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Die russische Kosmonautin Valentina Tereschkowa bei einer Übung 1963.
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Die russische Kosmonautin Valentina Tereschkowa bei einer Übung 1963.

Debütroman

Björn Stephan: „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ – Die Nazis treffen sich am Lenin- Denkmal

  • vonKatharina Granzin
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Björn Stephan erzählt von einer Jugend im Durchgangsland der Nachwendezeit.

Die Neunziger waren für viele Menschen, die in der DDR geboren worden waren, eine schwierige Zeit. Für andere waren sie eine Phase des Aufbruchs. Und für solche, die sich sowieso erst einen Platz im Leben suchen mussten, also Kinder, gab es sehr viele Dinge in der Welt der Erwachsenen, die schwer zu verstehen waren. Björn Stephan, der sein Romandebüt unter dem Titel „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ vorlegt, ist Jahrgang 1987. Die jungen Figuren im Buch sind Anfang der neunziger Jahre 13 und 14, fast ein Jahrzehnt älter als der Autor selbst. Stephan verarbeitet also nicht seine eigenen Jugenderinnerungen.

Das erklärt, warum dieser Roman von der Aura einer gewissermaßen überzeitlichen Nostalgie umschwebt ist – ganz anders als etwa Manja Präkels’ „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ oder Christian Bangels „Oder Florida“, zwei Nachwenderomanen, die in deutlich harscherer Weise vom Erwachsenwerden in dieser Zeit erzählen. Auch Björn Stephans Geschichte handelt von den Herausforderungen, die das Jungsein bereithält, wenn unter den Nachbarn Nazis sind. Die Härten jener Jahre werden aber nicht annähernd so spürbar, und selbst die Nazidrohkulisse hat eine eher folkloristische Anmutung.

Einigermaßen plausibel wird diese Haltung durch die äußere Form des Romans: Der Ich-Erzähler ist ein 15-Jähriger, der Ereignisse schildert, die zwei Jahre zuvor stattgefunden haben: Mittlerweile wohnt Sascha mit seinen Eltern in einem Reihenhaus, doch zur Zeit der Handlung lebt die Familie noch in einer schäbigen Plattenbausiedlung am Rande einer Stadt irgendwo im Osten Deutschlands. Saschas einziger Freund ist Sonny, der mindestens ebenso versponnen ist wie er selbst: Während Sascha hingebungsvoll seltene Wörter aus allen Sprachen sammelt, ist Sonny ein so besessener wie talentierter Nachwuchsmusiker.

Das Buch

Björn Stephan: Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau. Roman. Galiani Berlin, 2021. 352 Seiten, 22 Euro.

Die neue Mitschülerin Juri ist es nun, die Saschas Leben durcheinander bringt: Sie weiß alles über Physik, Mathe, Astronomie und heißt eigentlich Jenni. Ihren Spitznamen Juri trägt sie zu Ehren von Gagarin. Sie ist eine Figur wie aus einer anderen Zeit. Mit ihrer Begeisterung für die Heldinnen und Helden der sowjetischen Raumfahrt (ihr Lieblingsbuch handelt von Valentina Tereschkowa, der ersten Frau im All) und ihrer naturwissenschaftlichen Sonderbegabung könnte sie als die „positive Heldin“ eines sozialistischen Kinderbuchs ersonnen worden sein – um so mehr, als sie sich als Kämpferin für das moralisch Richtige erweist. Auch darin ist Juri anders als Sascha, der eines Tages ängstlich und untätig aus der Ferne mit ansieht, wie die beiden lokalen Faschos einen netten alten Perser zusammenschlagen, der ebenfalls in der Siedlung wohnt.

Herr Reza ragt – wie die Leninstatue, die noch in der Siedlung steht – aus einer anderen Zeit in diese Geschichte hinein, ist er doch einst zum Studium in die DDR gekommen und dann geblieben, um den Sozialismus mit aufzubauen. Er schenkt Sascha eine Platte des sowjetischen Musikers Mikael Tariverdiev, deren melancholische Stimmung ziemlich genau den Seelenzustand des 13-Jährigen trifft. Sascha ist in Juri verliebt, die davon aber nichts merkt. Denn sie ist viel zu beschäftigt damit, Pläne zu schmieden, wie die Faschos, die offenbar größeres Übel planen, ausspioniert werden könnten...

Es ist eine im Grunde recht gewagte Mischung, die Björn Stephan angerührt hat. Im Gestus eines Kinder- oder Jugendbuchs mit Detektivelementen – vieles erinnert an Andreas Steinhöfels Rico-und-Oskar-Bücher – transportiert dieser Roman eine Menge Zeitkolorit. Atmosphärisch ist das schön zu lesen, andererseits in seiner nostalgischen Haltung auch zu hinterfragen. Nicht, weil es nicht absolut in Ordnung wäre für einen jungen Schriftsteller, das Leben im Plattenbau ein wenig zu verklären und auch die heroischen Seiten des real existierenden Sozialismus, den er selbst nie erlebt hat, aus Spaß etwas zu glorifizieren. Aber sollte man im Jahr 2021 wirklich so tun, als seien die Neunziger eine ferne Vergangenheit, die mit unserem Heute rein gar nichts zu tun hat?

Anders als die übriggebliebene Leninstatue ist übrigens Valentina Tereschkowa, die als Juris Heldin einen wichtigen symbolischen Platz im Buch besetzt, noch überaus lebendig. Im letzten Jahr war es diese 84-jährige Heldin der Sowjetunion, die als Abgeordnete der Duma jene kürzlich verabschiedete russische Verfassungsänderung ins Rollen brachte, die nun dazu führt, dass Wladimir Putin praktisch auf Lebenszeit über den größten Flächenstaat der Erde wird herrschen können.

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