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Blockaden im Bewusstsein der Zeit

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Weder idealistisch noch materialistisch: Hans Blumenbergs "Geistesgeschichte der Technik" - aus dem Nachlass. Von Rüdiger Zill

Von Rüdiger Zill

Es ist ein Echo aus einer anderen Zeit: der Welt der altmodischen Abendstudios der sechziger Jahre, als man den Rundfunkhörern noch lange philosophische Vorträge frei von O-Tönen und musikalischen Erholungspausen zumuten durfte. Das Echo ist die distinguierte, deutlich und langsam formulierende Stimme von Hans Blumenberg, flirrend vor leichtem Pathos, wie er zu dieser Zeit in öffentlichen Vorträgen durchaus üblich war, und zu hören auf einer CD, die der neuesten Veröffentlichung aus seinem Nachlass beigelegt ist. Eine durchaus angemessene Beigabe zu einem Band, der die "Geistesgeschichte der Technik" behandelt.

Dass Hans Blumenberg von Anfang an auch ein Technikphilosoph war, konnte wissen, wer sich die Mühe machte, seine frühen Aufsätze sorgfältig zu lesen. Die jetzt aus dem Nachlass veröffentlichten Texte thematisieren die Technik und ihre Geschichte ausdrücklich. Sie bestehen, sieht man ab von dem Aufsatz "Ordnungsschwund und Selbstbehauptung", der 1962 bereits von ihm selbst veröffentlicht worden ist, im Wesentlichen aus zwei Vorträgen aus den späten sechziger Jahren. Beide Texte verfolgen auf unterschiedliche Weise dieselbe Frage: Wie hat der Geist einer Zeit die Geschichte der Technik beeinflusst?

Blumenberg konturiert seine Konzeption gegen zwei andere Strömungen, grob gesagt, gegen eine idealistische und eine materialistische. Weder kann es bei solch einer Geistesgeschichte um einen Hegelianischen Geistesbegriff gehen, der eine immanente quasi geschichtsphilosophisch unabweichliche Entwicklung von Ideen meint - etwas, das Blumenberg mit einer für ihn äußerst typischen Wendung als "Absolutismus des Geistes" bezeichnet -, noch um geistige Reflexionen als bloßen Reflex auf anderweitig determinierte technische Entwicklungen. Weder geht es um bloße Sachlogik, also die Lösung von technischen Problemen, die dann wieder neue Probleme generieren, die ihrerseits rein immanent zu lösen wären. Das mag in gewisser Hinsicht heute der Fall sein, nicht aber zu Beginn der Neuzeit, als sich eine wissenschaftlich unterstützte Technik erst zu entwickeln begann. Noch kann es auch darum gehen, die geistigen Antworten auf neue Technologien als Überbau zu verstehen, der auf die Entwicklungen einer technischen und ökonomischen Basis nur ideologisch reagieren würde.

Worum es Blumenberg mit seiner Geistesgeschichte ging, war vielmehr, den Faktoren nachzuspüren, die bestimmte technische Entwicklungen historisch und gesellschaftlich möglich machten. Es geht also um geistige Dispositionen einer Zeit, die sich in chronologisch darstellbare Ereignisse wie eine klar datierbare Erfindung und die sie produzierenden Handlungen nicht auflösen lässt. Stattdessen hat Blumenberg mentale Zustände im Auge. Oft war eine Erfindung längst realisierbar; dass sie sich dennoch nicht durchsetzen konnte, lag an anderen Umständen, an bestimmten historischen Widerständen. Zu den Bedingungen des Fortschritts, schreibt Blumenberg daher, "gehört auch und vor allem die Durchbrechung bestimmter Blockaden im Bewußtsein der Zeit."

In einem Radiovortrag von 1966 macht Blumenberg das an drei Beispielen deutlich. Eines ist der Wandel des Begriffs "Idee". Dass Ideen nicht als etwas in der Natur schon Vorgegebenes, das man allenfalls durch Kopien zu realisieren hätte, verstanden werden, sondern als etwas, mit dem jemand etwas Neues, noch nie Dagewesenes hervorbringt, ist selbst eine Neuerung, die sich erst mit der beginnenden Neuzeit durchzusetzen beginnt. Eine singulär auftretende Frühform ist die Figur des Löffelschnitzers bei Cusanus, ein Beispiel, das Blumenberg auch sonst häufig benutzt hat. Der spätmittelalterliche Handwerker, der in diesem Zusammenhang auftritt, stellt fest, dass der Löffel, den er geschnitzt hat, völlig ohne Vorbild in der Natur sei und damit eine genuin menschliche Neuerung.

Ein weiteres Beispiel thematisiert das menschliche Verständnis von der Ordnung der Natur und seiner eigenen Stellung darin. Dieses Beispiel vertieft auch der einzige schon früher publizierte Aufsatz des Bandes "Ordnungsschwund und Selbstbehauptung". Die beiden zentralen Begriffe des Titels deuten dabei schon auf den fundamentalen Wandel mit Ausgang des Mittelalters hin. Fühlte sich der Mensch bis dahin im Mittelpunkt einer wohlgeordneten, auf ihn ausgerichteten Welt, entfiel nun diese Gewissheit und machte einem Willen zur Selbstbehauptung Platz, der sich in ganz anderem Maße als bisher auf technische Innovationen verließ.

Interessant ist, wie Blumenberg dieses Beispiel einführt. Denn das historische Interesse an der Technik, heißt es da, habe immer in Konkurrenz zum anthropologischen Aspekt seines Daseins gestanden. Der Mensch sei nun mal anthropologisch gesehen ein Mängelwesen, das zu seiner Selbstbehauptung der Technik bedürfe, lange Zeit habe er das aber weder so empfunden noch sei es auch zu signifikanten Veränderungen in seiner instrumentellen Bedürfnissicherung gekommen.

Indem Blumenberg hier nun den Gehlenschen Begriff des Mängelwesens einführt, wechselt er die Perspektive. Er springt aus der Sicht des Historikers heraus und nimmt die eines Metatheoretikers ein, denn dieses Verständnis des Menschen ist natürlich ein modernes, eine Denkfigur, die sich schon seit den frühen fünfziger Jahren in Blumenbergs Aufsätzen findet, aber erst in den siebziger Jahren zu einem beherrschenden Motiv seiner Überlegungen geworden ist.

In den Vorträgen zur Geistesgeschichte der Technik ist der historische Aspekt noch dominant. Und noch etwas ist hier außergewöhnlich. Karl Marx, ein Autor, den Blumenberg sonst weitgehend ignoriert, erhält hier einen relativ prominenten Platz. So bezieht sich Blumenberg zum Beispiel durchaus zustimmend auf das 13. Kapitel des "Kapital", in dem Marx darauf hinweist, dass bestimmte Erfindungen von dem gesellschaftlichen Stand der Produktionsverhältnisse abhängen, dass zum Beispiel die reale Zerlegung des handwerklichen Produktionsprozesses in der Manufaktur erst die Voraussetzungen für die technische Mechanisierung und die dazu nötigen Erfindungen schafft.

An dieser Stelle scheinen also für einen Moment nicht nur die aktuellen geistesgeschichtlichen Diskussionen aus der Entstehungszeit dieser Texte selbst auf, sondern auch die Arbeit an sozial- und kulturgeschichtlichen Optionen im weiteren Sinne, denen Blumenberg sich dann sehr bald zugunsten der anthropologischen Überlegungen eher verschließen sollte.

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