Marcel Proust (1871- 1922) circa 1910.
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Marcel Proust (1871- 1922) circa 1910.

Marcel Proust

Bitte deuten Sie selbst!

Jean-Yves Tadiés große Marcel Proust-Biographie brilliert mit einer unglaublichen Materialfülle und verführt die Leser gerade deshalb zur Mündigkeit. Von Ina Hartwig

Von INA HARTWIG

Zwölf Jahre Wartezeit, seit das französische Original erschienen ist. Da hat sich viel Nervosität angestaut bei den Betroffenen. Doch jetzt ist sie endlich da, die deutsche Ausgabe von Jean-Yves Tadiés großer Proust-Biographie. Wer auch nur ein bisschen eingeweiht war, kann es noch gar nicht glauben. Max Looser nämlich, der vor zwei Jahren völlig unerwartet gestorben ist, hatte sich mit Haut und Haaren nicht nur der Übertragung Tadiés ins Deutsche verschrieben, sondern zugleich dessen Korrektur und Ergänzung. Die Folge: ein enorm angeschwollener Anmerkungsteil. Suhrkamp, bedrängt vom Pariser Verlagshaus Gallimard, wo man auf Einhaltung des Vertrags pochte, hatte letztlich nur eine Möglichkeit: Loosers nachgelassenes Manuskript auf ein "vernünftiges" Maß herunterzulektorieren.

Belassen wir es bei der Andeutung - die Arbeit dürfte für das Lektorat unermesslich gewesen sein - und freuen uns, dass die deutschsprachigen Leser und Fans sich endlich auf diesen Meilenstein der Proust-Biographik stürzen können. Nur ein bisschen Trauer mischt sich in das Glück, weil Max Looser, dieser besessene Schweizer Witzbold, die Genugtuung über das Vollbrachte nicht mehr erleben darf.

Über die frühe Kindheit von Marcel Proust, schreibt Jean-Yves Tadié, ist nicht allzu viel bekannt. Man muss sie sich wohl glücklich vorstellen, nicht nur wegen des Wohlstands der Familie, sondern auch der ungemeinen Freiheit wegen. Die Sprösslinge des Großbürgertums am Ende des 19. Jahrhunderts genossen weit mehr als heute eine gedehnte Zeit: So hat der kleine Marcel Proust, geboren 1871 in Auteuil, erstmals mit elf Jahren eine öffentliche Schule besucht, das Lycée Condorcet in Paris, eine Schmiede der zukünftigen Führungsschicht des Landes. Zu den Zöglingen gehörte beispielsweise Henri Bergson.

Marcel war häufig krank und dennoch ein guter Schüler, nicht aber das Wunderkind, dem man bereits hätte anmerken können, dass aus ihm einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts würde. Die Zeit vor dem Lycée, als Marcel Hausunterricht von dem Duo Mutter und Großmutter bekam, als er lange Sommerferien auf dem Land verbrachte, frei von Drill und Zwängen, war ganz offenkundig der Nukleus dessen, was unter dem Titel "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" in die Literaturgeschichte der Moderne eingehen sollte.

Es wäre sicherlich ergiebig, und Tadié liefert hierfür genug Stoff, über die pädagogischen Methoden am Fin de Siècle, die den Gymnasiasten ganz bestimmt nicht den Hals zugeschnürt haben, sondern (männliche) Persönlichkeiten zu fördern trachteten, weiter zu sinnieren. Doch ist bei der Lebensgeschichte eines letztlich so exzentrischen Schriftstellers wie Marcel Proust der individuelle Pfad dann doch wichtiger. Zwischen Sozialgeschichte, Psychoanalyse und Werkgenese geschickt lavierend, legt der Biograph sein Augenmerk auf das, was er "innere Erfahrung" nennt.

Tadié, zugleich Herausgeber der vierbändigen Pléiade-Ausgabe von "A la recherche du temps perdu" (1987-89) und zudem Proust-Forscher seit Ende der fünfziger Jahre, hat sich trotz der schier bewundernswürdigen Materialfülle eine zupackende Art bewahrt. Sein Credo: Es bleiben die ungelösten Fragen. Und: Erzählen ist einfacher als Interpretieren. Wobei er - gegen einige seiner Vorgänger, allen voran George D. Painter - die Biographie auf die Interpretation verpflichtet.

Tadié lässt es sich nicht nehmen, aus dem vermutlich erstaunlichsten Brief zu zitieren, den Proust je geschrieben hat, adressiert an seinen Großvater mütterlicherseits, den Börsenhändler Nathé Weil. Und in der Tat wird durch diesen Brief mehr über den Familiengeist gesagt, als jede historisch-soziologische Untersuchung es vermöchte.

