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Der bittere Zuckerberg

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Von: Sylvia Staude

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Der an der "westdeutschen Ostseeküste" (sein Verlag) geborene Stefan Kiesbye hat "Nebenan ein Mädchen" veröffentlicht.

Der an der "westdeutschen Ostseeküste" (sein Verlag) geborene Stefan Kiesbye hat vor vier Jahren seinen ersten Roman "Next Door Lived a Girl" in den USA veröffentlicht, wo er seit längerem lebt. In einem fiktionalen norddeutschen Ort namens Wedersen spielt "Nebenan ein Mädchen", der Zweite Weltkrieg ist noch nicht sehr lange vorbei, Jungs vertreiben sich die Zeit mit Bunker-Erkundungen und mit einer Art Bandenkämpfe - die "Füchse" gegen die "Dachse" -, die immer gewalttätiger werden, weil jede Rache mit Rache beantwortet wird. Dicht und prägnant und hart ist dieser Roman, die amerikanischen Kritiker lobten ihn sehr, und eigentlich ist es verwunderlich, dass der Frankfurter Verleger Jens Seeling ihn zufällig entdecken musste, so dass er nun 2008 auf Deutsch erschien - übersetzt vom Autor selbst.

"Nebenan ein Mädchen" wurde schnell auf die Krimiwelt-Bestenliste gewählt. Dort steht der Roman kein bisschen in der Tradition eines Whodunnit, sondern in der etwa von Andrea Maria Schenkels "Tannöd": Jedes seiner wenigen Worte - es sind nur gut hundert Seiten - vertieft die Dunkelheit, zieht in den Strudel; die Handlung, das merkt man bald, spitzt sich auf ein hässliches Ende zu.

Die Erwachsenen kümmern sich kaum um die Kinder, außer, wenn sie in ihnen mögliche Sexualpartner sehen. Die Kinder und Jugendlichen rotten sich zusammen, weil sie allein noch eher unter die Räder kommen würden. Es gibt einen Laden in Wedersen, in dem, na klar, geklaut wird. Es gibt eine Wurst- und eine Süßwarenfabrik und ein Wohngebiet, das, welche Ironie an diesem bitteren Ort, "Zuckerberg" heißt. Moritz, Erzähler der Geschichte und einer der "Dachse", verdient sich auf einem Schrottplatz ein bisschen Geld.

Durch Zufall entdecken die Jungs ein Mädchen, das von seiner Mutter als Gefangene gehalten wurde (die Mutter ist nun tot). Ob Nachbarn das wissen konnten, bleibt offen; jedenfalls interessiert es den einen, der von dem Fund erfährt, einen Dreck. Also bringen die Dachse das Mädchen im Wald unter, der eine bittet seine Freundin um Kleidung, die anderen lassen Essen mitgehen.

Es riecht nach Penaten-Creme

Am meisten erstaunt vielleicht, dass das, was heute als Verwahrlosung ein großes Thema ist, hier in einer Zeit passiert, als angeblich nur lauter treusorgende Mütter am Herd standen. Es riecht nach Penaten-Creme in "Nebenan ein Mädchen", aber nur, weil Moritz seinem Vater die von der Arbeit müden Beine damit massieren muss.

Die kurzen Kapitel heißen "Die Eisdiele" oder "Nachtfahrt" oder "Herr Steinhoff fällt einen Baum". Was unter diesen Überschriften dann erzählt wird, ähnelt oft schlechten Träumen, wie man sie haben kann, wenn man aus Versehen in der prallen Sonne einschläft. Schwarz-weiß sind viele der Bilder, die vor dem inneren Auge entstehen - aber sie enthalten so überraschend viele Grautöne, dass das völlig reicht.

Stefan Kiesbye:

Nebenan ein

Mädchen.

Jens Seeling Verlag,

Frankfurt 2008, 112 Seiten,

10,80 Euro.

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