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Das bittere Ende im Blick

Amos Elon erzählt die Geschichte der deutsch-jüdischen Epoche vor 1933 in Porträts

Von Claudia Schmölders

Gäbe es ein Gegenteil zur postmodernen Geschichts-Lektüre von Hayden White - Historiographie als Romankunst -, es müsste die Geschichte der Juden sein. Ein Modell existenzieller Historie, die jede ironische Dekonstruktion in den Sandkasten verweist. Weder Tragödie noch Komödie, nicht Satire noch Romanze kommen als Erzählhaltung vor, sondern ganz andere, vor-, wenn nicht subsäkulare Kategorien. Ausgehend von der wuchtigen Vätergeschichte des Alten Testaments über die allmähliche Verfertigung eines sich emanzipierenden historischen Bewusstseins bis hin zur dramatischen Identitäts-Setzung in Zeiten der Verfolgung und Auslöschung, die wieder ins Religiöse, zur Metaphysik der Verzweiflung zurückführen.

Wie und in welcher Erzählhaltung kann sich von dort aus das säkulare Subjekt erneut in einer Prozessgeschichte der Anerkennung konstituieren ? Und ganz besonders in Deutschland ? Das ist die Frage aller Arbeiten, die etwa seit 1989 zum Thema erscheinen und mit wechselnder Emphase Daniel Goldhagens Verzweiflung an den Deutschen entgegenarbeiten möchten. Zwar hat auch Goldhagen immer wieder betont, die Bundesrepublikaner seien nicht mehr zu fürchten - doch bestürzen immer wieder aufflackernde Skandale ebenso wie Forschungen zum "Dritten Reich" mit neuem Material, vor allem zur Alltagswelt.

Alltag heißt nun auch seit einiger Zeit die Devise zur jüdischen Geschichte in Deutschland; ein Alltag, der offenbar doch über Jahrhunderte und stellenweise durchaus erträglich, wenn nicht lebbar oder sogar erfolgreich verlaufen ist. Frank Stern und, als Mitglied einer Arbeitsgruppe unter der Ägide des Leo-Baeck-Institutes, Marion Kaplan haben sich jüngst dieser "Geschichte von unten" und ihren freundlicheren Aspekten zugewandt, nicht ohne beständigen Blick auf den Holocaust. So ergibt sich gleichsam ex negativo eben jene Erzählhaltung, die Erich Auerbach in Mimesis (1949) als spezifisch jüdische Stil-Innovation ausgemacht hat: ein Erzählen vom Alltag mit unvermitteltem Einbruch der Transzendenz, hier also der Dämonie der Verfolgung.

Einen anderen, grundsätzlich säkularen Einstieg nimmt Amos Elon, politischer Journalist, Historiker (Schüler von Isaia Berlin) und Biograph von Theodor Herzl und Meyer Amschel Rothschild. Rund dreißig jüdische Schicksale zwischen 1743 und 1933 werden in seiner Trauerarbeit miteinander und mit der deutschen Geschichte verflochten erzählt, immer anrührend, spannend und analytisch zugleich, angefangen von Moses Mendelssohn und der Aufklärung über die hart erkämpften emanzipatorischen Lebensläufe einer Rahel und eines Heine, Börne oder Marx.

Das Buch nennt viele einst hochberühmte Namen des 19. Jahrhunderts, die einem heutigen breiteren Publikum nicht mehr gegenwärtig sind: Bamberger und Auerbach, Simson und Bleichröder zum Beispiel. Dass der Jurist Eduard Simson, Parlamentspräsident in der Paulskirche, gleich zwei Mal einem deutschen König die Kaiserkrone antrug - wer weiß davon noch ? Elon rührt auch an neuere Tabus. Im Gegensatz zu Stern (und zum Jüdischen Museum in Berlin) widmet er der jüdischen Linken viele Seiten: also Karl Marx, Eduard Lasker, selbst Rosa Luxemburg. Er scheut sich nicht, assimilatorische Verführungen wie die jüdische Kriegsbegeisterung von 1914 oder die ideologischen Ausbrüche eines Rathenau darzustellen, und immer wieder blickt er auch auf antisemitische Szenen in England, Frankreich oder Russland.

Auch dieses Buch hat unaufhörlich das bittere Ende im Blick, schmerzlicher gar als die andern, eben weil es die Vorgeschichte als Leben unalltäglich begabter und streckenweise erfolgreicher Juden erzählt. Lässt sich eine (Sozial-)"Geschichte von unten" überhaupt denken, wenn jene "von oben" nicht auch präsent ist ? Konnte man jüdisches Leben in Deutschland um 1918 wahrnehmen, ohne etwa an Ullstein, Mosse und Wolff, Einstein, Rathenau und Reinhardt zu denken?

Amos Elons narratives Verfahren hat Tradition. Schon die erste hebräische Zeitschrift der Aufklärungsbewegung Haskala in Deutschland wollte in jeder Nummer berühmte Juden biographieren. Auch Maximilian Harden bot mit seinen höchst erfolgreichen Büchern über berühmte Deutsche (Köpfe, in vier Bänden seit 1911) solch eine Identitätserzählung. Dass es eine im Kern melancholische Narration sei, hat Hannah Arendt 1948 konstatiert. In ihrer Besprechung der Autobiographie von Stefan Zweig fühlte sie sich an den Kult der "großen Männer" erinnert. Besonders die Juden, schrieb sie, hätten diesem gehuldigt: Durch Ruhm und Ansehen schüfen sich gesellschaftlich heimatlose Menschen Heimat und Gleichberechtigung.

Arendt verband diese Figur des sozialen Aufstiegs mit der Bedeutung des Theaters in Wien um 1900. Hier hat Frank Stern von Arendt gelernt, wenn er jüdisches Leben in Deutschland beginnen lässt mit dem mittelalterlichen Minnesänger Süßkind von Trimborn und gipfeln (nicht enden) in jener leidenschaftlich visuellen Theatralik der 20er Jahre, deren Schaulust zwar institutionell einen Welterfolg namens Hollywood schuf, die aber in Deutschland kraft physiognomischer Rassenhetze zum Tode führte. Vor diesem Hintergrund gewinnt wiederum die Alltagsgeschichte an Wert. Sie lässt sich nicht nur als Bollwerk gegen vorschnelle Verallgemeinerungen, sondern auch gegen sinnlose Visualisierungen lesen. "Innige und lebenslange Freundschaften" zwischen Juden und Christen, von denen Marion Kaplan auf einer Berliner Veranstaltung sprach, sind keine bühnengerechte Pathosformeln. Es sind vielmehr Ethosformeln, denen nur das ruhige, genaue Erzählen zu öffentlichem Bewusstsein verhilft.

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