An den "lieben kleinen Großpapa" schreibt der fünfzehnjährige Marcel, er brauche "dringend 13 Francs": "Und zwar deshalb: Ich musste unbedingt eine Frau sehen, damit ich mit meiner schlechten Gewohnheit, zu masturbieren, aufhören kann, so dass Papa mir 10 Francs fürs Bordell gegeben hat, aber 1. habe ich in meiner Aufregung einen Nachttopf zerbrochen, der kostet 3 Francs, und 2. konnte ich in derselben Aufregung nicht vögeln. Ich stehe jetzt wie zuvor da, nur dass ich nochmal 10 Francs brauche, um mich zu erleichtern, plus 3 Francs für den Topf. Aber ich wage nicht, Papa so schnell wieder um Geld zu bitten, und ich habe gehofft, dass Du mir in dieser Situation zuhilfe kommen wirst..."

Noch reizvoller erscheint dieser Brief, wenn man bedenkt, dass der pubertäre Marcel just in dieser Zeit anfing, seine Schulkameraden zu hofieren, um nicht zu sagen: zu bedrängen. Er war nicht in der Lage und offensichtlich nicht willens, seine erotischen Empfindungen gegenüber - etwa - Jacques Bizet zu unterdrücken. Er hat in Briefen auch seine phantastische Sexualmoral preisgegeben, dass doch nichts dabei sei, wenn zwei sich gewogene Jungen zusammen onanierten. Es ist davon auszugehen, dass Prousts Eltern über die Neigung ihres Erstgeborenen absolut im Bilde waren. Und hier beginnt die Interpretation, die Tadié in diesem Fall der Leserin überlässt: Möglich, dass Marcel in seinem Brief an den Großvater von seiner Homosexualität abzulenken versuchte, indem er sich das Mäntelchen des Habitué überwarf.

Prousts Vater war als Mediziner und Universitätsprofessor nicht nur der Aufsteiger der Familie, was eine gewisse Anspannung erklärt, sondern auch Spezialist auf dem Gebiet der Hygiene und der Cholera-Prophylaxe. Die Ratten als Krankheitsträger auszumerzen hatte sich der eifrig publizierende Docteur Adrien Proust auf die Fahnen geschrieben. Doch als Marcel noch ein Kind und Teenager ist, hat der strenge Vater vor allem eine Sorge: dass das ständige Masturbieren ihm schaden könnte. Wie offen über diese Dinge innerhalb der Familie gesprochen wurde, und welche Methoden zur Eindämmung des "Lasters" als opportun galten, ist aus heutiger Sicht mehr als verwunderlich.

Der Biograph hält es durchaus für möglich, dass Proust im eigenen Leben über die Praxis der Masturbation nie hinausgekommen ist. Nicht einmal mit dem Komponisten Reynaldo Hahn, seinem lebenslangen Freund, den er in den ersten Briefen so gefühlvoll wie eifersüchtig anspricht, soll Marcel sexuell aktiv gewesen sein? "Bis heute", konstatiert Tadié, "ist kein einziger Liebesbrief überliefert". Das Tagebuch Hahns, noch ist es gesperrt, wird vielleicht eines Tages Aufschluss geben. Hervorzuheben ist: Tadié setzt die Sexualmärchen, in denen der Brite George D. Painter noch skrupellos schwelgte, nicht fort.

Vielmehr lässt er die Möglichkeit einer äußerst kümmerlichen Sexualbiographie zu, der eine exorbitante Phantasieleistung gegenüberstand. Ebenso wenig setzt Tadié die üppigen Erzählungen des mondänen Lebens fort; diese Tableaux erreichten in Painters zweibändiger Proust-Biographie (dt. 1962/68) die Qualität des historischen Romans, lästert Tadié, dazu ersonnen, den Kraftakt der Lektüre der "Recherche" überflüssig zu machen. Immer wieder blitzt Painter als Negativfolie auf. So wie Proust "Gegen Sainte-Beuve" anschrieb, so kämpft Tadié gegen seinen britischen Vorgänger. Doch die schwierige Grundsatzfrage bleibt: Will man als Leser einer Biographie das Gemälde oder das Puzzle geboten bekommen, den Bogen oder das Detail, die Vorlage im Leben oder die Verwandlung im Werk?

Mit Bewunderung nimmt man die Gratwanderung zur Kenntnis, die Tadié zwischen soziologischer Typologie - was bedeutet es, in jener Zeit ein Schriftsteller, ein Kranker, ein Homosexueller zu sein? - und künstlerischer Individualität meistert. Dabei vermeidet er jede Pathologisierung, etwa der symbiotischen Mutter-Beziehung Prousts, wie es, wenn auch liebevoll, Ronald Haymann in seiner gar nicht so üblen Proust-Biographie (dt. 2000) getan hat. Haymann meinte, das Verhältnis zwischen Sohn und Mutter sei neurotisch - Proust lebte noch mit über dreißig Jahren und bis zu deren Tod mit ihr zusammen! -, und diese habe ihn "viel zu lange" vom Schreiben abgehalten. Damit ist ein in der Tat wunder Punkt berührt. Denn auffällig ist: Erst nach dem Tod seiner Mutter 1905 (der Vater war 1903 gestorben) hat Proust den entscheidenden Komplex seines Romans in Angriff nehmen können: "Sodom und Gomorrha".

