+
Blendend informiert: „Rheinblick“-Autorin Brigitte Glaser. 

Literatur

Blick zurück ins Raumschiff

  • schließen

Brigitte  Glasers neuer Roman „Rheinblick“ lässt die alte Bundeshauptstadt Bonn wieder aufleben.

Auf Bonn fiel leichter Nieselregen“, und das gleich im ersten Satz. Wer sich aber vom Wetter an diesem Novembertag des Jahres 1972 nicht abschrecken lässt, kann sich mit diesem schönen Roman auf eine politische Zeitreise begeben. Alle Helden des Jahres sind da. Wer sie so gut kennt wie die Autorin, darf sie alle unter Klarnamen auftreten lassen. Wir begegnen dem empfindlichen, fast schüchternen Willy Brandt, dem poltrigen Horst Ehmke, seinem ehrgeizigen Kanzleramtschef, dem kühlen und strengen Strategen Egon Bahr. Die Sozialdemokraten sind so fasslich und präsent, als kämen sie gleich um die Ecke – außer Herbert Wehner, der nicht persönlich auftritt, vor dessen Donnergrollen man sich aber 47 Jahre später noch unwillkürlich wegduckt.

Ältere erkennen den Hintergrund leicht wieder: Nach einem glücklich überstandenen Misstrauensvotum hat der Kanzler im Bundestag die Vertrauensfrage gestellt. Bei der Neuwahl im November ist die SPD zum ersten Mal nach dem Krieg stärkste Partei. Brandt, der Vater der Ostverträge, steht im Zenit seines Ruhms, wie die Zeithistoriker später schreiben werden. Vorerst allerdings liegt der Friedensnobelpreisträger im Krankenhaus auf dem Venusberg und muss, ohnehin chronisch heiser, wochenlang schweigen, damit seine Stimmbänder sich wieder erholen. Während der Kanzler das Bett hütet und sich nur mit seinem Zaubertäfelchen verständlich machen kann, dreht sich rund um sein Krankenzimmer das Intrigenkarussell. Genossen schmieden Pläne und vor allem Ränke, beäugen und betrügen einander. Die Ehrlichen sind immer halb auf dem Absprung.

Zentrum des Treibens ist der „Rheinblick“, das Feierabend-Lokal für Abgeordnete aller – damals nur drei – Parteien, geführt von der verschwiegenen Hilde. Die Wirtin nimmt am politischen Geschehen um sie her regen Anteil, muss sich aber neutral geben und vor allem eisern schweigen. Politik ist Männersache. Frauen werden gebraucht, um sich bei ihnen auszuheulen. Weil sie nichts zu melden haben, dürfen sie vieles wissen.

Ein paar Kilometer vom „Raumschiff Bonn“ entfernt liegt die Nordstadt, seit damals fälschlich Altstadt genannt, ein graues Viertel von Studenten, Gastarbeitern und alternden Ur-Bonnern – so weit ungefähr vom Regierungsviertel wie heute der Reichstag vom Schlesischen Tor in Kreuzberg. Aber da Bonn viel kleiner ist als Berlin, spinnen sich zwischen den zwei Welten auf engem Raum auch immer dünne Fäden. „Break On Through (To the Other Side)“, spielen die Doors. Die junge Sonja, die in einer WG in der Nordstadt lebt, ist Logopädin auf dem Venusberg und wird von ihrem Chef zu Atemübungen mit dem Bundeskanzler eingeteilt. Brandt mag nicht richtig, nimmt die aufgeregte Sprechtherapeutin kaum wahr. Außerdem kommt ständig ein wichtiger Mann hereingestürmt, meistens Ehmke, und schickt sie vor die Tür. Zu allem Überfluss will ihr Onkel, ein SPD-Mann, sie anstiften, für ihn zu spionieren. Sonja will nicht.

Dabei dominiert Politik auch in ihrer WG. Mitbewohner Kurt ist strammer DKP-Mann und hält moralisierende Vorträge. Dann schlüpft noch Lotti hier unter, eine junge Journalistin aus Baden, verliebt sich, interviewt artig den aufstrebenden Abgeordneten Schäuble aus ihrem Heimatbundesland und forscht, statt für eine Wohlfühl-Reportage in ihrem Heimatblättchen zu recherchieren, dem rätselhaften Tod eines namenlosen Mädchens in Heilsarmee-Uniform nach. Spuren führen in die Politik.

Wer die alte Bundeshauptstadt nicht mehr kennengelernt hat, bekommt Gelegenheit, sie mit seinem Berlin-Bild zu vergleichen. Wer sich an Bonn noch erinnert, gerät ins Nachdenken über die untergegangene Bundesrepublik. Viel Zeitgeschichte und reichlich rheinisches und vor allem bönnsches Kolorit bringt Brigitte Glaser zum Einsatz. Keine prominente Location fehlt: Weder die linke Schumann-Klause, die von ihrem Wirt heute als „Ständige Vertretung“ am Spree-Ufer weitergeführt wird, noch das großbürgerliche „Em Höttche“ am Markt. Aber Glaser trifft ihre Figuren und ihre Szenen ohnehin extrem präzise. Bonn war ein Schachbrett, das begrenzte Züge ermöglichte; nichts lenkte vom reinen Machtspiel ab. Man kannte einander. Selbst als das halbe Land von Willy Brandt und seinen Reformen schwärmte, hatten es Ideen hier schwer, sich gegen den Postenschacher zu behaupten. Im Anhang führt Glaser auf, wer ihr Informationen gab. Die präzise Recherche trägt zum Reiz des Romans erheblich bei. Selbst der Baufortschritt des (abscheulichen) Stadthauses stimmt. Nur ob irgendwo in Deutschland, wie im Roman, 1972 eine Schule nach dem damals noch lebenden und hoch umstrittenen Martin Niemöller benannt war? Wohl nicht. Aber an irgendetwas muss man schließlich merken, dass die Zeitreise doch Fiktion ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion