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Bloß kein Generve

  • VonChristian Schlüter
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Dietmar Dath hat's versucht: An wen aber richtet sich seine Streitschrift?

Gleich zu Beginn, bereits im ersten Satz seiner "Maschinenwinter" betitelten Streitschrift stellt uns Dietmar Dath eine "befreundete Biologin" vor. Sie ist Sozialistin, allerdings "keine von der sentimentalen Sorte, der die Armen leid tun und die es gut mit allen Menschen meint." Die sozialistische Biologin hält es vielmehr mit den Naturwissenschaften, ins Schwärmen gerät die ansonsten Nüchterne nur noch bei Darwin. Freiheit bedeutet für sie die Einsicht in das Unabänderliche evolutionärer Prozesse. Was die menschliche Gattung angeht, traut sie allein dem kühl wägenden Verstand zu, dass er sie erhalten kann. Kurzum, die strenge Dame will nicht in Utopien schwelgen, auch nicht moralisch urteilen, sondern nur das Schlimmste vermeiden.

Derart materialistisch belehrt, möchte nun auch Dath allein seinem Verstand folgen: Das politische, soziale und ökonomische Elend dieser Welt und die immer noch einträgliche Elendsgewinnlerei - das "alles ist nicht vernünftig und kann deshalb nicht funktionieren". Bevor der Autor aber richtig mit seiner Streitschrift loslegt, warnt er uns noch schnell vor sich selbst, weil ihm "hier eine Menge ärgerlicher Fehler" unterlaufen werden, schließlich treibe er nur als Einzelner ein wenig Gesellschaftskritik; richtig klug mache dagegen die politische Praxis, das gemeinsame Handeln also, für das sich allerdings erst noch eine "neue organisierte Form des Widerstands und der Überwindung" finden müsse - eine neue linke Partei wäre somit hilfreich.

Ok, genug der Vorbehalte, die strenge Biologin sollte uns die Flausen austreiben und Dath selber will nur mit beschränkter Haftung nachdenken; auch haben wir uns, was das politische Handeln angeht, noch etwas zu gedulden. Immerhin, so Dath etwas kokett, "ein bisschen Praxis, ziemlich zerstreut zwar und zerbrochen, habe ich mir in den letzten Jahrzehnten leisten können". Mit dieser Versicherung, glaubt der Leser, kann es endlich losgehen.

Nein, kann es nicht, denn jetzt muss die eingangs erwähnte Biologin noch in Schutz genommen werden vor den rechten Darwinisten, so der ehemalige FAZ-Redakteur, all jenen also, die uns heute in ihren biopolitischen Appellen die Familie und deren angeblich sozial-integrative Kraft als Lösung aller unser Probleme anpreisen.

Haben wir auch verstanden, nicht die Nobilitierung und Kompensation des grassierenden Sozialdumpings durch familiäre Bande, nicht irgendeine bürgerliche, aggressiv-regressive Scheinidylle, sondern Emanzipation gib uns die Richtung vor. So, jetzt aber kommt Dath endlich zur Sache: die titelgebenden Maschinen. "Bereinigt um die Produktionsverhältnisse," erfährt der dankbare Leser, "auf der Ebene der Produktivkräfte selbst, ist alles sehr einfach: Weniger lebendige Arbeit ist nötig, wo immer lebendige Arbeit im Laufe der Zeit Apparate schafft, welche die Arbeit erleichtern, wirkungsvoller machen, abkürzen. Das leuchtet den Dümmsten ein und könnte den Faulsten Verheißung sein. Aber es ist statt dessen eine Geißel für die aus der Erwerbsarbeit Gefallenen: Du bist überflüssig, wirst nur noch geduldet." Tja, stimmt eigentlich.

