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Wo bist du, Kuss?

Angela Krauß weckt Hoffnungen, die sie nicht erfüllt

Von Navid Kermani

Der Titel rührt an die Sehnsucht, die das Märchen weckt: durch einen einzelnen, unerwarteten Kuss verwandelt zu werden. Die Welt bleibt den Instantprinzessinnen und Froschkönigen das gleiche, nur dass alles sich ein Stückchen verrückt hat: die Mundwinkel der Menschen, die einen zuvor grimmig angeschaut haben, sind nach oben gerutscht zu einem Lächeln; die Hunde bellen wie vorher, nur dass man sie plötzlich versteht; die Füße gehen weiter auf der Erde, nur scheinen sie mit jedem Schritt auf ein Luftpolster zu treten. Vielleicht gibt es Märchen überhaupt nur deshalb: um die lebenswichtige Vorstellung zu nähren, aus der Realität weggehoben werden zu können, weggezaubert, Weggeküsst.

Märchen müssen sich gewöhnlich entscheiden: Entweder erzählen sie, wie es zur Verwandlung kommt, oder sie erzählen, wie es ist, verwandelt zu sein. Angela Krauß hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden, aber weil ihr Büchlein nicht als Märchen daherkommt, wird die Ich-Erzählerin in kein Wunderland geküsst, sondern findet lediglich ihre Welt von einem auf den anderen Morgen zum Küssen: "Ich trete zum Frühstück aus dem Haus und will verführt werden."

Ein solcher Satz schon zu Beginn der dritten Seite - da geht doch was, denkt der Leser und freut sich auf eine Reise durch den traumhaft gewordenen Alltag einer (ostdeutschen) Großstadt. Die lustvolle Erwartung, die er mit der Protagonistin teilt, hält noch an, als diese im zweiten Kapitel einen Zoo besucht: "Zwei, drei Schritte, und ich bin aus der Pflicht, die Welt zu verstehen, entlassen." Tiere!, natürlich, ein wunderbar Einfall, um weibliches Begehren leise zu ironisieren, Löwen, Elefanten, Ochsen: lauter Supermänner. Aber leider bleibt es bei der Behauptung eines Zoobesuchs; kein einziges Vieh, das mit Obacht beschrieben wäre, und dem Leser dämmert langsam, dass die Erzählung die Lust zwar ständig im Munde führt, aber vor des Menschen tierische Gelüsten die Augen niederschlägt, sei es aus Ehrfurcht oder Scheu. Auch vom Zauber, den sogar - oder gerade - ostdeutsche Städte nach der gelegentlich ins Spiel gebrachten BRDigung bereithalten, wird nichts offenkundig. Statt ihren eigenen Hinweisen auf Sexualität und Gesellschaft nachzugehen, folgt sie den langweiligsten Spuren der Verzauberung, nämlich seiner Psychologie: eine Alice ohne rechtes Wunderland.

Als nächste Station erwartet sie und uns eine Konditorei, wo zwischen Mandelsplitter und Käsesahne doch aller Platz der Welt wäre, um Sehnsüchte zu kosten, aber nur zwei, drei Seiten, und der Rezensent ist aus der Hoffnung, das Buch zu lieben, entlassen. Da kommt nichts mehr, kein Mensch aus Fleisch und Blut, nicht einmal der erwartete Ochse, nur Gespräche über Eric Rohmer. Dabei werden die Konversationsfetzen nicht weniger banal, nur weil Angela Krauß sie in den Nebel des Traumhaften taucht. Ihn durch bloße Worte fühlbar werden zu lassen, bedarf es am allerwenigsten des Nebulösen. Nichts will so minutios geschildert werden wie der Traum.

Dass seine Worte härter klingen, als sie der Rezensent meint, ist seiner Enttäuschung geschuldet und diese wiederum der Erwartung, die das Buch selbst weckt. In der Anlage ist es nämlich berückend, es liest sich angenehm, die Sprache ist luftig, nicht beschwert mit unnützen Konstruktionen und falschen Bildern. Gern würde man der Protagonistin folgen, die da so leichten Schrittes in die Welt geht. Aber dann geht sie gar nirgends hin. Man liest und liest und hofft noch lange, nachdem man es schon besser wissen müsste, man hofft noch immer, weggeküsst zu werden von der Erzählung, aber dann ist sie auch schon vorbei - weggelesen.

Angela Krauß: Weggeküsst. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 105 Seiten, 12,90 €.

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