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Aus dem reich bebilderten Band "Die Reisen des Gerhard Roth" von Klaus Dermutz (Fischer Verlag): Roth im Antiquariat Acqua Alta in Venedig, 2013.

Gerhard Roth zum 75.

Der Blick in das eigene Ohr

Neues zum Jubeljahr des Schriftstellers Gerhard Roth, darunter der Roman "Die Irrfahrt des Michael Aldrian".

Gerhard Roths Wahrnehmungszwang, sein obsessives Mitschreiben der Welt und sein Hang zur großen Form haben zu zwei komplex miteinander verwobenen Romanzyklen geführt, „Die Archive des Schweigens“ (sieben Bände, 1980-91) und „Orkus“ (acht Bände, 1995-2011), die Texte außerhalb der Zyklen und die Fotobände einmal beiseitegelassen.

Nun, in seinem 75. Jahr, hat er sich und uns eine ganze Reihe von Büchern geschenkt: Ein neuer Band mit Fotografien kommt im November, sein Hauptwerk „Landläufiger Tod“ aus dem ersten Zyklus liegt zum ersten Mal vollständig vor, der neue Roman gilt gleich als Eröffnungsband einer neuen Trilogie, und der zweite Band ist im Manuskript fertig, wird also vermutlich 2018 erscheinen.

Der „Landläufige Tod“ (zuerst 1984) war um einige Teile beschnitten, die nach und nach in Einzelbänden erschienen sind. Nun hat der Roman seine endgültige Fassung gefunden, eine der originellsten Lese-Herausforderungen seit den 60er Jahren lässt sich neu überprüfen: Die damals vom Lektorat ‚ausgelagerten‘ Teile sind integriert, Roth hat den gesamten Text durchgesehen und einen neuen Anhang über Bienen und speziell die Krainer Biene hinzugefügt.

Der Roman lässt sich in ein paar Zeilen am besten durch seine Form beschreiben, die dem „Bien“ verpflichtet ist: der Vorstellung der einschlägigen Biologen wie Karl von Frisch, ein Bienenschwarm sei eigentlich ein Organismus, der Bien eben, und die einzelnen Bienen seien die „Zellen“ mit spezifischen Aufgaben. Das nun knapp 1000-seitige Buch hat sieben Teile und einen Anhang. Der stumme, gelegentlich von schizophrenen Schüben geplagte Franz Lindner, Sohn des Dorfimkers, schreibt in der Fiktion den größten Teil dieser Texte nieder – von Morden in der ländlichen Steiermark und ihrem Täter, den er beobachtet hat; von einer neuen Schöpfungsgeschichte, die er sich ausdenkt; streckenweise unternimmt er eine bald parabolische, bald dokumentarische Faschismusanalyse „von unten“, dann bietet er surreale Bilder einer Traumlogik, setzt die Chronologie aus und treibt die menschliche Erkenntnis an den Rand.

Ein Roman als Befreiungsschlag, düster, bestechend, aufregend, in einer sinnlichen, klaren Sprache und in einzelnen Text-„Zellen“, die sich zu einem „Text-Bien“ zusammensetzen, sozusagen Roths Weißer Wal.

Der neue Roman, „Die Irrfahrt des Michael Aldrian“, ist „nur“ halb so dick und für Roths Verhältnisse ein geradezu freundliches Buch: Der Protagonist hat als Souffleur, als maestro suggeritore gearbeitet und kann nach einem Hörsturz seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er will seinen Bruder Jakob und dessen Frau Elena besuchen, die in Venedig leben, er hat auch eine kleine separate Wohnung in deren Haus; er plant, sich länger dort aufzuhalten und für einen Venedig-Reiseführer zu recherchieren, der auch die unbekannteren Seiten jenseits der Touristen-Trampelpfade vorstellen soll.

Aldrian wird nach einem fast komödiantischen Auftakt, der Fahrt mit dem Nachtzug zum Bahnhof Santa Lucia, in eine Verbrechensgeschichte hineingezogen: Jakob und Elena sind verschwunden, er selbst wird bedroht. Nach ersten Rückschlägen bei seiner Suche entwickelt er ungeahnte Fähigkeiten und entdeckt, was ihm seine vorherigen Beschäftigungen nun in kriminellen Zusammenhängen nützen; er hantiert mit den venezianischen Masken, pflegt seine Paranoia – die ihn vor Unangenehmem bewahrt, bekanntlich schützt Paranoia ja nicht davor, verfolgt zu werden –, und verliebt sich zudem in eine Beatrice, die sich als geeignete Seelenführerin erweist, freilich keineswegs so entrückt ist wie die Dantesche.