Ebenso wie die Einsicht, dass Neoliberalismus und sein gefräßiger Rationalisierungswahn mitsamt der ihn begleitenden Elendserlösungsversprechen bloßer Voodoozauber ist. Oder dass in Folge sozial- und rechtsstaatlicher Abstinenz vielerorts wieder feudale Verhältnisse herrschen. Dass also die Armen ärmer und die Reichen reicher werden. Dass ein neues Zeitalter der Kreuzzüge angebrochen ist, dass Geiz geiler als Geben, gar Schenken ist, dass uns jedwedes Klassenbewusstsein abhanden gekommen ist, dass allerdings - schon wieder ein Vorbehalt! - der Marxismus der Totengräber unserer (bürgerlichen) Freiheit war und - was sich Dath linkskonformistisch nicht zu sagen traut - ist, dass in der Klassengesellschaft die Freiheit des Individuums stets nur die Freiheit der Besitzenden ist…

Könnwa jetzt mal einen dicken Haken hintermachen. Und uns ansonsten die gestrenge Biologin herbeiwünschen, diese vielleicht etwas zu nüchterne, aber gewiss auch sehr nette und kluge Kunstfigur: Hör mal, Dietmar, jetzt muss du aber endlich auf den Punkt kommen; du streitest doch nicht nur gegen die Henkels und Westerwelles, meinethalben auch Schröders und Christiansens. Dass wir an dem Ast sägen, auf dem wir auch sitzen, kapieren die Weißwäscher des Raubtierkapitalismus ohnehin nicht mehr. Ich will ja gar nicht erst fragen, für was du streitest, aber du müsstest mir doch wenigstens sagen: für wen. Sonst wäre das Ganze keine Streitschrift, sondern nur ein von allerlei Vorlieben geprägtes Bekenntnis.

Recht hätte sie mit ihrer Frage, die kluge Frau. Nach seiner erkenntniskritischen Vorrede, deren Vorbehalte nur die Vakanz eines politischen Adressaten - der allerdings für eine Streitschrift wesentlich wäre - kunstvoll verschweigen, verharrt Dath bei fortschrittlich-aufgeklärten, aber längst handelsüblichen Plattitüden. Klar liegt er richtig, wenn er etwa auf den demokratietheoretisch bedeutsamen Widerspruch hinweist, dass Menschen zwar ihre Regierung wählen dürfen und damit alle Gewalt dem Staat überlassen (inklusive des Rechts, Kriege zu führen), auf der anderen Seite dieselben Menschen aber nicht "über ihre Fabrikordnung, Nahverkerkehrsinfrastruktur, Sozialversorgung et cetera direkt abstimmen sollten". Aber wen soll diese Einsicht erleuchten?

Zaghafte Antwort: "Wenn ich Glück habe, überfliegen den Text wenigstens die Ärztin, der Physiklehrer und die Journalistin." Immerhin, das wäre ein Anfang. Geradezu rührend macht sich Dath dann noch einige Gedanken über die Organisation des linken Widerstands - bloß kein endloses Gremiengenerve, stattdessen politische Aktionen und Agitationen vor Ort, die kadermäßige Bündelung der verstreuten Initiativen, von Kriegsgegnern über Aidsaktivisten bis zu Internetpartisanen, und schlussendlich die "Freistellung von Hauptamtlichen, wenn das Ganze keine Sisyphosarbeit sein soll". Und weil "das Ganze" von keiner religiösen Erlösungsfantasie befeuert wird, sondern die Überwindung des Kapitalismus eine politische Denknotwendigkeit zum Zwecke des Überlebens der Menschengattung ist, optiert Dath für einen aufgeklärten Sozialismus in linksdarwinistischer Perspektive.

Ach Dietmar, lässt Dath seine befreundete Biologin noch einmal zu Wort kommen, denknotwendig mag vielleicht gerade noch die Überwindung, nicht aber der Sozialismus sein, denn für den an sich selbst zu Grunde gehenden Kapitalismus kann man zwar, wie "für alles Sterbliche, das Nachkommen hat, bessere oder schlechtere, evolutionäre Gesetzmäßigkeiten angeben", doch ob die unbedingt sozialistisch sein werden und "wie man die wertet, diktiert kein Darwin". Wieder ein Vorbehalt, glücklich, wer eine solche Freundin hat. Eine weitere, politische Vernunft genannt, wäre auch nicht von Übel gewesen: Lieber Dietmar, ohne einen umfänglichen Begriff der Freiheit gerät das Projekt einer sich zu sich selbst befreienden Menschheit sets totalitär.

Dietmar Dath: Maschinenwinter: Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 130 S., 10 Euro.

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