieren, gelegentlich zu erblassen oder zu erröten. Es gibt Konstanten, inspirierende und weniger inspirierende, und Überraschungen gibt es auch. Zu den Konstanten gehört die Klage, dass die Jahrtausendwende keine großen Kunstwerke mehr hervorgebracht habe. „Lese 2011/12 in Kesslers Tagebuch – erschrecke beim Vergleich, wie Großes vor 100 Jahren an Kunst entstand, wie nun Nichtiges heute. Genau wie von Spengler vorausgesehen.“ Kessler ist der berühmte Tagebuchschreiber Harry Graf Kessler, Spengler ist der berühmte „Untergang des Abendlandes“-Autor Oswald Spengler, Lieblingslektüre unserer Großväter und ein provozierender Gewährsmann nach Hochhuths Geschmack.

Trotzdem wäre es fabelhaft zu erleben, wie Hochhuth, der sich als scharfer und gewiss nicht stromlinienförmiger Beobachter seiner Zeit zeigt, selbst nach Gegenargumenten suchen würde. Auch ist Hochhuth zwar davon entfernt, den schlimmsten Satz zu sagen, den das Alter für uns bereithält: Früher war alles besser. Aber gerne hätte man ihn manchmal noch weiter weg davon. Hochhuth hat natürlich noch nie getan, was andere wollten.

Zu den Konstanten gehört stattdessen die Klage, dass Demokraten keine schönen Städte bauen können, und schlimmer als das „Parlamentsgequatsche“ insgesamt ist für Hochhuth nur der „Absprache-Quatsch“ einer großen Koalition. Manchmal halten die Regierungssysteme Großbritanniens und der USA als Vorbilder her – große Koalitionen nur während eines Krieges, zum Beispiel –, in diesen Tagen hat das einen zusätzlich originellen Zug. Ein bisschen wie die Stelle, an der Hochhuth betont, dass von Telefonaten anders als von Briefen keine Spur zurückbleibe.

Die Alternative jedenfalls: „Revolution – nicht garantiert, dass eine Neues bringt – doch kommt Neues garantiert nur durch eine Revolution. Evolutionen bleiben flach, weil emotionslos wie alle Jahre Modernisierungen oder Gesetzesänderungen im Parlament.“

Zu den Konstanten gehören Wilhelm II., Adenauer, Churchill, Wernher von Braun („das letzte Genie der Deutschen?“). „Medien-Knechte“ bekommen ihr Fett weg, auch die „Theaterbonzen“, überhaupt die ganzen „Interpreten“. Aber auch Goethe, wenn er sich zu dem Satz versteigt: „Die Geschichte des Menschen ist sein Charakter“, und Hochhuth sich fragt, was etwa der auch zu Dichters Zeiten millionenfache Schlachtfeld-Tod mit dem Charakter des einzelnen (meistenteils unfreiwilligen) Soldaten zu tun haben soll. Hochhuth findet zu der geschliffenen Wendung: „Urteile zur Geschichte, werden sie aus persönlichem Verschontsein vor ihr gefällt, sind wertlos.“

Von Übel schließlich der Raubtierkapitalismus: „Nie hat er sich, der in der BRD längst schrankenlos ausartet – in meiner Jugend undenkbar –, so ehrlich und schäbig geoutet. Er ist verbrennungsreif! Doch keine Illusion. Da helfen keine parlamentarischen Korrekturen, sondern nur noch Mord und Totschlag.“ Diese Passage gewinnt, wenn man weiß, dass Hochhuth einen Wutanfall über die Ausbeutung von Toilettenfrauen hat.

Die schönsten Momente betreffen aber womöglich doch das Alter. Es ist Kluges darunter: „Was man hat, entbehrt man, kann gar nicht seinen Wert sehen, so in der Jugend. Susanne und die Alten – eines der meistgemalten Bibel-Motive war stets das verächtlich Mediokre in der Kunst: Die Häme von Ahnungslosen, denen unvorstellbar, dass ihnen selbst zustoßen könnte selbst einmal 75 zu werden und deshalb einer Schönen hörig.“ Es ist Deutliches darunter: „Todesanzeige für den Mann, wenn er nicht mehr ficken kann; nicht erst, wenn er beerdigt wird.“ Es ist Komisches darunter: „80: Merke im Lokal, Brille vergessen. Renne heim – merke, im Lokal Schlüssel vergessen.“

Auch gibt Hochhuth, im April 86 Jahre alt geworden, gute Ratschläge: „Resignation das letzte Wort. Schreib an einem Buch – dann lebst Du länger; oder mach sonst was! Nur mach nicht nichts, das lockt den Tod an.“ Dass er sich selbst daran hält, beschert uns dieses wohlgestaltete Buch. Auf der letzten Seite ist ein Heinrich-Zille-Blatt erotischer Natur abgedruckt. Hochhuth macht uns ein kleines Geschenk und lässt sich noch einmal kurz und nicht zu tief in die Seele schauen.

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