Man liest sich gebannt durch eine Art Fiebertraum, den Michael Aldrian erlebt, in Erwartung seines Todes, von dem man bis zuletzt nicht weiß, ob er nun eintritt oder nicht, immerhin sind die Lesenden dem ermittelnden Commissario Galli immer eine Nasenspitze voraus.

Nebenbei erledigt Aldrian auch seine Recherchen, er fährt auf die Friedhofsinsel San Michele, geht in die Biblioteca Marciana, das venezianische Staatsarchiv, in die Folterkeller und Bleikammern des Dogenpalasts und auf das Gelände der alten Irrenanstalt San Servolo. Dort sucht er den Friedhof der Kranken – und findet, dass er überbaut worden ist, noch eine letzte Schändung dieser Menschen.

Roth benutzt gängige Venedig-Topoi wie die Verkleidungen und Masken, die Museen und Kirchen, das pedantisch wiedergegebene regionale Essen, das Alltagsabenteuer eines Einkaufens am Fischmarkt, die ‚Schauseite‘ des Dogenpalasts. Auf der anderen Seite gibt es die Gegengeschichte, die grausamen Seiten dieser Märchenstadt mit Entdeckungen, die in der Tat in keinem Reiseführer stehen – wie der Friedhof auf San Servolo.

Ein zentrales Bild für die Logik des Romans ist das Deckengemälde in der Kirche San Pantalon: Es besteht aus 40 einzelnen, zusammenhängenden Bildern auf Leinwand; der Protagonist hat bei seinem ersten Besuch den Eindruck, dort einen Höllensturz zu sehen, einen, der ihn beklommen macht im Eindruck, selbst mitzustürzen. Als er mit einer eingeworfenen Münze die Scheinwerfer anstellt, sieht er das vollständige Bild – einen Aufstieg in den Himmel. Analog lernt er zwei Gemälde des Renaissance-Malers Vittore Carpaccio kennen, die zusammengehören, obwohl das eine in Venedig, das andere in den USA hängt – seine Beatrice hat die beiden 1999 vereint im Palazzo Grassi gesehen.

Wie in Roths Hauptwerk gibt es auch hier surreale Bilder, die allerdings sparsam gesetzt werden – Aldrian hat im Blick aus dem Rang im La Fenice auf den Orchestergraben „für einen Augenblick den Gedanken gehabt, in sein eigenes Ohr zu blicken, in dem die Musik aufgebahrt lag“. Roths Roman ist ein Fiebertraum, in dem sich der Wirklichkeitsstatus permanent wandelt: Mit dem Protagonisten zweifeln wir an unseren Wahrnehmungen, es gibt ja nicht nur Beatrice, sondern eine Fülle von Zeichen, die nicht gleich einzuordnen sind, grausige wie komische, Laurel- und Hardy-Masken, einen Herrn, der Fibonacci heißt, eine abgeschnittene Hand – ist Aldrian der Magier oder der gehetzte weiße Hase? Oder, auch das eine seiner Vermutungen, ist er in seiner Wiener Wohnung, kurz davor, aus dem Fenster zu springen? Je nach „Beleuchtung“ verwandelt sich die Wirklichkeit zwischen Höllensturz und Himmelsflug, ein Buch der Metamorphosen und der Paradies-Vorstellungen: die Paradiese, die die Menschen brauchen, um weiterzuleben, auch im Wissen, dass sie sie nie erreichen werden.

Schließlich sei noch auf den Band von Klaus Dermutz hingewiesen, eine kompakte, gut lesbare Einführung in Roths Gesamtwerk, die so tut, als sei sie eine Monographie über das Reisemotiv bei Gerhard Roth. Dabei ist sie auch eine Biografie des Autors anhand seiner Reisen, intermittierend mit sehr persönlichen Interviews und Fotografien.

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