Wenn Proust schon kein rauschender Liebhaber war, so doch ein Genie der Freundschaft. Nicht nur mit Leuten seiner eigenen Gesellschaftsschicht war er befreundet, nicht nur mit den Salondamen, die ihn amüsant fanden, sondern auch mit "einfachen" Leuten wie Alfred Agostinelli, seinem angebeteten Chauffeur, und mit der unvergleichlichen Céleste Albaret, seiner Haushälterin seit 1913, die ihr Leben ganz dem nachts arbeitenden und tagsüber schlafenden, dem geräuschempfindlichen, drogenabhängigen Schreiber zur Verfügung stellte. Sie wurde von Proust belohnt mit einer an Liebe grenzenden Freundschaft, und so ist es nicht von ungefähr, dass Tadié seine Biographie mit einer Hommage an Céleste enden lässt. Céleste, die in den letzten Wochen die Ärzte von dem Todkranken ferngehalten hat, auf dessen Anweisung, versteht sich; einschließlich des Bruders Robert Proust, der dem bis auf die Knochen abgemagerten Marcel dann doch die Augen zudrücken sollte, am 18. November 1922.

Mag sein, dass Agostinelli für Proust echte Freundschaft empfand, auch wenn der gelernte Mechaniker den maßlos in ihn verliebten Schriftsteller gnadenlos ausnutzte. Das bleibt im Dunkeln. Die Briefe Prousts an Agostinelli sind, bis auf einen, vernichtet worden; Agostinellis Familie fürchtete wahrscheinlich den Skandal. Aber das Licht der Scheinwerfer, die Agostinelli mit seinem Automobil nachts auf die Kathedrale von Lisieux geworfen hat, einzig und allein für "Monsieur Marcel", dieses Licht leuchtet immer noch in der "Recherche".

Die Vorstellung eines "gesunden" Lebens ist für Künstlerbiographien eine Sackgasse. Wer tadelt, bringt seine Moralvorstellungen ein, und nichts liegt dem Biographen ferner. Dies gilt eben auch für die wichtigste Beziehung im Leben Prousts, die zu seiner Mutter. Ja, er war ein Muttersöhnchen. Ja, sie versuchte Kontakte zu jungen Männern zu unterbinden. Ja, sie war überbeschützend. Aber sie hat an Marcel - von Tadié doppelt unterstrichen - eine unangestrengte Bildung und eine humoristische, ironische Lebenshaltung weitergegeben, von der seine Leser bis heute profitieren.

Nebenbei dürfte dieses Talent, andere zu unterhalten, kombiniert mit extremer Belesenheit und hemmungsloser Schmeichelei, sein Eintrittsbillett in die Pariser Gesellschaft gewesen sein. Proust hat es geschafft, in die feinen Salons vorzustoßen, und keineswegs durch berufliche Meriten. Es war, betont Tadié, eigentlich nicht üblich, dass ein gutbürgerlicher Jude Kontakt zum katholischen Adel aufnahm. Er hebt zugleich hervor, dass Proust sich nicht als Juden sah. Und in der Tat praktizierte der jüdische, mütterliche Zweig seiner Familie keine Religion. Marcel Proust war republikanisch gesinnt, liberal eingestellt und genauso weltlich wie sein Vater, der katholische Naturwissenschaftler und rasant aufgestiegene Kleinbürger aus der Provinz. Warum sollte sich Proust also als jüdisch ansehen? Und doch: Eine "Mischehe" wie die zwischen Adrien Proust und Jeanne Weil, darauf weist Tadié sehr deutlich hin, war keine Selbstverständlichkeit - und nur möglich, weil Jeanne zusicherte, ihre Kinder taufen zu lassen. Sie selbst allerdings ist nie zum Katholizismus konvertiert; sie blieb, so gesehen, eine jüdische Mama.

Die "Recherche" ist, wie wir wissen, bevölkert von markanten jüdischen Figuren, von dem Snob Swann bis zu dem Parvenü Bloch, und nicht zu vergessen Leutnant Dreyfus - den Proust nicht erfinden musste. Zum Helden hat er den bedauernswerten, des Landesverrats angeklagten Dreyfus im Werk keineswegs stilisiert, während Proust im politischen Alltag selbstverständlich auf dessen Seite stand. In der "Recherche" wiederum erscheint die Gesellschaft förmlich zerrissen in zwei Lager. Vielleicht darf man es so sagen: Der Antisemitismus, der in der Dreyfus-Affäre alle erdenklichen Farbnuancen annahm und Anhänger wie Gegner ins Taumeln brachte, der Antisemitismus stellt neben der Homosexualität die große Prüfung für die Gesellschaft der "Recherche" dar.

Das Genie Prousts zeigt sich nicht nur darin, die gefährliche, von sexuellen und sozialen Triebströmungen durchwirkte Ambivalenz erkannt und beschrieben zu haben, sondern die herrlichsten Funken der Komik daraus zu schlagen. Um diese Komik zu genießen, müssen wir allerdings zurückkehren zum Werk. Der Biograph hat seine Arbeit getan, er entlässt seine Leser in die Mündigkeit.

Jean-Yves Tadié: Marcel Proust.

Biographie. Aus dem Französischen von Max Looser.

Suhrkamp Verlag,

Frankfurt/M. 2008, 1266 S., 68 Euro.

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