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Robert Galbraiths alias J. K. Rowling.

Literatur

Was bleibt, ist die Angst

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Selten war London so unleidlich wie im neuen Krimi von Robert Galbraith alias J. K. Rowling.

Olympische Spiele in Londen – erinnert sich noch jemand? Lang ist’s her, als man fiebrig der Jugend der Welt entgegenblickte, und „die Aufregung und Nervosität in der ganzen Stadt spürbar waren“. Die Welt zu Gast bei ihren britischen Freunden.

Von wegen. Es wird nie explizit klar, warum Robert Galbraiths neuer Roman, der vierte um den Londoner Privatdetektiv Cormoran Strike, am Vorabend von Olympia 2012 spielt – außer vielleicht über den Umstand, dass Strike den Ehemann der Sportministerin ausspionieren muss. Ohne zu viel zu verraten: Mit dem Mordfall, der im Mittelpunkt dieses Buches steht, hat das nichts zu tun. Die Spiele geben vielmehr die Stimmung vor, die sich durch die ganzen knapp 900 Seiten zieht, und es ist eine ungute Stimmung – „was nicht zuletzt der ewigen Angst der Nation geschuldet war, sich vor der Welt zum Narren zu machen“, wie Galbraith schreibt. 

Und selten waren die Briten verstockter, abweisender, unleidlicher als hier. Strike, der holzbeinige Ex-Soldat „mit seinem massigen Körper und dem Boxerprofil“, ist da sogar noch der Sympathischste – zumindest, wenn er ein Pint und eine Zigarette in seinen Händen weiß, um damit sein in jeder Hinsicht in Schieflage geratenes Leben auszubalancieren. „Ihre Gesichtsmuskeln schienen sich anzuspannen – wie Seeanemonen, fand Strike, die sich schlossen, sobald sie einen Räuber in der Nähe spürten“, heißt es an einer Stelle über die Sportministerin – nettere Begegnungen wird er nicht haben.

Im Grunde hat Strike selbst allen Anlass, paranoid zu werden. Nachdem er in seinem letzten Fall einen als Shaklewell Ripper notorischen Serienmörder ergreifen konnte, ist seine Anonymität dahin. Sein Geschäft aber, das ihn gerade so jenseits der Obdachlosigkeit hält, beruht ganz wesentlich darauf, dass er unerkannt durch die Straßen schlurfen kann. Außerdem hat er mit Berühmheit per se ein Problem: Sein Vater war ein Rockstar, seine Mutter ein Groupie, und alles, was in seiner Vergangenheit das Adjektiv „schillernd“ provoziert, empfindet er als „psychische Last, die er schon sein Leben lang mit sich herumtrug und die er nur zu gern abgelegt hätte“. 

Zu allem Verdruss scheint der einzige Lichtblick im Dauerhalbdunkel verloren: Strikes Geschäfts- und Seelenkomplizin Robin Ellacott ist nach der Begegnung mit dem Shaklewell Ripper traumatisiert und hat, viel schlimmer noch, ihren ignoranten Parvenu-Freund geheiratet – was beider ohnehin fragile Herzen mehr versehrt, als sie es wahrhaben wollen. Die Wiederannäherung der beiden nimmt große Teile des Romans ein – und ist mindestens ebenso fesselnd wie der Fall.

Ein gewohnt brillant komponierte Krimi 

Ach ja, der Fall. Strikes unfreiwilliger Ruhm spült auch einen verwirrten Jungen namens Billy in sein Büro, „eine jener kranken, trostlosen Gestalten, denen man in der Hauptstadt tagtäglich begegnet und die man nach Möglichkeit ignoriert“. Er behauptet, er habe gesehen, wie ein Kind erdrosselt wurde, vor Jahren, und in eine rosa Decke gehüllt begraben wurde. Dann ist er schon wieder verschwunden – aufgeschreckt von Strikes neuer Sekretärin, die zu offensiv die Polizei alarmiert.

Es ist der Auftakt einer Geschichte, die Galbraith alias Joanne K. Rowling „eines der anspruchsvollsten Bücher, die ich je geschrieben habe“, nennt: Einer Geschichte um Betrug und Verrat, einen Promi-Selbstmord, der ein Mord sein könnte, um Schmuck und Gemälde, die Millionen wert sein könnten, aber auch nichts; um eine irgendwo vergrabene 
rosa Decke, die auch eine Wahnvorstellung sein könnte; und um potenzielle Orte des Bösen – vom Parlament über eine Zelle antisemitischer Linksautonomer bis zu einem Landgut mit „unübersehbaren Anzeichen eines allmählichen Verfalls“. Bisschen viel. Und „Strikes hartnäckige Angewohnheit, erst Ruhe zu geben, wenn er einem Rätsel auf den Grund gegangen war, stellte eine ebenso große Belastung für ihn wie seine Umwelt dar“. Für den Leser bisweilen auch. Wie in den „Harry Potter“-Romanen mäandert die Handlung vor sich hin, verliert sich in Details und auf scheinbaren Nebensträngen, ehe sie sich erst spät, dann aber exponentiell verdichtet. Rowling-Kenner wissen natürlich auch, dass jede vermeintliche Nichtigkeit im weiteren Verlauf der Reihe von entscheidender Bedeutung sein könnte. Dass die Romane auf ein großes Ganzes angelegt sind, das sich erst im finalen Band zeigen wird.

Dieser gewohnt brillant komponierte Krimi endet britisch: im Regen. Olympia ist vorbei, „der September gab sein Bestes, um die Erinnerung an flaggengeschmückte Sommertage wegzuspülen.“ Was bleibt, ist die ewige Angst. Künftig wird man die Welt besser draußen halten aus England. 

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