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Die kleine Bliss mit ihrem Vater, fotografiert von ihrer Mutter.

Bloß keine Geister auf dem Dachboden

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Von einem, der nicht als Schwarzer leben wollte: Bliss Broyards berührendes Buch über ihren Vater Anatole.

Wenn nicht auf den ersten und auch nicht auf den zweiten Blick erkennbar ist, ob ein Mensch, zum Beispiel, Afro-Amerikaner ist, sollte trotzdem seine Herkunft in seinem Leben eine Rolle spielen? Anatole Broyard, Autor und Literaturkritiker, fand, dass dies eine individuelle Entscheidung ist und niemanden etwas angeht. Dass nicht alle seine Vorfahren weiß waren, das hat er keineswegs konsequent verschwiegen, viele seiner Freunde und Bekannten wussten es. Doch er machte es nicht zum Thema und seine Kinder Todd (schwedenblond) und Bliss erfuhren es nie von ihm, sondern kurz vor seinem Tod von ihrer Mutter. Vielleicht, so versucht Bliss eine Rechtfertigung zu finden für das Verhalten ihres Vaters, vielleicht wollte er, dass seine Kinder eine eindeutige Identität haben. Eindeutiger als er, dessen bitterste Erinnerung gewesen zu sein scheint: Dass ihn die dunkelhäutigeren Kinder schikanierten - und seine Eltern wegsahen.

Die Journalistin Bliss Broyard hat mit Herzensblut und Halsstarrigkeit das nachgeholt, dessen die Entscheidung ihres Vaters sie beraubt hatte: Die Verwandten aufgesucht, zu denen er den Kontakt abgebrochen hatte, weil sie als farbig erkennbar waren (nicht alle nahmen die verlorene Nichte, Kusine usw. enthusiastisch auf). Die Geschichte der Farbigen in New Orleans, der Heimat der Familie, gründlich recherchiert. Die noch lebenden Bekannten ihres Vaters interviewt. Und: tief in sich hineingehört, ob sie sich von nun an "schwarz" fühlt, ob sie - unbewusst - "schwarze" kulturelle Gewohnheiten hat. Tanzt sie nicht vielleicht anders als eine junge Weiße?

An diesen Fragen schon ist die Absurdität von Rassenschubladen zu erkennen - und deren Zeitgebundenheit. Wäre es Bliss Broyard im Jahr der Amtseinführung Barack Obamas noch genauso wichtig zu entscheiden, wo sie "dazu" gehört? Nimmt man eine dumm-verbohrte Rassenpolitik nicht ernster, als sie es verdient, wenn man aufgrund eines Achtels oder Zweiunddreißigstels "schwarzen" Blutes darüber nachdenkt, ob man sich ab sofort als farbig bezeichnen sollte? Wie fänden wir es, wenn jeder neue Bekannte alsbald sagte: Übrigens war meine Urgroßmutter väterlicherseits Polin?

Bliss Broyards Reaktion und das in Teilen fast herzzerreißend introspektive Buch "One Drop" (2007, auf Deutsch soll es als "Ein Tropfen" Ende Januar im Berlin-Verlag erscheinen), das sie nach langem Reisen, Recherchieren, Suchen, Nachdenken schrieb, zeigen vor allem eines: Farbig zu sein, wird immer noch anders wahrgenommen als das Bekenntnis zu einer polnischen, spanischen, isländischen Abstammung. Aus der Grube der verächtlichen Diskriminierung, die über Jahrhunderte tief und tiefer gegraben und mit deren Zuschüttung vor erschreckend kurzer Zeit erst begonnen wurde, klettert man nicht so schnell. Offenbar hatte Anatole Broyard keine Lust auf dieses hässliche Spiel. Und dank seines "weißen" Aussehens war er nicht gezwungen, es zu spielen.

Oh, wie sind wir tolerant

Man könnte aber auch meinen: Er war seiner Zeit voraus. Denn als der Yachtclub, in dem der angesehene Literaturkritiker Mitglied gewesen war, nach seinem Tod 1990 erfuhr, dass er seit Jahren einen Farbigen in seinen Reihen gehabt hatte - da beeilte man sich, das zum Beleg der eigenen Toleranz zu machen. Mittlerweile ist es vermutlich selbst im Süden der USA nur noch wenigen egal, ob man sie einen Rassisten nennt.

Bliss Broyards Buch erzählt von anderen Zeiten, ihre Familiengeschichte geht zurück bis vor den amerikanischen Bürgerkrieg. Damals gab es die "free blacks" - und die Sklaven. Den "freien Schwarzen" (in New Orleans überwiegend Kreolen) ging es ziemlich gut. Sie waren Mittelschicht, Ärzte, Apotheker, Handwerker, sie hatten Haus- und Grundbesitz, 1850 konnten 80 Prozent von ihnen lesen und schreiben, sie trafen sich zu Bällen, die berühmt waren für ihren Schick und Stil.

Der Bürgerkrieg kam. Und mit ihm in vielen Fällen nicht die von den Sklaven erhoffte Freiheit sowie Statusverbesserungen, sondern mehr Intoleranz: ein Backlash, der bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts reichte. Noch als Anatole Broyard - als Weißer - in den Zweiten Weltkrieg zog, waren Militärs und Öffentlichkeit der Meinung, dass Schwarze nicht die gleiche Führungskompetenz haben wie Weiße, man ohnehin diesen einen schwarzen Befehlsgeber nicht zumuten könne (ähnliche Argumente hörten und hören auch Frauen, aber das nur nebenbei).

Nachdem sie die länger zurückliegende Familiengeschichte erzählt hat, versucht Bliss Broyard über viele Seiten, doch noch - postum - in die Seele ihres Vaters zu blicken. Manches, was sie dort findet, ist einerseits hässlich, kommt andererseits in Familien diversester Herkunft vor: Seiner zukünftigen Frau schreibt Anatole Broyard, er wolle nicht, dass sie seine Mutter und Schwester kennenlernt, er wolle sie nicht haben als "Geister auf dem Dachboden". Der gutaussehende, immer auf Eleganz und Haltung achtende Mann ist ein eigentlich schon krankhafter Womanizer - das wird Bliss' Mutter nicht gerade geholfen haben, ihre Tabletten- und Alkoholabhängigkeit zu besiegen.

Aber Anatole Broyard äußert sich auch, je älter er wird, zunehmend verächtlich über (manche) Schwarze. Ihre Bücher rezensiert er strenger als die von weißen Autoren. Eine Antwort sucht Bliss Broyard in einem frühen Essay ihres Vaters, der eine Antwort ist auf einen Text Jean-Paul Sartres. "Portrait of the Inauthentic Negro" (1950) wirft den Schwarzen vor, Zuflucht zu nehmen zu verschiedenen Rollenklischees: Märtyrer, Sündenbock, Naturbursche unter anderem. Im Gegensatz zu Sartre sah Broyard keinerlei Gewinn darin, wenn der Angehörige einer Minderheit es annimmt, dass er wahrgenommen wird als ein Anderer. Schwarze könnten sich im Gegenteil "authentisieren", indem sie beweisen: Anders als Weiße sind sie nur rein äußerlich.

Ausgerechnet Anatole Broyards Tochter, der er alles Kopfzerbrechen darüber ersparen wollte, hat sich selbst aufs Schärfste dazu befragt.

Bliss Broyard: Ein Tropfen - Das verborgene Leben meines Vaters. Aus dem Engli. von Barbara Schaden. Berlin-Verlag 2009, 624 S., 24 Euro.

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