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Eva Menasse hat einen neuen Erzählungsband veröffentlicht.

Erzählungen

Der Blick eines sterbenden Rehs

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Ein feiner Erzählungsband von Eva Menasse: "Tiere für Fortgeschrittene".

Warum soll das Leben literarischer Figuren eigentlich interessanter sein als das der Leser? Die Protagonisten in Eva Menasses Erzählungen haben zumeist deutlich unterhalb der Zufriedenheitsschwelle die Anforderungen des Alltags zu bewältigen. Es gibt auch mal einen Toten zu beweinen; Erinnerungen und transgenerative Traumata sind zu verarbeiten, sexuelle Wünsche zu ordnen oder auszuleben. Die Kinder werden größer, Marotten müssen in Schach gehalten werden, es scheint immer komplizierter und stressiger zu werden, einerseits anständig zu bleiben und andererseits sich selbst nicht zu vernachlässigen. Und man kann dabei so viel falsch machen und falsch verstehen. Zumal man normalerweise nicht dazu kommt, die Situationen und Gegebenheiten zu analysieren, also die eigene Position auseinanderzuklamüsern von den Sichtweisen derer, mit denen man es zu tun hat.

Diese Zeit nimmt sich die Autorin für ihre acht Erzählungen. Sie differenziert die Beweggründe aus und verrät, was den Personen durch den Kopf geht, während sie sie in aller Kühle Dinge tun lässt, die, milde gesprochen: unlogisch oder unangebracht wirken.

Ein älterer Mann versucht die Demenz seiner Frau zu vertuschen; eine Mutter will sich bei einem Pauschalfamilienurlaub davon erholen, dass ein Freund an Krebs gestorben ist; eine andere Mutter scheitert daran, politisch korrekt mit einem muslimischen Kind in der Schulklasse ihrer Tochter umzugehen; ein Mann fährt durchs Gebirge und begegnet dem Blick eines sterbenden Rehs.

Es dauert stets nur ein paar Sätze, bis man die Bredouille vor Augen hat. Dann kann man zusehen, wie sich die Ausgangslage Knoten für Knoten mehr verfitzt. Das ist sehr vergnüglich, weil es schön formuliert und pointiert aufgeschrieben wurde – und weil alles so begreiflich und nachvollziehbar ist, dass man sich selbst wiedererkennt: Wie auch nicht, es wird menschliches Verhalten beschrieben und deshalb auch der wunderbare Titel: „Tiere für Fortgeschrittene“.

Igel in Eisbechern

Der Clou des Buches sind die den Erzählungen vorangeschickten Tiermeldungen, die Menasse offenbar sammelt. Diese Nachrichten bergen unter der skurrilen Oberfläche oft eine tiefgreifende, manchmal gar tragische Metaphorik, die sich auch auf das Verhalten von Menschen münzen lässt. Igel, die in Eisbechern steckenbleiben; Enten, die nur mit einem Auge schlafen; Schlangen, die sich fester halten, als es nötig wäre; Raupen, deren Speichel Raupenfresser anlockt; Schafe, die gar nicht mehr wegen ihrer Wolle, sondern nur noch wegen ihres Fleisches gehalten werden. Diese Meldungen sind so gewählt, dass der Leser gedanklich immer wieder von der Erzählung zu ihnen zurückkehren kann und so zu Perspektivwechseln verlockt wird, die den Blick auf die Erzählung auffrischen und immer neue Erkenntnisse, Reflexionen und analytische Vertiefungen ermöglichen.

Diese Methode würde sicher auch dem Leser, dessen Leben wie gesagt nicht weniger interessant ist, helfen, Abstand zu gewinnen. Man würde das eigene verquaste Verhalten sicherlich mit mehr Verständnis und auch Nachsicht betrachten, und könnte es, was zum Beispiel in Familienkrächen von Vorteil ist, besser erklären.

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