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Blinde und Sehbeeinträchtigte auf der Frankfurter Buchmesse

Buchmesse – Barrierefreie Führungen 

Hören, tasten, fühlen

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Lange Gänge, etliche Abzweigungen und Menschen en masse. Wie bewegt man sich auf der Frankfurter Buchmesse, wenn man kaum etwas oder gar nichts sieht? Ein Spaziergang.

Langsam geht Ursula Gremminger auf die riesige Spiegelwand zu. Fast berührt ihre Nase die schillernde Oberfläche. Sie hat sich bei ihrer Freundin und Begleiterin Barbara Gertkemper eingehakt, die nun die Hand von Ursula Gremminger nimmt und vorsichtig an die Wandoberfläche führt. Als sie mit der Fingerkuppe über das Material streicht, lässt es sich eindrücken und beginnt leicht zu beben. Die Frau mit den grauen, kurzen Locken lacht überrascht auf. „Das ist kein richtiger Spiegel, sondern eine Folie“, erklärt Anna Schüller. Sie führt die Gruppe blinder und sehbeeinträchtiger Menschen durch den norwegischen Pavillon, den Raum des Gastlands auf der Frankfurter Buchmesse.

Hier sind sich zwei Spiegelfolien direkt gegenüber, sie gehen über fünf Meter in die Höhe und zehn Meter in die Breite. Schaut man in eine von ihnen hinein, blickt man gleichzeitig in den Spiegel auf der anderen Seite des Raumes: Ein nie endender Gang tut sich auf – eine Art optische Illusion. Ursula Gremminger sieht das alles nicht. Sie ist von Geburt an stark seheingeschränkt, hat eine Sehkraft von zwei Prozent. Deswegen fahren ihre Fingerkuppen weiter forschend über die silbrige Oberfläche.

Die beiden Freundinnen Ursula Gremminger und Barbara Gertkemper waren im Mai diesen Jahres zusammen in Norwegen, deshalb interessiert sie der Ehrengastauftritt sehr. Als sie über einen Newsletter vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) mitbekamen, dass es in diesem Jahr auf der Buchmesse Führungen für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen gibt, haben sie sich sofort angemeldet. Gertkemper kann sehen, tastet aber ebenfalls über die Spiegelfolie und greift nach den Gegenständen, die ihre Freundin anfasst. Zum Beispiel ein Buch über norwegische Märchen, das auf einem der Tische liegt. Und dann unterhalten sie sich über die Haptik des Einbands oder den Inhalt.

Die Anzahl der in Braille übersetzten Bücher ist verschwindend gering 

„Ich lese viel lieber, als dass ich Hörbücher höre. Aber in der Blindenschrift Braille gibt es halt leider nicht so viele Bücher. Deswegen nutze ich auch die Hörbücher gerne, gerade diese Krimi-Geschichten höre ich viel“, sagt sie. In einer anderen Halle der Buchmesse, am Gemeinschaftsstand Sachsen, steht Gabi Schulze. Sie arbeitet bei der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und vertritt diese hier. „Es gibt tatsächlich nicht genügend Bücher in Braille”, erzählt sie und fährt fort: „Jährlich werden nur fünf Prozent der Bücher auf dem deutschen Buchmarkt in Braille übersetzt.” Ob es andere Stände auf der Buchmesse gibt, die auf blinde oder sehbeeinträchtigte Personen ausgerichtet sind, wisse sie nicht, bezweifelt es aber.

Die Problematik beginne damit, sagt Gabi Schulze, dass niemand wisse, wie viele Menschen in Deutschland blind oder sehbeeinträchtigt sind. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) nennt diese Tatsache ein Zahlen-Dilemma. Denn in Deutschland wird nur die Zahl der Menschen mit Behinderungen gezählt. Von 1990 bis 2002 hat sich laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den Ländern Dänemark, Finnland, Großbritannien, Irland, Island, Italien und den Niederlanden, wo Zählungen stattfinden, die Zahl der sehbehinderten Menschen um 80 Prozent gesteigert. Für Deutschland sind die Prognosen ähnlich, was auch an der alternden Gesellschaft liegen soll, verbunden mit einer steigenden Lebenserwartung. Der DBSV schreibt auf seiner Homepage, dass im Jahr 2002 nach Schätzungen circa 1,2 Millionen sehbehinderte und blinde Menschen in Deutschland lebten. Heute sind es wahrscheinlich noch mehr.

„Früher haben uns einige Verlage nicht erlaubt, ihre Bücher in Braille zu übersetzen“, sagt Gabi Schulze. Seit diesem Jahr geht das auch ohne deren Zustimmung, dank einer Urheberrechtsänderung. Dann erzählt sie davon, wie die DZB mit anderen Bibliotheken zusammenarbeitet und das bald hoffentlich auch verstärkt länderübergreifend, falls jemand in Deutschland etwa ein Buch auf Norwegisch ausleihen möchte.

Weil Hörbücher oft gekürzte Versionen eines Buches sind, hat die DZB ein Studio, in dem Bücher im Ganzen vorgelesen und als Hörbücher professionell eingesprochen werden. Mit einer App können sie dann heruntergeladen werden. Hörbücher seien wie auch bei sehenden Menschen sehr beliebt, aber trotz der Digitalisierung sei das Interesse an Büchern in Braille-Schrift nicht großartig zurückgegangen, sagt Schulze. Die DZB versuche, für jede Person das anzubieten, was er oder sie braucht, so übersetzen sie etwa auch Musiknoten. Am meisten gefragt sind Kinderbücher und Unterhaltungsliteratur – sowohl in Braille als auch bei Großdruckbüchern und Hörbüchern, erzählt Gabi Schulze. Dann zeigt sie auf Kinderbücher über den Grüffelo mit Fell zum Anfassen und Atlaskarten mit kleinen Erhebungen zum Erfühlen, sogenannte „Taktile Medien“, die hinter ihr an der Wand aufgereiht sind.

Bei der Führung werden alle Sinne eingesetzt

Zurück in der Halle des Gastlandes Norwegen geht die Gruppe von Tisch zu Tisch durch den Raum. Jeder von ihnen hat eine eigene Thematik, etwa Hörbuch oder Bibliothek. An manchen stoppen die Teilnehmer*innen, wie am Hobbytisch, bei dem es hauptsächlich ums Stricken geht. Die Sehbeinträchtigten ertasten dann die Größe und Höhe des Tisches, sowie die Oberfläche aus Aluminium.

Am sogenannten Geruchstisch können Besucher*innen an den unterschiedlichsten Düften Norwegens riechen. „Das ist mein Lieblingsduft“, sagt eine Frau am Tisch und hält eine kleine silberne Dose hoch. Es ist ein lieblicher, leichter Duft, der des 17. Mai, des Nationalfeiertags Norwegens. In der Gruppe wird viel eingeatmet, gelacht und gestaunt. Manchmal wird sich auch geschüttelt, wenn der Duft etwa „Tod der Großmutter“ heißt.

So riecht Norwegen. Am Geruchstisch versuchen Besucher*innen, Düfte zu erraten.

2018 wurde bereits eine Führung für seheingeschränkte Besucher*innen durch die Ehrengastpräsentation von Georgien angeboten. „Damals als eine Art Pilotprojekt“, sagt Cordula Meisig, die schon viele Jahre bei der Frankfurter Buchmesse arbeitet und seit ein paar Monaten für den Bereich „Abbau von Barrieren“ zuständig ist. Dieses Jahr haben sie und ihre Kolleg*innen versucht, mehr Werbung für das Projekt zu machen. Statt einer gibt es nun zwei Führungen durch den Raum des Gastlands, sowie eine Führung namens „Hören und Schmecken“ durch das Frankfurt Audio Areal und die Gourmet Gallery. Die Führungen sind kostenfrei. Außerdem kann ein Begleitservice gebucht werden, der sei aber kostenpflichtig.

Cordula Meisig und ihre Abteilung setzen sich seit 2017 mit dem Thema auseinander, mit der Absicht, die Buchmesse in Zukunft so zugänglich für alle wie möglich zu machen. „Uns ist klar, dass es noch ein langer Weg ist bis zur barrierefreien Buchmesse. Auf diesem Weg möchten wir jetzt Schritt für Schritt weitergehen.“

Diese Schritte geht Cordula Meisig heute auch vor Ort, als sie den Rundgang im Frankfurt Audio Areal und in der Gourmet Gallery selbst führt. Ursula Gremminger und ihre Begleiterin Barbara Gertkemper nehmen auch an dieser Führung teil. In der Messehalle herrscht emsiger Betrieb. Rechts und links des mit rotem Teppich ausgelegten Flures werden Live-Kochshows bejubelt oder in Fernsehinterviews lautstark diskutiert. Etliche Besucher*innen schieben sich an der kleinen Gruppe vorbei und alle gemeinsam fabrizieren sie einen gewaltigen Geräuschpegel. Selbst sehende Menschen suchen verzweifelt nach kleinen Ruheecken.

Ursula Gremminger stützt sich mit beiden Händen auf den roten Griff ihres Blindenstocks. Dass sie am Ende des Tages müde und etwas angestrengt sein wird, war ihr von Anfang an klar. Aber gelohnt habe es sich. Das Angebot könnte zukünftig auch gerne noch etwas mehr in die Tiefe gehen, findet sie. Zum Beispiel, dass die Veranstalter*innen auf Autor*innenlesungen aufmerksam machen. Dann geht sie mit ihrer Begleiterin noch beim Stand der DZB vorbei. „Wenn so etwas im nächsten Jahr wieder stattfindet, komme ich auf jeden Fall“, sagt sie und hakt sich bei ihrer Freundin ein. Langsam verschwinden sie im Tumult der Messe.

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

(Aktualisiert am 21.10.2019 um 17.00 Uhr)

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